WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wirtschaftsgeschichte Es lebe die Spekulation!

Seite 5/6

"Schwindel, Fälschung, Lüge"?

Wie die Silber-Brüder, Chocfinger und Co. zocken
Aluminium-Blöcke in einer Raffinerie: Die Hütten in Sibirien oder Island produzieren derzeit auf Halde, die Nachfrage ist wegen der Konjunkturflaute gedämpft. Quelle: rtr
Spekulanten nutzen die Marktlage: Sie kaufen aktuell zum günstigen Preis physisches Aluminium. Dann verkaufen sie den Rohstoff über Terminbörsen wie die London Metal Exchange (LME) teuer weiter. Quelle: rtr
Bis zum vorgesehenen Liefertermin wird der Rohstoff eingelagert: Entweder in Hallen oder ganz billig auf offenem Gelände. Statt in Fabriken weiterverarbeitet zu werden, füllen sich weltweit die Lager. Quelle: rtr
Die Aluminium-Hütten produzieren derweil weiter. Quelle: dpa
Auch beim Nickel spielen Spekulanten mit. Sie lagern das physische Metall ein und verkaufen es teurer zu einem späteren Termin. Quelle: rtr
Eine Nickel-Raffinerie in den USA: Finanzspekulanten streichen die Differenz zwischen dem aktuellen und dem künftigen Preis des Metalls ein. Quelle: rtr
Kupferdraht in einer chinesischen Fabrik Quelle: dpa

Umso unverständlicher, dass man den Märkten heutzutage auch ihre "Krisenanfälligkeit" und "Instabilität" zum Vorwurf macht. Tatsächlich ist Literatur, die die angebliche "Massenflucht aus der Wirklichkeit" zum Thema hat (John Kenneth Galbraith) kaum mehr in Regalmetern zu messen. Und doch klären uns die hochfliegenden Hoffnungen, die Anleger im 17. Jahrhundert mit Tulpen, im 19. Jahrhundert mit Eisenbahnen und im 20. Jahrhundert mit Internet-Unternehmen verbanden, allenfalls über die Wahrheit von Friedrich Schillers geflügeltem Wort auf, dass die Menge aus dem halbwegs gesunden Menschenverstand des Einzelnen die Dummheit macht, mit der selbst die Götter vergebens kämpfen.

Seismograf der Erwartungen

Die Märkte aber, die "kein Herz und kein Hirn" haben, so Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Samuelson, sind auch in der Extrem-Hausse nur der Seismograf unserer gegenwärtigen Erwartungen - so irre sie auch sein mögen. Wir investieren unser Vertrauen und Geld nicht dummerweise in Ereignisse, die wir nicht voraussehen könnten, sondern eingedenk unserer Verstandestrübung, ganz bewusst in indische Dotcom-Garagen: Und siehe da, eine dieser Garagen macht uns am Ende vielleicht sogar reich. Die Spekulation treibt dieses Spiel an, gewiss, sie reizt es aus - und doch kanalisiert sie nur unsere Erwartungen - bis sie zuletzt enttäuscht werden. Eben deshalb auch handelt es sich bei einer "Marktkorrektur" nicht um eine "Krise" des Marktmechanismus, sondern um den Beweis seines Funktionierens.

Der Umschlag von Spekulation in "Schwindel, Fälschung, Lüge", so hat es der britische Kaufmann und Schriftsteller Daniel Defoe bereits 1719 in seiner "Anatomy of Exchange Alley" beschrieben, findet erst in dem Moment statt, in dem die Spekulation willentlich ihre Beobachterposition einbüßt und sehenden Auges in die Krise steuert, um unter der Protektion eines ostentativ wegsehenden Staates im Nebel ihrer "innovativen Finanzprodukte" Gewinne einzustreichen - bis es im wahrsten Sinne des Wortes zum Offenbarungseid kommt und der Allgemeinheit die Haftung für sektorale Geldschneiderei aufgebürdet werden. So gesehen, unterscheidet sich die Finanzmarktkrise 2008 ff. fundamental von den legendären Tulpen-, Eisenbahn- und Internet-Blasen der Vergangenheit: Im Gegensatz zu jener entfesselten diese Aufschwünge und Innovationszyklen, die von realwirtschaftlichen Erwartungen getrieben waren und offensichtliche (sic!) Risiken in sich bargen.

Transparenz statt Bereicherung

Noch einmal: Niemand sollte auf die Idee kommen, dem Risikokapital, das solche Innovationen entfesselt, Zügel anzulegen. Bereits Defoe ging es deshalb nicht um die Domestizierung der Gier und die Dressur des Eigennutzes, nicht um eine Kritik des Kreditwesens oder spekulativer Gewinne, sondern darum, die transparente Welt des Börsenhandels trennscharf abzugrenzen gegen ihre Ausbeutung durch unaccountable people, die sich im Schattenreich verborgener Geschäfte vermachten, um gegen das Gemeinwesen zu konspirieren. Anders gesagt: Nicht die Spekulation war für Defoes ökonomisches Denken eine Provokation, sondern die Selbstbereicherung einer Geldelite im Namen der Spekulation - durch sie sah er die ökonomische Ordnung gefährdet. Nicht der Marktwirtschaft und ihren Mechanismen galt seine Kritik, sondern ihrer Schändung.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%