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Wirtschaftsgeschichte Es lebe die Spekulation!

Sie gelten als Hasardeure und werden als Windbeutel des Kasinokapitalismus gescholten. Doch die Geschichte zeigt: Ohne Spekulanten gibt es kein Wachstum und keinen Wohlstand.

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Kasinokapitalismus? Ach was. Ohne Spekulanten kein Wohlstand. Quelle: dpa

Sucht man in diesem Wahlkampf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Parteien, so findet man: den Zorn auf Spekulanten. Aus Sicht der Neonazis von der NPD beispielsweise sind die "Finanz-Ganoven" für Deutsche das, was Kinderschänder für Grundschüler sind: Personenkreise, die die "Höchststrafe" verdienen, weil diese sich am arischen Nachwuchs und jene sich am "Volksvermögen" vergreifen. Die Linken wiederum halten Spekulanten für "Taliban in Nadelstreifen", so hat es die stellvertretende Fraktionschefin Gesine Lötzsch im Bundestag zu Protokoll gegeben - mit dem feinen Unterschied, dass die SED-Erben die "Taliban mit Kopftuch" schonen wollen.

Womit die Deutschen am liebsten zocken
Platz 15: RWEDer zweitgrößte Energieversorger Deutschlands RWE hat es derzeit nicht leicht. Zwar konnte RWE einen Rechtsstreit mit Gazprom gewinnen, hob seine Prognose aber nicht an - das enttäuschte die Anleger. Größtes Problem für die deutschen Versorger bleibt immer noch die Energiewende. Einige wetten bei der Aktie auf ein Comeback. Man kann aber auch mit Zertifikaten auf die RWE-Aktie wetten. Insgesamt handelten die Deutschen mit dem Basiswert RWE Zertifikate im Volumen von 80 Millionen Euro. Quelle: dpa-dpaweb
Platz 14: MDaxDer kleine Bruder des Dax schlägt den großen Index bei der Performance um Längen. Allerdings gilt der MDax als schwankungsanfälliger. Als Spekulationsobjekt ist der MDax jedoch nicht so beliebt wie der Dax. Die deutschen Investoren orderten Zertifikate auf den MDax in einem Gesamtvolumen von 87 Millionen Euro. Quelle: dpa
Bayer Logo Quelle: dpa
Platz 12: BMWDie Aktie des Premium-Autobauers hatte in den vergangenen Jahren eine tolle Performance. Gemeinsam mit Audi und Mercedes kämpfen BMW um das Premiumsegment, wobei Mercedes zuletzt deutlich abgehängt wurde. BMW ist auch ein beliebter Zockerwert für die Deutschen. Sie handelten Zertifikate im Volumen von 104 Millionen Euro. Quelle: dpa
Platz 11: GoldBei kaum einem Anlageprodukt scheiden sich die Geister so stark wie bei Gold. Während die einen die Goldrally für beendet erklären, schwören die anderen auf die gelben Barren in dem Glauben, die Euro-Krise werde sich verschärfen. Kein Wunder also, dass auf Gold auch viel spekuliert wird. Die Deutschen orderten Zertifikate im Wert von insgesamt 106 Millionen Euro. Den größten Teil mit 96 Millionen Euro bildeten die Index- und Partizipationsscheine. Quelle: dpa
Platz 10: Nikkei 225Die Geldflut der japanischen Notenbank hat die japanischen Aktien in die Höhe getrieben. Erste Anzeichen einer Besserung der Wirtschaftslage gab es auch. Die Notenbanken, einschließlich der Bank of Japan, rücken immer mehr in den Fokus der Marktteilnehmer. Japan wurde damit für deutsche Anleger wieder interessant. Sie handelten Zertifikate auf den Nikkei im Volumen von 110 Millionen Euro. Quelle: AP
Platz 9: EonDer Energieversorger Eon hat mit der Energiewende zu kämpfen. Versorger-Aktien sind für ihre hohen Dividenden bekannt, da der Kursverlauf der Aktien recht unspektakulär ist. Anleger wetten gerne mit der Eon-Aktie, und zwar in einem Volumen von 110 Millionen Euro. Am meisten handelten sie Discount- und Bonus-Zertifikate. Quelle: REUTERS

