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Zschabers Börsenblick
Die globale Ölnachfrage liegt derzeit bei rund 90 Millionen Barrel oder etwa 95 Millionen Badewannen täglich. Quelle: dpa

Auch ein niedriger Ölpreis kann hilfreich sein – für Unternehmen, Anleger und das Klima

Der Klimawandel zwingt auch die Ölkonzerne zum Umdenken. Weiter einfach Öl zu produzieren, wird schwierig. Dabei könnte gerade auch ein niedriger Ölpreis hilfreich sein.

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Am Anfang steht eine simple Rechnung. Ab August wird die Organisation Erdölexportierender Länder, kurz OPEC, täglich 400.000 Barrel Öl zusätzlich fördern. Das hört sich im ersten Moment nach viel an, ist es aber gar nicht. 400.000 Barrel, das sind grob und anschaulich umgerechnet rund 420.000 Badewannen voller Öl – wenn wir unterstellen, dass eine Wanne rund 150 Liter fasst.

Für die globale Ölnachfrage, die bei derzeit rund 90 Millionen Barrel oder etwa 95 Millionen Wannen täglich liegt, fallen die 420.000 zusätzlichen Badewannen nur marginal ins Gewicht. Und dennoch: Mit der Bekanntgabe des OPEC-Beschlusses vor wenigen Tagen kam der Ölpreis unter Druck. Das, was die OPEC verkündet, scheint, wenn auch faktisch weniger relevant, zumindest symbolisch immer noch von hoher Bedeutung zu sein.

Dabei wünschen wir uns ja alle einen niedrigen Ölpreis. Die Autofahrer, die regelmäßig zur Zapfsäule müssen, und alle, die eine Ölheizung daheim stehen haben. Aber auch Umwelt- und Klimaschützer können sich freuen, wenn der Preis fällt. Wirklich? Wird nicht gerade von ihrer Seite aus ein höherer Ölpreis gefordert? Ja, aber: Ein hoher Ölpreis muss nicht unbedingt zielführend sein. Auch ein niedriger Ölpreis kann helfen, die Welt ein Stück weit vom Öl unabhängiger, und damit klimaneutraler zu machen. Wie das sein kann, möchte ich am Beispiel der Ölkonzerne aufzeigen.

Die Ölkonzerne profitieren auf den ersten Blick von einem hohen Ölpreis. Dies könnte sie aber unter Umständen dazu verleiten, an ihrer bisherigen Portfoliopraxis festzuhalten, sprich weiter auf Öl zu bauen. So lautet zumindest das Fazit einer Studie von Carbon Tracker, einer gemeinnützigen und in London ansässigen Klimaschutzorganisation. Die Klimaexperten haben sich die Portfolios der großen Ölunternehmen angeschaut und zudem untersucht, wie die Konzerne die weitere Entwicklung des Ölpreises einschätzen. Das Ergebnis: Je höher der unterstellte Preis, desto geringer die Bereitschaft, von Öl auf alternative Energiequellen umzusatteln.

Vor allem amerikanische Konzerne bleiben ihrer traditionellen Öl-Strategie treu, unterstellen einen für die kommenden Jahre relativ hohen Preis von 80 Dollar je Barrel und mehr – und setzen nahezu ausschließlich auf die Ölförderung. Europäische Konzerne hingegen sind laut Carbon Tracker viel vorsichtiger, rechnen mit deutlich fallenden Ölpreisen und haben, zumindest zum Teil, ihre Portfolios schon umgebaut.

Eni aus Italien zum Beispiel hat seine Energieproduktion soweit umgestellt, dass sich der Anteil der Projekte, die mit dem maximalen Erderwärmungsziel von 1,6 Grad Celsius unvereinbar sind, auf unter 50 Prozent beläuft. Passend dazu: Eni kalkuliert in den kommenden Jahren mit einem vergleichsweise niedrigen Ölpreis von durchschnittlich knapp 60 Dollar je Barrel. Das dürfte die Italiener dazu bewogen haben, ihre Produktion nach und nach umzubauen. Heute gehört Eni zu den großen Anbietern von Erneuerbare Energien in Europa.



Gute Fortschritte beim Portfolio-Umbau haben auch Repsol aus Spanien, BP aus Großbritannien und Total aus Frankreich gemacht. Etwas schlechter sieht es da schon bei Royal Dutch Shell aus. Bei dem niederländisch-britischen Konzern beläuft sich der Anteil der Projekte, die mit dem Erderwärmungsziel von maximal 1,6 Grad Celsius möglicherweise unvereinbar sind, schon auf knapp 70 Prozent. Noch problematischer sieht es allerdings bei den Amerikanern aus. ConocoPhilips und ExxonMobil etwa kommen hier auf einen Anteil von 80 beziehungswese 90 Prozent. Ihr langfristiges Überleben ist, so folgert Carbon Tracker, angesichts der drohenden Klimakatastrophe und dem daraus resultierenden Druck auf Politik und Wirtschaft endlich zu handeln, schlichtweg fraglich.

In der Regel wird dem Klima zuliebe ja ein hoher Ölpreis favorisiert, und ein niedriger für die eigene Brieftasche. Doch wenn davon ausgegangen wird, dass der Druck auf die Ölkonzerne auch wächst, wenn der Preis niedrig ist, weil sie dann schlichtweg weniger Gewinne erwirtschaften können, vereinen sich die Wünsche. Vor diesem Hintergrund könnte man fast schon hoffen, dass die OPEC die Förderquoten noch schneller erhöht. Aber immerhin sind es nach dem aktuellen OPEC-Beschluss ab September dann täglich schon 800.000 Barrel mehr und so weiter. Im Dezember, so der Plan der Ölförderländer, wären es täglich zwei Millionen Barrel zusätzlich. Das wäre eine durchaus relevante Menge, die den Ölpreis tatsächlich nach unten drücken könnte. Und auch wenn es sich im ersten Moment merkwürdig anhört, gerade das billigere Öl könnte dann die Unternehmen zum Umdenken bewegen und sie dazu motivieren, nach alternativen und für sie lukrativeren Energiequellen Ausschau zu halten. Wenn die dann auch noch „erneuerbar“ sind, wäre dem Klima – und damit uns allen – wirklich geholfen.

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Ob und wie die derzeit unterschiedlichen Strategien die Aktienkurse der einzelnen Unternehmen beeinflussen werden, wird die Zukunft zeigen. Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, dass die öllastigen US-Konzerne für Anleger die bessere Wahl sind – doch allzu wahrscheinlich erscheint dieses Szenario derzeit nicht, vor allem nicht für Anleger mit mittlerer und längerfristiger Perspektive.

(Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.)

Mehr zum Thema: Um neue Klimaziele zu erfüllen, braucht das Land viel mehr grüne Energie. Doch Bürokratie und Proteste blockieren den Ausbau. Strom wird zum Luxusgut – und der Industrie droht der Blackout.

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