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Zschabers Börsenblick
Bei einem Brexit steht viel auf dem Spiel - nicht nur für Theresa May Quelle: dpa

Anleger sollten sich für drei Brexit-Szenarien wappnen

Theresa May hat ihren Brexit-Vorschlag durchs Kabinett geboxt. Doch ist das ein Sieg? Anleger sind, gelinde gesagt, skeptisch. Und das zurecht. Doch gerade deshalb sollten sie sich vorbereiten.

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Als „Eiserne Lady“ ist zwar eigentlich ihre Amtsvorvorgängerin Margaret Thatcher in die Geschichte eingegangen. Doch der aktuellen Premierministerin Großbritanniens, Theresa May, muss man zwangsläufig ebenfalls eine hohe Standfestigkeit attestieren. Sie steht derzeit als Fels in der Brandung knallharter Debatten im Parlament – und hat dabei eine Suppe auszulöffeln, die ihr Brexit-Fanatiker wie Boris Johnson eingebrockt haben. Gerade Johnson hatte ja auf denkbar populistische und triviale Art und Weise die Gesellschaft in Richtung Brexit manipuliert.

Mitte der Woche hat Therese May nun ihren Vertragsvorschlag für einen geordneten Brexit durch ihr Kabinett geboxt. Doch ob sie das als Sieg verbuchen wird, ist fraglich – anschließend legten zwei Minister und einige Abgeordnete ihre Ämter nieder. Das Britische Pfund machte zudem deutlich, was viele Anleger von der Entwicklung halten: Sie sind gelinde gesagt skeptisch, das Pfund wertete gegenüber dem Euro erst einmal ab.

Wie viel Unsicherheit nach dem grünen Licht des Kabinetts immer noch vorhanden ist, verdeutlichen auch Berichte, wonach die Londoner Banken ihre Umzugspläne aus der Hauptstadt selbst nach dem Entwurf nicht aussetzen, geschweige denn aufgeben. Angesichts dessen sieht May die Zustimmung zu ihrem Entwurf womöglich noch nicht einmal als Etappensieg. Einen „Brexit-Durchbruch“, wie manch ein Medium titelte, stellt man sich jedenfalls anders vor.

Der Feind im eigenen Lager

Dabei ist ihr Entwurf ein Kompromiss, der alle erdenklichen Aspekte berücksichtigt. Auch zu einem der wesentlichen politischen Knackpunkte, nämlich auf die Frage, wie künftig die Grenze zwischen Irland und dem Großbritannien zugehörigen Nordirland aussehen würde, sollen Unterhändler bereits einen Lösungsvorschlag besprochen haben: ein vorläufiges Verbleiben Großbritanniens in der Zollunion, das würde weiterhin offene Grenzen zwischen dem Norden und Süden Irlands bedeuten.

Dass noch die Zustimmung der EU zu Mays Vorstoß fehlt, wird von vielen Beobachtern nicht als der springende Punkt gesehen; die Staatengemeinschaft erscheint um einen Konsens zumindest bemüht. Wesentlich mehr Kopfschmerzen dürfte der Premierministerin der Widerstand im Heimatland und sogar in den eigenen Reihen machen: Wenn im Dezember das britische Unterhaus über eine Zustimmung entscheidet, muss May mit Gegenstimmen aus dem eigenen politischen Lager rechnen. Sie wird sogar noch vorher einiges aufbieten müssen, um nicht ein Misstrauensvotum gegen sich hinnehmen zu müssen – über welches auch bereits spekuliert wird.

Drei Brexit-Szenarien – Ausgang ungewiss

Letztendlich bleiben unabhängig der Personalie der Premierministerin drei Optionen: erstens der geordnete Austritt à la May, zweitens der harte Brexit, der keiner der beteiligten Parteien zu wünschen ist, und drittens ein neues Referendum.
Der May-Kompromiss könnte einige Verwerfungen an der Börse verhindern, die ein harter Schnitt mit all seinen bislang noch nicht absehbaren Konsequenzen in jedem Fall mit sich bringen würde. Ein erneutes Referendum, im Rahmen dessen das britische Volk plötzlich doch gegen den Brexit stimmt, wäre wohl das Wunschszenario jeden Anlegers.

Doch ob eine Wiederholung des Referendums überhaupt eine andere als die bisherige Entscheidung bringen würde, ist auch nicht sicher. Die Wahrscheinlichkeiten vermag man nicht seriös zu beziffern. Und apropos Seriosität und Wahrscheinlichkeit: Damit, dass Donald Trump kurze Zeit später US-Präsident sein würde, hatte vor ziemlich genau zwei Jahren auch niemand ernsthaft gerechnet.

Diversifikation bleibt Trumpf

Das Damoklesschwert Brexit mag jedenfalls nach der Zustimmung des Kabinetts zu Mays Plänen ein kleines bisschen stumpfer geworden sein; es hängt aber nach wie vor schwer über den Märkten. So stehen den Briten – und nicht nur denen – noch einige unruhige Wochen bevor. Für die Börse heißt das nichts Anderes als eine überdurchschnittliche Volatilität. Nerven sollten Anleger in diesem Umfeld jedenfalls eine Menge mitbringen. Und die Entwicklung auch als Lehre nehmen. Das ganze Brexit-Szenario führt einem langfristig planenden Börsianer schließlich vor allem eines vor Augen: wie wichtig eine breite Streuung nicht nur über Branchen, sondern auch über Länder und Regionen ist.

„Lügen der Brexit-Anhänger werden offensichtlich“
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