Etwas zivilisiertere Töne, wenn auch nicht weniger deutliche, schlagen die demokratischen Parteien an. Die staatsverliebte SPD will Spekulanten mal die "rote Karte" zeigen, ihnen mal "den Stecker ziehen" (Sigmar Gabriel, der Chef), sie manchmal auch nur "zähmen" oder "bändigen" (Peer Steinbrück, der Kandidat). Die Law-and-Order-Union wiederum verspricht kraftmeiernd, "den Spekulationssumpf" trockenzulegen und "das Treiben" auf den Finanzmärkten zu beenden (Finanzminister Wolfgang Schäuble). Und selbst der sogenannte Wirtschaftsminister Philipp Rösler schreckt beim Versuch, die Deregulierungs-FDP zur Marktordnungspartei umzuschminken, nicht vor dem Diktum zurück, dass "hochspekulative Finanzgeschäfte verboten" gehören. Kurzum: Alle Politik findet Spekulanten entbehrlich - wenn man einmal von ihrer Derivatfunktion als Wahlkampf-Prügelknaben absieht.

Meister der Wirklichkeitsreduktion

Wobei auffallend ist, dass der Wille zur parteipolitischen Ausbeutung der Spekulation sich umgekehrt proportional verhält zur Komplexität der Spekulantenschelte. Meister der Wirklichkeitsreduktion sind die Grünen. Sie schicken eine lustige Omi ins Plakatrennen, die "für faire Miete statt Rendite" steht, einen jungen Bartträger, der sich "Mensch vor Bank" denkt - und einen offenbar fototechnisch verdünnten Ausländer (ein Fall fürs Antidiskriminierungsgesetz?), der uns hungermagerflehend-gutaussehend davon überzeugt: "Mit Essen spekulier ich nicht." Die Botschaft hinter den grünen Botschaften: Ob einer Immobilienbesitzer ist, Venture Capitalist oder Derivatehändler, ganz egal - Hauptsache, er lässt sich als Spekulant beschimpfen.

Würde des Idioten

Offenbar reicht es heute, der Wählerkundschaft zu suggerieren, man fühle sich auch als Politiker der "Herrschaft des Geldes" unterworfen oder "den Finanzmärkten ausgeliefert", um erfolgreich an das "diffuse Unbehagen" mitmachtloser Wähler zu appellieren, die die Unbestimmtheit ihres Missfallens an der kapitalistischen (Un-)Ordnung nicht als intellektuellen Mangel, sondern als eine Art Auszeichnung begreifen. Der Medientheoretiker und Twitter-Philosoph Norbert Bolz hat dazu bereits das Nötige gezwitschert: "Empörung ist die Würde des Idioten." Sie hat eine Wut respektabel gemacht, die keiner weiteren Begründung als des Hinweises auf das "System" bedarf. Mehr noch: Die Empörten können sich mit dem schlechten Gefühl, das sie der Geld-Welt entgegenbringen, förmlich schmücken, seit dieses schlechte Gefühl als Simulation eines Arguments allseits geschätzt - und politisch adressiert - wird.

