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Wirtschaftsgeschichte Es lebe die Spekulation!

Sie gelten als Hasardeure und werden als Windbeutel des Kasinokapitalismus gescholten. Doch die Geschichte zeigt: Ohne Spekulanten gibt es kein Wachstum und keinen Wohlstand.

Kasinokapitalismus? Ach was. Ohne Spekulanten kein Wohlstand. Quelle: dpa

Sucht man in diesem Wahlkampf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Parteien, so findet man: den Zorn auf Spekulanten. Aus Sicht der Neonazis von der NPD beispielsweise sind die "Finanz-Ganoven" für Deutsche das, was Kinderschänder für Grundschüler sind: Personenkreise, die die "Höchststrafe" verdienen, weil diese sich am arischen Nachwuchs und jene sich am "Volksvermögen" vergreifen. Die Linken wiederum halten Spekulanten für "Taliban in Nadelstreifen", so hat es die stellvertretende Fraktionschefin Gesine Lötzsch im Bundestag zu Protokoll gegeben - mit dem feinen Unterschied, dass die SED-Erben die "Taliban mit Kopftuch" schonen wollen.

Womit die Deutschen am liebsten zocken
Platz 15: RWEDer zweitgrößte Energieversorger Deutschlands RWE hat es derzeit nicht leicht. Zwar konnte RWE einen Rechtsstreit mit Gazprom gewinnen, hob seine Prognose aber nicht an - das enttäuschte die Anleger. Größtes Problem für die deutschen Versorger bleibt immer noch die Energiewende. Einige wetten bei der Aktie auf ein Comeback. Man kann aber auch mit Zertifikaten auf die RWE-Aktie wetten. Insgesamt handelten die Deutschen mit dem Basiswert RWE Zertifikate im Volumen von 80 Millionen Euro. Quelle: dpa-dpaweb
Platz 14: MDaxDer kleine Bruder des Dax schlägt den großen Index bei der Performance um Längen. Allerdings gilt der MDax als schwankungsanfälliger. Als Spekulationsobjekt ist der MDax jedoch nicht so beliebt wie der Dax. Die deutschen Investoren orderten Zertifikate auf den MDax in einem Gesamtvolumen von 87 Millionen Euro. Quelle: dpa
Bayer Logo Quelle: dpa
Platz 12: BMWDie Aktie des Premium-Autobauers hatte in den vergangenen Jahren eine tolle Performance. Gemeinsam mit Audi und Mercedes kämpfen BMW um das Premiumsegment, wobei Mercedes zuletzt deutlich abgehängt wurde. BMW ist auch ein beliebter Zockerwert für die Deutschen. Sie handelten Zertifikate im Volumen von 104 Millionen Euro. Quelle: dpa
Platz 11: GoldBei kaum einem Anlageprodukt scheiden sich die Geister so stark wie bei Gold. Während die einen die Goldrally für beendet erklären, schwören die anderen auf die gelben Barren in dem Glauben, die Euro-Krise werde sich verschärfen. Kein Wunder also, dass auf Gold auch viel spekuliert wird. Die Deutschen orderten Zertifikate im Wert von insgesamt 106 Millionen Euro. Den größten Teil mit 96 Millionen Euro bildeten die Index- und Partizipationsscheine. Quelle: dpa
Platz 10: Nikkei 225Die Geldflut der japanischen Notenbank hat die japanischen Aktien in die Höhe getrieben. Erste Anzeichen einer Besserung der Wirtschaftslage gab es auch. Die Notenbanken, einschließlich der Bank of Japan, rücken immer mehr in den Fokus der Marktteilnehmer. Japan wurde damit für deutsche Anleger wieder interessant. Sie handelten Zertifikate auf den Nikkei im Volumen von 110 Millionen Euro. Quelle: AP
Platz 9: EonDer Energieversorger Eon hat mit der Energiewende zu kämpfen. Versorger-Aktien sind für ihre hohen Dividenden bekannt, da der Kursverlauf der Aktien recht unspektakulär ist. Anleger wetten gerne mit der Eon-Aktie, und zwar in einem Volumen von 110 Millionen Euro. Am meisten handelten sie Discount- und Bonus-Zertifikate. Quelle: REUTERS

Etwas zivilisiertere Töne, wenn auch nicht weniger deutliche, schlagen die demokratischen Parteien an. Die staatsverliebte SPD will Spekulanten mal die "rote Karte" zeigen, ihnen mal "den Stecker ziehen" (Sigmar Gabriel, der Chef), sie manchmal auch nur "zähmen" oder "bändigen" (Peer Steinbrück, der Kandidat). Die Law-and-Order-Union wiederum verspricht kraftmeiernd, "den Spekulationssumpf" trockenzulegen und "das Treiben" auf den Finanzmärkten zu beenden (Finanzminister Wolfgang Schäuble). Und selbst der sogenannte Wirtschaftsminister Philipp Rösler schreckt beim Versuch, die Deregulierungs-FDP zur Marktordnungspartei umzuschminken, nicht vor dem Diktum zurück, dass "hochspekulative Finanzgeschäfte verboten" gehören. Kurzum: Alle Politik findet Spekulanten entbehrlich - wenn man einmal von ihrer Derivatfunktion als Wahlkampf-Prügelknaben absieht.

Meister der Wirklichkeitsreduktion

Wobei auffallend ist, dass der Wille zur parteipolitischen Ausbeutung der Spekulation sich umgekehrt proportional verhält zur Komplexität der Spekulantenschelte. Meister der Wirklichkeitsreduktion sind die Grünen. Sie schicken eine lustige Omi ins Plakatrennen, die "für faire Miete statt Rendite" steht, einen jungen Bartträger, der sich "Mensch vor Bank" denkt - und einen offenbar fototechnisch verdünnten Ausländer (ein Fall fürs Antidiskriminierungsgesetz?), der uns hungermagerflehend-gutaussehend davon überzeugt: "Mit Essen spekulier ich nicht." Die Botschaft hinter den grünen Botschaften: Ob einer Immobilienbesitzer ist, Venture Capitalist oder Derivatehändler, ganz egal - Hauptsache, er lässt sich als Spekulant beschimpfen.

Würde des Idioten

Offenbar reicht es heute, der Wählerkundschaft zu suggerieren, man fühle sich auch als Politiker der "Herrschaft des Geldes" unterworfen oder "den Finanzmärkten ausgeliefert", um erfolgreich an das "diffuse Unbehagen" mitmachtloser Wähler zu appellieren, die die Unbestimmtheit ihres Missfallens an der kapitalistischen (Un-)Ordnung nicht als intellektuellen Mangel, sondern als eine Art Auszeichnung begreifen. Der Medientheoretiker und Twitter-Philosoph Norbert Bolz hat dazu bereits das Nötige gezwitschert: "Empörung ist die Würde des Idioten." Sie hat eine Wut respektabel gemacht, die keiner weiteren Begründung als des Hinweises auf das "System" bedarf. Mehr noch: Die Empörten können sich mit dem schlechten Gefühl, das sie der Geld-Welt entgegenbringen, förmlich schmücken, seit dieses schlechte Gefühl als Simulation eines Arguments allseits geschätzt - und politisch adressiert - wird.

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