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Zschabers Börsenblick
Quelle: imago images

Billionenschwere Aufbruchstimmung

Anleger sollten eine Vorstellung davon haben, was den US-Aktienmarkt neben Inflation und Zinspolitik im Jahr 2022 außerdem beeinflussen wird. Es gibt große Herausforderungen – und enorme Chancen.

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Wer der Meinung ist, die Erwartungen an die neue rot-grün-gelbe Regierungskoalition in Deutschland seien schon hoch, dem sei ein Blick zurück empfohlen – und zwar um rund ein Jahr: Als der Demokrat Joe Biden im November 2020 in den USA das Rennen um die Präsidentschaft machte, erwartete sein Land von ihm nicht nur ein besseres Corona-Management als das seines republikanischen Vorgängers Donald Trump. Quasi nebenbei forderte es von ihm auch ein gespaltenes Land zu einen. Als ließe sich das durch ein paar Verordnungen und einige warme Worte erledigen.

Es ist keine Frage: Bislang ist Biden nicht nur in dieser Hinsicht einiges schuldig geblieben – und weit davon entfernt, als Heilsbringer gefeiert zu dürfen. Vor allem seine Außenpolitik hat durch das Desaster in Afghanistan mehr als einen Kratzer abbekommen. Aber in einem Punkt hat er vor kurzem eindrucksvoll geliefert: Er hat Anfang November das Infrastrukturprogramm im Kongress durchgesetzt und damit einen der größten ökonomischen Katalysatoren der kommenden Jahre geschaffen. Vielleicht mag sich das Land nicht in den Armen liegen. Doch der Umstand, dass er zwar bei der Abstimmung über das Programm in Senat und Repräsentantenhaus auf die Stimme manch eines demokratischen Parteifreundes verzichten musste, dafür aber den einen oder anderen Republikaner für sich gewinnen konnte, zeigt, dass er durchaus zu vereinen weiß – und damit etwas schafft, was dem Motto „Make America great again“ näher kommt als vieles, was dessen „Erfinder“ Donald Trump während seiner Amtszeit gezeigt hatte.

Bidens Infrastrukturprogramm ist zweierlei: ein politischer Fingerzeig nach dem Motto „Wir können doch gemeinsam“, aber nicht minder auch ein wirtschaftliches Halali. Denn konkret geht es um 1,2 Billionen US-Dollar. Diese könnten der Grund dafür sein, dass unter den weltweiten Aktienmärkten, die im Börsenjahr 2022 im Zeichen schon mehrfach diskutierter Aspekte wie Inflation, Corona und Geldpolitik stehen dürften, der USA-Markt besonders gut dastehen könnte. Von diesen 1,2 Billionen soll der Großteil von 650 Milliarden Dollar in bereits geltende Verpflichtungen fließen, der Rest – immerhin 550 Milliarden Dollar – soll in den nächsten fünf Jahren für neue Infrastrukturprojekte investiert werden, unter anderem in Bau, Verkehr und Versorgung.

Es ist zwar nicht so, als müsste die US-Wirtschaft aus Ruinen auferstehen. Schon im jüngsten Quartal zeigten die Unternehmen in den Vereinigten Staaten eine beeindruckende Konstitution: Von den Konzernen im breit gefächerten S&P 500 Index konnte ein im historischen Vergleich überdurchschnittlich hoher Anteil die Analysten positiv überraschen und deren Prognosen übertreffen. Und wir reden hier nicht von Startups, die von nur drei Experten beobachtet würden, sondern vom vielbeachteten Spiegelbild der wichtigsten Unternehmen der US-Industrie. Aber diese werden sich auch 2022 Herausforderungen stellen müssen, etwa in Form von gestörten Lieferketten und hohen Rohstoffpreisen. Zwar dürften Lieferketten mit zunehmenden globalen Corona-Impfquoten immer stabiler werden. Und hohe Rohstoffpreise sind in Zeiten einer angestauten Nachfrage sehr gut eins zu eins an Kunden weiterzugeben und somit kompensierbar. Aber eine Sonderkonjunktur in Billionen-Dollar-Höhe ist mehr als nur ein Sahnehäubchen.

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    Man sollte es natürlich nicht unter den Tisch fallen lassen – auch 2022 werden bekannte Mechanismen wieder greifen: Die dramatisch hohe Inflation wird entscheidende Auswirkungen auf die Entwicklung der Aktienmärkte haben und nicht zuletzt die mögliche Fortsetzung der Niedrigzinspolitik sowie das Vorgehen der Fed mit den behutsam vorgetragenen Ankündigungen einer Wende in punkto Anleihekäufe – Stichwort Tapering – dürften ihren Beitrag dazu leisten, dass die Investoren nicht schlagartig die Lust an der Aktie verlieren. Doch das Infrastrukturprogramm von Biden bietet etwas Besonderes: Anders als die akademischen Themen Inflation und Geld- bzw. Zinspolitik steht es für eine Aufbruchstimmung: Wenn der Arbeiter im Mittleren Westen das Gefühl bekommt, er werde wieder gebraucht, um sein Land nach vorne zu bringen, ist das ein Signal, das von keinem wirtschaftstheoretischen Gedankenspiel ersetzt werden kann – wer weiß, wie emotional die Amerikaner sind, kann ermessen, welchen Wert ein solcher Impuls hat.



    Ein Engagement in den US-Markt ist aufgrund der Stärke der US-Unternehmen in wichtigen Bereichen wie Industrie und Tech eigentlich immer ein Muss als Beimischung eines guten international aufgestellten Aktienportfolios. Im Jahr 2022 sollte sich dieses Engagement, beispielsweise in Form eines ETFs auf einen breiten Index wie den S&P500, gerade vor dem Hintergrund des neuen umfassenden Infrastrukturprogramms besonders positiv bemerkbar machen.

    Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.

    Mehr zum Thema: Fünf Top-Geldmanager sprachen beim Börsen-Roundtable der WirtschaftsWoche über grüne Investments, Inflationsschutz, Zinsen – und ihre Aktienfavoriten für 2022 sowie den besonderen Reiz von Technologiewerten, Bitcoin, Gold und CO2-Zertifikaten.

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