Glücksspielwiese

Pro und Contra zu Rohstoff-Spekulationen
Die Frankfurter Skyline ist hinter einem Rapsfeld in Eschborn zu sehen: Die öffentliche Meinung ist eindeutig. Geht es nach einer Forsa-Umfrage vom Ende vergangenen Jahres, dann sind nur elf Prozent der Bevölkerung in Deutschland dafür, dass es Anlageprodukte auf Agrarrohstoffe überhaupt gibt. 84 Prozent sind dagegen. Trotzdem finden sich genügend Experten, die Spekulationen auf Agrarrohstoffe befürworten. Hier eine Auswahl: Quelle: dpa
Professor Harald von Witzke, Agrarökonom an der Humboldt-Universität in Berlin, sagt: „Nur Scharlatane glauben, dass Wetten an den Terminbörsen die Lebensmittelpreise dauerhaft nach oben treiben. Landwirte und Agrarhändler können sich nur gegen Preisrisiken absichern, wenn Finanzinvestoren auf der Gegenseite in die andere Richtung wetten.“ Quelle: obs
Sein Kollege George Rapsomanikis, Ökonom bei den Vereinten Nationen, verweist auf die gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Märkte: "Wenn der Ölpreis steigt, dann steigt auch die Nachfrage nach Ethanol und damit die Nachfrage nach Mais. All diese Märkte sind eng miteinander verknüpft, weshalb wir bei jedem Ölschock auch eine Nahrungsmittelkrise erwarten." Steigende Rohstoffpreise hängen seiner Ansicht nach in erster Linie auch mit der zunehmenden Industrialisierung in den Schwellenländern sowie mit der veränderten Nutzung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zusammen. Werden die vermehrt als Energieträger genutzt, dann führt die steigende Nachfrage auf dem Energiemarkt jedes Mal zu einem Preisanstieg auf dem Rohstoffmarkt. Quelle: Pressebild
Der Gießener Agrarökonom Michael Schmitz sieht vor allem die Entwicklungsländer selbst in der Verantwortung: "Der Hunger ist vor allem ein hausgemachtes Problem in den Entwicklungsländern. Die Preisschwankungen waren Anfang der 70er-Jahre ähnlich hoch wie heute - ohne große Zuflüsse an Kapital", sagt der Professor. 2006 bis 2008 gab es zudem massive Ernteausfälle. Das war seiner Ansicht nach der Grund, warum damals die Preise deutlich anzogen. Außerdem waren die Lagerbestände infolge der Knappheit abgebaut worden, was die Märkte besonders nervös werden ließ. Und dann kam infolgedessen die Politik ins Spiel. Viele Importländer verstärkten ihre Importe, und die Exportländer drosselten ihre Exporte, was den Engpass und somit den Preisauftrieb noch verstärkte. Zudem: 74 Studien zum Thema, wie Rohstoffspekulationen Preise und Hunger treiben, hat sich der Experte angesehen. Nur eine stand in einem qualitätsgeprüften Journal. Quelle: Pressebild
Es ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die sich aus ethisch-moralischen Gründen gegen das Spekulieren auf landwirtschaftliche Produkte ausspricht. Kern aller Argumente ist dabei stets, dass sich hinter der Vielzahl von Kontrakten, die an den Terminbörsen abgeschlossen werden, nur selten Absicherungsgeschäfte für Landwirte und Agrarhändler befinden. In den meisten Fällen wollen Spekulanten vom Auf und Ab der Preise profitieren. Quelle: dpa
"Wir erleben derzeit eine Achterbahnfahrt auf den Weltmärkten für Agrarrohstoffe. Dadurch drohen Grundnahrungsmittel für immer mehr Menschen gerade in den Entwicklungsländern unbezahlbar zu werden", äußerte sich beispielsweise kürzlich Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Die Politik hat dabei das große Ganze im Auge: Geht die Preistreiberei weiter, dann könnte es irgendwann Krieg um Grundnahrungsmittel geben. Erste Auswirkungen sah man bereits im vergangenen Jahr in Südostasien, als der Reispreis massiv angezogen hatte und die Menschen auf die Straße gingen. Quelle: dpa
Auch an den Börsen sieht man dieses Treiben zunehmend kritisch. „Es gibt volkswirtschaftlich gesehen überhaupt keinen Grund, warum man Investoren erlaubt, Lebensmittel aus dem Markt zu nehmen und zu horten, nur um von Preissteigerungen zu profitieren“, sagt etwa der als „Mister Dax“ bekanntgewordene Börsenmakler Dirk Müller. Immer wieder gab es Berichte, wonach in großen Lagerhäusern Lebensmittel bewusst zu Spekulationszwecken zurückgehalten wurden, um das Angebot gering zu halten. Quelle: dpa

Das alles ist nicht nur peinlich, sondern auch ein wenig gefährlich, weil die Kritik an der "Irrationalität der Finanzmärkte" ihrerseits völlig irrational geworden ist. Denn was wird den Spekulanten eigentlich vorgeworfen? Dass es sich bei ihnen um Hasardeure und Windbeutel handelt, für die die Börse eine Glücksspielwiese ist? Man muss nur Thomas Manns "Buddenbrooks", Gustav Freytags "Soll und Haben" oder neuerdings Don deLillos "Cosmopolis" lesen, um zu begreifen, dass der Spekulant in der Literatur als Bruder Leichtfuß auftritt, der mit seiner halbseidenen Wohlstandswürfelei ehrbare Kaufleute und hart arbeitende Steuerzahler um ihr ehrlich verdientes Vermögen bringt. Entsprechend wird "Kasino-Kapitalismus" heute vor allem als fundamentaloppositioneller Kampfbegriff verwendet.

