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Zschabers Börsenblick
Im vergangenen Jahr ließen sich viele Analysten von einem allgemeinen Pessimismus anstecken und legten größeres Augenmerk auf die Hiobsbotschaften aus angeschlagenen Branchen als auf die positiven Zahlen aus anderen Sektoren. Quelle: imago images

Eine Bitte für 2019: Wieder mehr auf Fakten schauen!

Im ablaufenden Jahr haben Politik und Pessimismus das Bild an der Börse bestimmt. Für das nächste Jahr empfiehlt sich Anlegern etwas mehr Besinnung auf die Zahlen.

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Es ist gemeinhin bekannt, dass der Börsianer kaum etwas so sehr verabscheut wie die Unsicherheit. Und dass der Aktienmarkt zu einem großen Teil auf Psychologie beruht. Das führt uns auch relativ schnell dazu, was die Märkte im ablaufenden Jahr am meisten belastet hat: eine wahre Flut an Risiken. Wer genau hinschaut, erkennt dabei ein bemerkenswertes Muster: Für nahezu alle Störfeuer – die potenziellen und die realen – zeichnet die Politik verantwortlich. Selbst eine der größten Gefahren, die eines umfassenden Handelskrieges zwischen den USA und China, der reale Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben könnte, fußt letztlich auf einer politischen Entscheidung: Donald Trumps krude Umsetzungen seiner „America-First“-Direktive.

Gutes wird ignoriert

Dass im Sommer deutsche Aktien auf breiter Front zu schwächeln begannen und im Herbst die weltweiten Indizes nachzogen, was dann in historischen Kursverlusten kulminierte, lässt sich also zum großen Teil auf die Politik zurückführen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Fast noch entscheidender war die Reaktion der Analysten darauf. Viele von ihnen ließen sich von einem allgemeinen Pessimismus anstecken und legten größeres Augenmerk auf die Hiobsbotschaften aus angeschlagenen Branchen als auf die positiven Zahlen aus anderen Sektoren. Dabei boten an und für sich weder die Ertragslagen der Unternehmen noch die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der wichtigsten Staaten und Wirtschaftsräume Anlass für eine überzogene Skepsis.

Zwar fielen in der Tat die Quartalszahlen manch eines Unternehmens etwa aus dem Technologiesektor wenig überzeugend aus. Doch viele Analysten vernachlässigten dabei, dass im Durchschnitt Gewinnsteigerungen in Höhe von 27 Prozent in den USA, gut zehn Prozent in Europa und immerhin rund acht Prozent in China zu verzeichnen waren.

Angst vor Rezession unbegründet

Lehnt sich der Anleger mit der einem Marktteilnehmer immer wieder angeratenen Lässigkeit zurück und beurteilt die Situation mit Abstand, erkennt er: Die realwirtschaftliche Lage ist grundsätzlich solide.

So gibt es zwar tatsächlich Länder und Regionen, die hinterherhinken. Doch ist die aktuelle konjunkturelle Schwäche in Europa, Deutschland und Japan auf einzelne „Sorgenkinder“ zurückzuführen, und hier sind es vor allem temporäre Erscheinungen, die sich negativ auswirkten. Dass aber die Folgen der Engpässe in der Autoindustrie, der niedrigen Pegelstände wichtiger Wasserstraßen sowie der Verwüstungen durch Taifune nachhaltiger Natur sein werden, darf bezweifelt werden.

Auch wenn sich ein lang andauernder Konjunkturaufschwung allmählich abschwächt – wobei dieses je nach Wirtschaftsregion einzeln betrachtet werden muss –, führt dieses weder global noch hierzulande zu einer Rezession. Vielmehr wird eine Abschwächung, die damit für die kommenden Jahre also zu erwarten ist, wohl eher graduell verlaufen. Doch auch davon scheinen wir noch ein Stück weit entfernt zu sein, schließlich sind die klassischen Grundlagen seitens eines Wirtschaftszyklus verändert worden. Mit der immensen Liquidität der Notenbanken weltweit sind eigene Dynamiken und Regeln geschaffen worden. Also selbst wenn die Dynamik in einigen Sektoren der Weltwirtschaft nun nachlässt, erscheint ein Wachstum der globalen Konjunktur von 3,5 Prozent für das kommende Jahr realistisch.

