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Zentralbanken So groß ist die Vorhersagekraft von Zinsen für die Börse

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Was Sie aus Zinsentscheidungen für Ihre Geldanlage ableiten können

Ein steigender Zins ist an mehreren Stellen gefährlich: Er erhöht zunächst die Kapitalkosten und reduziert so die Gewinnmargen. Elementar ist zudem, dass künftige Gewinne, die ja den Wert eines Unternehmens wesentlich beeinflussen, mit entsprechend größeren Zinsabschlägen diskontiert werden. Das bedeutet: steigende Zinsen beeinflussen den Unternehmenswert und damit den Aktienkurs negativ. Und zwar besonders dann, wenn die Gewinne des Unternehmens stagnieren oder gar rückläufig sind.

So etwas dürfen Anleger dann zunächst als ein Warnsignal für die Börse ansehen. Sie sollten das aber auch nicht isoliert betrachten, denn es gibt an der Börse keinen Einzelindikator, der immer die richtigen Signale gibt.

Die Börse ist in dieser Hinsicht wie ein kleiner See – lange Zeit geht alles gut, aber am nächsten Tag kippt plötzlich das Wasser. Dafür ist nie eine einzelne Ursache (wie eine Zinserhebung) allein verantwortlich, sondern es kommen vorher immer mehrere Belastungsfaktoren zusammen. Bis schließlich die Risiken überhandnehmen.

Deshalb können Sie die Monokausalität „Wenn die Zinsen so oder so steigen, dann gibt es einen Börsen-Crash“ nicht als Richtlinie für Ihre Anlageentscheidungen ansehen. 

Worauf Sie noch achten sollten

Hinweise auf eine künftige geplante Erhöhung der Leitzinsen sind für Anlageentscheidungen irreführend. Selbst die jeweiligen Chefs der US-Fed oder der EZB wissen nicht, was in den nächsten sechs Monaten passieren wird und wie sie dann tatsächlich die Zinsen steuern werden. Sie können immer nur die aktuelle Situation beurteilen und dementsprechend werden sie auch entscheiden.

Hierbei spielen ebenfalls Zins-Relationen eine wichtige Rolle. Mit den Leitzinsen bekunden die Notenbanken, wie sie im Wesentlichen die kurzfristigen Zinsen beeinflussen. Besonders gut ist dies an der Entwicklung der kurzfristigen Geldmarktzinsen (Tagesgeld und Festgeld von ein bis zwölf Monaten) zu erkennen. Liegen die kurzfristigen Zinsen über den Renditen langfristiger Anleihen (inverse = negative Zinsstruktur) bedeutet dies, dass eine Notenbank (so wie aktuell die US-Fed) die Geldpolitik tatsächlich verschärft.

Denn eine negative (inverse) Zinsstruktur wird, ähnlich wie insgesamt steigende Zinsen, mit der Zeit zu einem weiteren Belastungsfaktor an den Finanzmärkten, weil sie zunächst einmal die Möglichkeiten der Kreditvergabe von Banken einschränkt.

Achtung: Inverse Zinsstruktur

Im Durchschnitt betrug die Dauer einer inversen Zinsstruktur vor Beginn einer Rezession und damit auch vor heftigen Kurseinbrüchen am Aktienmarkt in den letzten 50 Jahren sowohl in den USA als auch beispielsweise in Deutschland gut 23 Monate. Im Minimum dauerte diese Phase zehn Monate. Vor der Finanzkrise von 2008 war die Zinsstruktur in den USA seit 2005 und damit über gut 28 Monate hinweg negativ, für Deutschland hingegen wurde die Zinsstruktur erst im Sommer 2007 negativ.

Aber ob es jetzt zehn, 23 oder mehr Monate werden, kann niemand vorhersagen. Das ist auch nicht erforderlich. Denn es reicht völlig, die Gefahrenfaktoren, die sich unter anderem aus der bisherigen Entwicklung der Zinsen ergeben, zu erkennen und aufzusummieren. Dann erhalten Sie für die Börse wichtige Indizien zum ein- oder aussteigen.

Aktuelle Situation und Ausblick

Die Kapitalmärkte bieten selten ein einheitliches Bild. Lassen Sie sich dabei nicht durch eine verharmlosende Interpretation von Äußerungen des US-Notenbankchefs oder Analysen der Sitzungsprotokolle des FOMC (Federal Open Market Committee) ablenken oder gar auf die falsche Spur locken.

Einem signifikanten Zinsanstieg in den USA bei gleichzeitig gut laufender US-Konjunktur steht eine weiterhin müde Zinsentwicklung in Deutschland und Japan gegenüber. Noch sind die Zins-Signale schwach. Die US-Notenbank führt aber schon Bremsmanöver durch, indem sie seit ein paar Wochen die kurzfristigen Zinsen über die langfristigen hebt, die für die USA zur erwähnten inversen, also negativen Zinsstruktur führten. In der Euro-Zone, allen voran in Deutschland, ist die Zinsstruktur jedoch noch immer positiv.

Aber so wie nicht jede konjunkturelle Abkühlung gleich in eine Rezession führt, gibt es auch an der Börse Schwächephasen, die zwar nicht direkt in eine schwere Baisse münden, in denen aber doch die Kurse der meisten Aktien empfindlicher reagieren. Dies verdeutlicht das hektische Auf- und Ab an den Finanzmärkten, sowie die traditionell eher starken Wintermonate wie der November und der Dezember, die nicht nur an der Weltleitbörse, der Wall Street, bisher schwach verlaufen sind.

Die Zeichen für 2019 sind momentan durchaus auf Hausse gerichtet, es geht also insgesamt mit der Börse nach oben. Schonen Sie aber im Moment noch Ihr Kapital etwas und halten Sie genügend Cash-Reserven für Aktienkäufe in den kommenden Monaten.

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