Leider entgeht den Kritikern der Spekulation dabei, dass der dionysische Geist des Spieltischs genauso zur Spekulation gehört wie ihre rationale Funktion als Barometer der Wirtschaft. Der substanzielle Kern der populären Spekulationskritik ist daher schwer auszumachen: Wendet sie sich gegen die Instabilität des Kapitalismus, gegen die Entkopplung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft und gegen Derivatgeschäfte, die der Bearbeitung von Risiken und ihrer Streuung dienen? Dann handelte es sich um Kritik am Marktgeschehen. Oder wendet sie sich gegen hohe Zinsen für klamme Staaten und den Kredithunger wachstumsgehemmter Industriestaaten, gegen die Oligarchisierung des Geldgeschäfts und das systematische Verstecken von Bilanzrisiken zum Beispiel durch ihre Auslagerung in Zweckgesellschaften? Dann handelte es sich um Kritik an Störungen des Marktgeschehens. Offenbar tut Klärung not.

Was also ist Spekulation? Nun, Spekulation ist einerseits ein Marktplatz, auf dem Erwartungen, Sorgen, Hoffnungen und Perspektiven gehandelt werden. Und sie ist andererseits, ganz im Sinne ihres lateinischen Wortstamms (speculari - spähen, beobachten), eine seherische Fähigkeit, die der Wirtschaft auf zweierlei Weise dient:

Erstens als mutiger Blick nach vorn, das heißt als Antrieb für Innovationen und Entdeckungen. Keiner hat das früher und besser verstanden als Benjamin Franklin (1706-1790), das amerikanische Universalgenie. Denn Franklin wusste, dass modernes, kapitalistisches Geld angelegt und investiert werden will, weil es bei ihm nicht bloß um Geld, sondern immer um sein mögliches Mehr handelt, um das Produkt und die Potenz seiner selbst: "Geld kann Geld erzeugen, und die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort." Ein Kapitalist hat es daher immer mit mobilisiertem Geld, mit seiner Anreicherung und seiner Wiederaufbereitung zu tun. Kapital ist der Dünger des Fortschritts, Fortschritt ist der Dünger des Kapitals - und der Spekulant ist eine Person, die das Bewegungsgesetz des Kapitalismus - Dynamik, Instabilität, dauernde Umwälzung, ewige Zukunft - laufend beglaubigt.

Aufbruch zu neuen Ufern

Zwölf prominente "Verzocker"
Vince McMahon Quelle: AP
Eike Batista Quelle: dpa
Kweku Adoboli Quelle: REUTERS
Nick Leeson Quelle: REUTERS
Nelson Bunker Hunt; Herbert William Hunt
Jerome Kerviel Quelle: REUTERS
John Paulson Quelle: REUTERS

Die Siedler in den USA haben auf dem Gedanken der Spekulation nicht nur ihre Wirtschaft, sondern auch ihre Nation aufgebaut: als ständig sich erneuerndes Gemeinwesen mit fortwährender Zukunft. Schon die Entdeckungsreise von Christoph Kolumbus sei eine "kolossale Spekulation" gewesen, argumentiert der Historiker George Gibson. Und natürlich verbinden sich in der Figur des frontierman seit dem 19. Jahrhundert Risikofreude und Pioniergeist zum Idealtyp eines amerikanischen Individuums, das permanent aufbricht zu neuen Ufern: "Wenn die Spekulation stirbt", so hat es William P. Hamilton, der Gründer des "Wall Street Journals", einmal zugespitzt, "stirbt auch dieses Land."

Zweitens aber, und das ist noch wichtiger, handelt es sich bei der Spekulation um die Annahme einer Zukunft, die verhindert, "dass Fehlentwicklungen verborgen bleiben" (Milton Friedman). Damit ist gemeint, dass die Spekulation die Gegenwart nicht nur vor sich her treibt, sondern zugleich das Zukünftige im Hier und Jetzt repräsentiert: als gegenwärtige Wahrscheinlichkeit. Die Spekulation fungiert als Antriebskraft, die uns über unsere augenblickliche Wirklichkeit hinaus einen Horizont von Möglichkeiten eröffnet, und zugleich steigert sie aus sich selbst heraus die Chance, dass eintrifft, worüber sie Vermutungen anstellt.

Kuriose Börsenpannen

Wenn in der Ökonomie von "Psychologie" die Rede ist, dann ist damit meist diese Tendenz der Spekulation zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung gemeint. Ein Spekulant verflüssigt die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Indem er auf der Grundlage von Erfahrungen von einer Zukunft annimmt, das sie eintrifft, macht er sie augenblicklich beherrschbar und berechenbar. Oder anders gesagt: Indem er die Ungewissheit dessen, was morgen geschehen wird, bereits heute berücksichtigt, verwandelt er unkalkulierbare Gefahren in abschätzbare Risiken - und kann sich Unternehmern als Bearbeiter dieser Risiken andienen. Seine "Entkopplung" von der Realwirtschaft ist dem Spekulanten daher förmlich auf den Leib geschrieben. Als kalter, neutraler und möglichst unbeteiligter Beobachter des ökonomischen Treibens nimmt er von Berufs wegen eine Position weit außerhalb des Treibens ein.