Daraus lassen sich positive Skaleneffekte ableiten, die wiederum von übergeordneten Trends getragen werden. Die weiter zunehmende Weltbevölkerung spielt dabei eine tragende Rolle: Einzelne Projekte wie die neue Seidenstraße, die der Weltwirtschaft bis zu einer Milliarde Menschen „zuführen“ kann, sind der Ausdruck einer Innovationskraft, von der wirtschaftlich gesunde Unternehmen mit perspektivischen Geschäftsmodellen nur profitieren können.

Märkte nur temporär effizient

Dieser positive Gesamteindruck soll über eines nicht hinwegtäuschen: Natürlich wird es auch 2019 wieder Risiken geben. So haben Börsianer die politischen und geopolitischen Gefahren im Auge zu behalten und auf eine eventuell von zu steil ansteigenden Zinsen „provozierte“, große globale Liquiditätsverknappung zu achten. Nicht aus dem Blick zu verlieren, ist dabei übrigens ein eher technischer Aspekt: Da manch maschinelle Investoren oder auch Hedgefonds gemäß dem Credo agieren, dass niedrige Schwankungen weniger Risiko bedeuten und eine höhere Aktienquote rechtfertigen, kann eine Volatilität, die nur durch eine temporäre, normalverlaufende Konsolidierung bedingt ist, Folgen haben. Dann nämlich sind besagte Investoren dazu verpflichtet, Aktienpositionen abzubauen – was in einer Art Perpetuum mobile zu größeren Kursverlusten führt. Die Crux dabei: Die fundamentale Situation der Märkte wird nur unzureichend bewertet. Dass gerade in politischen Zeiten die Märkte anfällig für Kursschwankungen sind und sich die vielzitierten „effizienten Märkte“ nur temporär zeigen, hat ja gerade das ablaufende Jahr gezeigt.

Chance in der Schwäche - vor allem in Europa

Dennoch lässt sich nach wie vor eine große Reihe fundamentaler Faktoren identifizieren, die im kommenden Jahr die Basis für positive Wertentwicklungen bilden können. So steigen unseren Berechnungen zufolge die weltweiten Unternehmensgewinne im kommenden Jahr um rund zehn Prozent an. Angesichts dessen sowie des besagten globalen Wachstums dürften Skaleneffekte für gesunde und profitable Unternehmen, die innerhalb ihres Wettbewerbs solide aufgestellt sind, ausreichend Berücksichtigung an den Märkten finden.

Vor diesem Hintergrund können Anleger die von politischen Störfeuern immer wieder verursachten Kursschwankungen sogar positiv sehen: als Möglichkeit, innerhalb eines übergeordneten Aufwärtstrends immer wieder günstige Einstiegsgelegenheiten nutzen zu können. Im Blick haben sollten sie vor allem Europa, das sich, wenn erst einmal seine derzeitige leichte Schwächephase beendet ist, an der Börse überdurchschnittlich gut entwickeln könnte. Für Impulse könnten ein engerer Arbeitsmarkt sowie ein anziehendes Lohnwachstum sorgen. Darüber hinaus würden ein robustes Geschäftsvertrauen, verbesserte Gewinnmargen und ein aktuell im Vergleich zum Produktionsniveau noch niedriges Investitionslevel optimale Voraussetzungen für einen weiteren Anstieg des Kreditwachstums bedeuten.

Die nach wie vor in der Eurozone erkennbare latente Nachfrage nach Kapitalgütern lässt eine Straffung der EZB-Geldpolitik vor September 2019 unrealistisch erscheinen – vor diesem Hintergrund sollte das Wachstum des „Alten Kontinents“ für weite Strecken des kommenden Jahres oberhalb des allgemeinen Trends liegen.

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