Shylock, der Zinsspekulant

Um den eminenten Wert des Spekulanten als Beobachter der Wirtschaft und Bearbeiter ihrer Risiken würdigen zu können, lohnt ein flüchtiger Blick auf die Frühphase des Kapitalismus. Für den Gläubiger Shylock in William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" (1600) zum Beispiel mögen die Schiffe, die sein Schuldner Antonio über die Weltmeere kreuzen lässt, mit lauter Reichtümern beladen sein - eine Sicherheit für seinen Kredit jedoch gewähren sie ihm nicht, denn Schiffe sind "nur Bretter", so Shylock, die der peril of waters, winds, and rocks ausgeliefert sind.

"Entkopplung" und "Fiktionalisierung"

Große Blender - und was aus ihnen wurde
Die Gründer der Frankfurter Immobiliengruppe S+K, Stephan Schäfer und Jonas Köller, hat ein Schicksal ereilt, das vielen Blendern aus der Dotcom-Ära bereits zu Teil wurde: Sie landeten wegen mutmaßlichem Anlagebetrug in Untersuchungshaft. Zuvor haben sie es mit dem ergaunerten Geld richtig krachen lassen. Doch was ist aus den Bankrotteuren aus dem Jahr 2000 geworden?
Einer der bekanntesten Betrüger ist Florian Homm, bekannt als Großaktionär bei Borussia Dortmund. Am Neuen Markt war er zuvor schon bekannt als Gründer von Value Management & Research (VMR), die Firmen wie Toysinternational.com oder Comtelco an die Börse brachte. Eine angekündigte Fusion mit der Beteiligungsgesellschaft Knorr Capital scheiterte, Homm zog sich aus VMR zurück. Wenige Jahre später geriet er mit dem Hedgefonds Absolute Capital Management Holdings mit Investments bei Borussia Dortmund oder dem Finanzdienstleister MLP in die Schlagzeilen. Vielfach war ihm vorgeworfen worden, Kurse massiv zu manipulieren. Als der Hedgefonds 2007 unter Druck geriet, nahm Homm überstürzt seinen Hut und war seitdem untergetaucht. Seine Nachfolger in der Leitung des Fonds warfen ihm später vor, dass viele Investments einen weit geringeren Wert hätten, als ausgewiesen. Die Aktien des börsennotierten Hedgefonds verloren mehr als 90 Prozent ihres Wertes. Seit Februar 2011 läuft gegen Homm auch eine Klage der US-Börsenaufsicht SEC. Zuletzt wurde er in Liberia vermutet. 2012 tauchte der einst skrupellose Finanzinvestor wieder auf - um ein Buch über sein Leben vorzustellen und sich öffentlich reinzuwaschen. Er sei ein anderer Mensch, gehe mindestens zweimal wöchentlich zum Gottesdienst und wolle sich demnächst der SEC stellen, erzählt er der Financial Times Deutschland. Natürlich können Menschen sich ändern, aber der Eindruck einer PR-Masche zum Verkauf seines Buches bleibt doch bestehen - gerade wenn es stimmt, dass von seinem einzigen Vermögen nicht mehr viel übrig ist. Quelle: dpa/dpaweb
Im Januar 2012 wurde der gebürtige Kieler Kim Schmitz in Neuseeland festgenommen. Dem 38-jährigen wurde vorgeworfen, Mastermind hinter dem Raubkopien-Portal Megaupload zu sein. Die spektakuläre Verhaftung rückte auch die Dotcom-Ära wieder in Erinnerung, immerhin hatte Schmitz sein 25-Millionen-Dollar-Anwesen "Dotcom Mansion" getauft und sich selbst seit einiger Zeit ganz offiziell Kim Dotcom genannt... Quelle: REUTERS
Auch in der Zeit des Neuen Marktes war Schmitz eine der schillerndsten Figuren: Unvergessen sind seine Urlaube mit dem durch eine Dieter Bohlen-Affäre als "Teppich-Luder" bekannten Playboy-Bunny Janina... Quelle: rtr
Legendär auch seine Auftritte in der Harald-Schmidt-Show, wo Schmitz seinen eigenen Sessel mitbrachte (die vorhandenen waren ihm zu unbequem) und erzählte, wie er den Jet der Haffa-Brüder für eine halbe Million charterte, um einen Kurztrip in die Karibik zu unternehmen. Quelle: rtr
EM.TV Quelle: dpa
Comroad Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

Die eigentliche Pointe des Vertragsverhältnisses aber besteht nicht etwa darin, dass Spekulant Shylock sich des Schiffbruch-Risikos jederzeit bewusst ist, während Unternehmer Antonio voller Gottvertrauen den return of thrice three times the value of this bond erwartet (und jedenfalls meint, vier Schiffe auf vier Routen seien genug der Risikostreuung). Sondern darin, dass für den Geldverleiher Shylock der materielle Besitz etwas ist, das sich jederzeit in Luft auflösen kann - und das Immaterielle seines Kredits etwas, womit Gläubiger und Schuldner unbedingt zu rechnen haben. Seit Shakespeare weiß der Ökonom: Ein Spekulant nimmt nicht nur das Risiko eines Unternehmers auf sich, er schätzt auch die Fiktion eines Wertpapiers (eines Zahlungsanspruchs) höher ein als den realen Wert dessen, worauf es sich bezieht.

Beobachter zweiter Ordnung

Der Gebrauch der beiden Begriffe "Entkopplung" und "Fiktionalisierung" taugt daher zur Definition des Spekulanten, nicht aber zu seiner Diabolisierung. Der Spekulant ist als Beobachter der Realwirtschaft notwendig losgelöst von ihr - und nur über die Risiken, die er ihr abnimmt, mit dieser verbunden. Auch, dass er diese Risiken nicht allein tragen will, sondern verteilt, dass er sie stückelt, verbrieft, teilweise weiterreicht und sich außerdem gegen den Schadensfall versichert, hat nichts mit der "Fiktionalisierung" von Börsengeschäften zu tun, sondern schlicht damit, dass durch die Weitergabe von Risiken der Umsatz des Derivatgeschäfts heute notwendig das Weltbruttosozialprodukt um ein Vielfaches übertrifft.

Ein Derivatehändler ist nichts anderes als ein Beobachter zweiter Ordnung: ein Spekulant, der andere Spekulanten (also solche, die mit "realen" Werten, etwa Aktien, spekulieren) beobachtet, um von ihren Spekulationen zu profitieren. Er schließt mit Termin- und Optionsgeschäften Wetten auf das Verhalten von Spekulanten ab, die Wetten auf das Verhalten von Unternehmern abschließen. Ist daran etwas auszusetzen? Bereits Max Weber polemisierte 1894, dass man es in der modernen Wirtschaft ständig mit Geschäften "über eine nicht gegenwärtige, oft noch unterwegs befindliche, oft erst künftig zu produzierende Ware" zu tun habe, "zwischen einem Käufer, der sie regelmäßig nicht selbst behalten, sondern mit Gewinn weitergeben will, und einem Verkäufer, der sie regelmäßig noch nicht hat, meist nicht selbst hervorbringt, sondern mit Gewinn erst beschaffen will". Das ist hübsch formuliert, gewiss - und doch ist dagegen einzuwenden, dass Termin- und Optionsgeschäfte prinzipiell zur Stabilisierung von Märkten beitragen, ganz einfach weil - wie der Volksmund weiß - vier Augen mehr als zwei sehen.

Kalkül mit Unvernunft

Freilich, ein Einwand liegt nahe: Wenn Spekulanten nichts weiter sind als kühl kalkulierende Marktsoziologen, die über die Zukunft der Wirtschaft spekulieren und sich dabei wechselseitig beobachten und absichern - wie kann es dann zu Übertreibungen kommen, zu Spekulationsblasen, in denen sich Blindheit, Gier und Wahn Bahn brechen? Nun, auch das ist leicht erklärt: Der Spekulant ist so rational, dass er selbstverständlich auch mit der Unvernunft kalkuliert. Er rechnet mit Masseneuphorien und Geldekstasen - und wettet darauf, dass sie noch Wochen anhalten oder aber bald schon in sich zusammenfallen. Eine prozyklische Verstärkung von Trends kann man ihm dabei allerdings nicht vorwerfen: Der Spekulant profitiert nicht von Preistreibereien, sondern von Preisunterschieden. Die Verlockung, gegen den Trend zu wetten, wächst daher mit dem Trend.

"Schwindel, Fälschung, Lüge"?

Wie die Silber-Brüder, Chocfinger und Co. zocken
Aluminium-Blöcke in einer Raffinerie: Die Hütten in Sibirien oder Island produzieren derzeit auf Halde, die Nachfrage ist wegen der Konjunkturflaute gedämpft. Quelle: rtr
Spekulanten nutzen die Marktlage: Sie kaufen aktuell zum günstigen Preis physisches Aluminium. Dann verkaufen sie den Rohstoff über Terminbörsen wie die London Metal Exchange (LME) teuer weiter. Quelle: rtr
Bis zum vorgesehenen Liefertermin wird der Rohstoff eingelagert: Entweder in Hallen oder ganz billig auf offenem Gelände. Statt in Fabriken weiterverarbeitet zu werden, füllen sich weltweit die Lager. Quelle: rtr
Die Aluminium-Hütten produzieren derweil weiter. Quelle: dpa
Auch beim Nickel spielen Spekulanten mit. Sie lagern das physische Metall ein und verkaufen es teurer zu einem späteren Termin. Quelle: rtr
Eine Nickel-Raffinerie in den USA: Finanzspekulanten streichen die Differenz zwischen dem aktuellen und dem künftigen Preis des Metalls ein. Quelle: rtr
Kupferdraht in einer chinesischen Fabrik Quelle: dpa

Umso unverständlicher, dass man den Märkten heutzutage auch ihre "Krisenanfälligkeit" und "Instabilität" zum Vorwurf macht. Tatsächlich ist Literatur, die die angebliche "Massenflucht aus der Wirklichkeit" zum Thema hat (John Kenneth Galbraith) kaum mehr in Regalmetern zu messen. Und doch klären uns die hochfliegenden Hoffnungen, die Anleger im 17. Jahrhundert mit Tulpen, im 19. Jahrhundert mit Eisenbahnen und im 20. Jahrhundert mit Internet-Unternehmen verbanden, allenfalls über die Wahrheit von Friedrich Schillers geflügeltem Wort auf, dass die Menge aus dem halbwegs gesunden Menschenverstand des Einzelnen die Dummheit macht, mit der selbst die Götter vergebens kämpfen.

Seismograf der Erwartungen

Die Märkte aber, die "kein Herz und kein Hirn" haben, so Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Samuelson, sind auch in der Extrem-Hausse nur der Seismograf unserer gegenwärtigen Erwartungen - so irre sie auch sein mögen. Wir investieren unser Vertrauen und Geld nicht dummerweise in Ereignisse, die wir nicht voraussehen könnten, sondern eingedenk unserer Verstandestrübung, ganz bewusst in indische Dotcom-Garagen: Und siehe da, eine dieser Garagen macht uns am Ende vielleicht sogar reich. Die Spekulation treibt dieses Spiel an, gewiss, sie reizt es aus - und doch kanalisiert sie nur unsere Erwartungen - bis sie zuletzt enttäuscht werden. Eben deshalb auch handelt es sich bei einer "Marktkorrektur" nicht um eine "Krise" des Marktmechanismus, sondern um den Beweis seines Funktionierens.

Der Umschlag von Spekulation in "Schwindel, Fälschung, Lüge", so hat es der britische Kaufmann und Schriftsteller Daniel Defoe bereits 1719 in seiner "Anatomy of Exchange Alley" beschrieben, findet erst in dem Moment statt, in dem die Spekulation willentlich ihre Beobachterposition einbüßt und sehenden Auges in die Krise steuert, um unter der Protektion eines ostentativ wegsehenden Staates im Nebel ihrer "innovativen Finanzprodukte" Gewinne einzustreichen - bis es im wahrsten Sinne des Wortes zum Offenbarungseid kommt und der Allgemeinheit die Haftung für sektorale Geldschneiderei aufgebürdet werden. So gesehen, unterscheidet sich die Finanzmarktkrise 2008 ff. fundamental von den legendären Tulpen-, Eisenbahn- und Internet-Blasen der Vergangenheit: Im Gegensatz zu jener entfesselten diese Aufschwünge und Innovationszyklen, die von realwirtschaftlichen Erwartungen getrieben waren und offensichtliche (sic!) Risiken in sich bargen.

Transparenz statt Bereicherung

Noch einmal: Niemand sollte auf die Idee kommen, dem Risikokapital, das solche Innovationen entfesselt, Zügel anzulegen. Bereits Defoe ging es deshalb nicht um die Domestizierung der Gier und die Dressur des Eigennutzes, nicht um eine Kritik des Kreditwesens oder spekulativer Gewinne, sondern darum, die transparente Welt des Börsenhandels trennscharf abzugrenzen gegen ihre Ausbeutung durch unaccountable people, die sich im Schattenreich verborgener Geschäfte vermachten, um gegen das Gemeinwesen zu konspirieren. Anders gesagt: Nicht die Spekulation war für Defoes ökonomisches Denken eine Provokation, sondern die Selbstbereicherung einer Geldelite im Namen der Spekulation - durch sie sah er die ökonomische Ordnung gefährdet. Nicht der Marktwirtschaft und ihren Mechanismen galt seine Kritik, sondern ihrer Schändung.

Auch im Kasino spielt jeder nur mit seinem eigenen Geld

Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
Farbenprächtig blühende Tulpen im Erholungspark Britzer Garten in Berlin Quelle: dpa/dpaweb
Strände Neukaledoniens - hier «Kuto Bay» Quelle: dpa-tmn
Broker stehen am 25. Oktober 1929 in der New Yorker Boerse waehrend des Boersenkrachs, der die Weltwirtschaftskrise einleitete ('Schwarzer Freitag'). Quelle: AP
Blick auf das leere Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg. Wegen der Ölkrise wurde am 02.12.1973 zum zweiten Mal ein sonntägliches Fahrverbot verhängt Quelle: dpa
Hektisches Treiben in der Aktienbörse in Frankfurt (Hessen) Quelle: dpa
United Airlines planes arrive at Denver International Airport in Denver Quelle: REUTERS
 Boris Jelzin, links, neben Alexander Korschakow Quelle: AP

Deshalb befasst Defoe sich ausdrücklich nicht mit dem Menschheitstraum vom leistungslosen Einkommen und der Schlaraffenland-Sehnsucht der kleinen Leute (und großen Denker) nach dem something for nothing, sondern mit dem betrügerischen Spekulanten, der nur deshalb realwirtschaftliche Außenposten räumt und seine Geldgeschäfte fiktionalisiert, um sie vor den Augen der Öffentlichkeit zum Verschwinden zu bringen. Erst als Boni jagender Schattenbanker, so darf man Defoe übersetzen, verwirkt der Spekulant seine Existenzberechtigung: weil er künftige Risiken versteckt, statt sich um ihre Ausspähung verdient zu machen. Weil er diese Risiken nicht bearbeitet, um sie beherrschbar, sondern unbeherrschbar zu machen. Weil er seine eigenen Risiken streut, damit am Ende nicht er, sondern andere sie übernehmen müssen.

Sobald Spekulanten nicht mehr auf Sicht fliegen, sondern sich in wechselseitigem Einverständnis selbst abschließen, um hinter einem blickdichten Vorhang marktwirtschaftlich völlig irrelevanten, das heißt: nicht marktbeobachtenden Geschäften nachzugehen, müssen künftig die Alarmsirenen heulen. Denn Spekulanten mögen zwar "unschädlich sein wie Luftblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust", so John Maynard Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie" (1936): "Aber die Lage wird ernst, wenn die Unternehmungslust zur Luftblase in einem Strudel der Spekulation wird."

Börse



Grenznutzen der Spekulation

Man wird nicht so weit gehen müssen wie der amerikanische Supreme Court 1889, der den Handel mit Futures einschränkte und reine Differenzgeschäfte verbot, um Spekulanten auf Geschäfte mit real intentions zu verpflichten. Aber natürlich lässt sich die Verzigfachung des Derivatgeschäfts zum Beispiel mit Agrarrohstoffen nicht mehr mit dem bloßen Hinweis auf einen Bauern rechtfertigen, der mit einem Future den Ertrag seiner Weizenernte gegen die Unbill des Wetters absichert. Auch Spekulation hat ihren Grenznutzen.

Für den marktwirtschaftlich agierenden Bauern nimmt er ab, je öfter sein Risiko gestückelt und verbrieft wird. Für den marktfernen Spekulanten, der seine Risiken so lange stückelt und verbrieft, bis er sie zuletzt seiner eigenen Beobachtung entzogen hat, nimmt der Grenznutzen mit jeder weiteren Wette zu. Das sei ihm gegönnt. Aber bitte: Auch im Kasino spielt jeder nur mit seinem eigenen Geld - und haftet für seine Verluste.

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