Zschabers Börsenblick
Quelle: dpa

Opportune Wende: Fokus auf den US-Aktienmarkt

Die Aussichten des US-Aktienmarkts sind gegenüber denen seines europäischen Pendants wieder besser als vor gut zwei Monaten. Wie Anleger nun agieren können.

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Dass der Aktienmarkt ein Platz mit den unterschiedlichsten Meinungen ist, das verrät Außenstehenden nicht zuletzt eines von Kostolanys berühmtesten Bonmots: „An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil.“ Dass dort bekanntlich neben der jetzigen Realität auch die Zukunft gehandelt wird, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Zwar ist die Zukunft schwierig zu prognostizieren, jedoch mit Blick auf die vielen Veränderungen, Neuerungen und Trends in dieser Welt, gilt es bereits jetzt schon Ableitungen zu treffen. Das kann für Aktionäre finanziell sehr erfolgreich sein.

Dass eine grundlegende Marktanalyse allerdings kein Selbstläufer ist, wissen wir nicht nur seit zwei Monaten, denn die Einflussfaktoren für die Kapitalmärkte können sich mehr als schnell durch Sonderereignisse wie beispielsweise den aktuellen Ukrainekonflikt und die Auswirkungen auf den Wirtschaftszyklus sofort kurzfristig ändern. Was vor der als „Zeitenwende“ in die Geschichtsbücher eingehenden russischen Invasion in der Ukraine Status quo war, ist leider mittlerweile längt überholt, hat sich doch damit politisch und auch wirtschaftlich einiges geändert – und somit auch zumindest für eine gewisse Zeit der Börsenausblick, welcher Anfang des Jahres gegeben wurde. Nun verbietet sich natürlich jeglicher Zynismus – eine kriegerische Auseinandersetzung dieses Ausmaßes hatten sich nur die Allerwenigsten vorstellen können. Nichtsdestotrotz sollten Anleger schauen, was sie daraus lernen können – und wie sie sich jetzt entsprechend verhalten sollen.

Noch zu Jahresbeginn wurde dem europäischen Aktienmarkt eine Menge zugetraut – unter anderem eine expansive Geldpolitik, eine günstige Bewertung, Corona-Nachholeffekte und damit verbundene erfreuliche Wachstumsaussichten sollten den Markt stützen. Nun, rund vier Monate später, ist klar: Durch das schwerwiegende Ereignis wäre es mitunter kurzfristig besser gewesen, etwas mehr auf den US-Aktienmarkt zu setzen, wobei eine Portfolio-Allokation ja immer breit gestreut sein muss. Es ist ja nicht nur die rein geografische Distanz zum Kriegsgeschehen, die die Amerikaner ruhiger schlafen lassen dürfte als die Europäer. Auch die Abhängigkeit der USA von russischen Rohstoffen ist bei weitem nicht so umfangreich wie im Fall der Europäer, im Speziellen der Deutschen. Von jenseits des Atlantiks lassen sich Sanktionen also allemal leichter durchwinken und ihre Konsequenzen besser aussitzen.

Wie vergleichsweise wenig Eindruck der Ukraine-Krieg bislang auf die US-Wirtschaft hat, zeigt sich auch an den jüngsten Quartalszahlen, die bei vielen Unternehmen erstaunlich gut ausfielen – und das, obwohl das erste Jahresviertel zu gut einem Drittel schon von dem Konflikt betroffen war. Bis Mitte vergangener Woche konnten mehr als drei Viertel der S&P-Konzerne, die schon Q1-Zahlen gemeldet hatten, die Erwartungen übertreffen.

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Zwar gehen natürlich auch an den USA die Auswirkungen der geopolitisch angespannten Lage nicht spurlos vorbei, so ist das US-Bruttoinlandsprodukt aufgrund eines schwachen Außenhandels im ersten Quartal um 1,4 Prozent gesunken. Doch die aktuelle Investitionsfreude der Unternehmen lässt hoffen, darüber hinaus zeigen sich die US-Konsumenten relativ kauffreudig. Last but not least lassen sich auch die dortigen Einkaufsmanager keine Angst vor einer Rezession anmerken – so zumindest können die jüngsten starken Daten des ISM Services PMI interpretiert werden.

Der US-Aktienmarkt könnte seine lange Tradition also fortsetzen und auch in den kommenden Wochen und Monaten womöglich besser abschneiden als der EuroStoxx 50 oder der Dax. Aber: Auch ein Engagement in den Dow Jones oder S&P 500 ist für Anleger freilich nicht frei von Risiken. Vor allem vor dem Hintergrund der nach wie vor unterbrochenen Lieferketten, hoher Rohstoffpreie und steigender Zinsen könnte auch der US-Aktienmarkt ins Stocken geraten.

Auf der anderen Seite bieten einzelne Werte in Europa weiterhin durchaus gerade jetzt sehr große Chancen. So haben etwa einige EuroStoxx50-Werte auch in diesem herausfordernden Umfeld seit Jahresbeginn eine erfreuliche Entwicklung gezeigt. Dazu kommt, dass einige Perlen mehr als abgestraft worden sind und sich nun wieder auf einem günstigen Kaufniveau befinden. Und: eine expansive Geldpolitik, eine günstige Bewertung und Corona-Nachholeffekte haben sich trotz aller Risiken nicht in Luft aufgelöst, im Gegenteil – und könnten schon recht bald den europäischen Markt wieder stärker in den Fokus der Investoren rücken lassen, so wie mit Beginn diesen Jahres. Kurzum: In der Breite bietet der US-Aktienmarkt derzeit womöglich die größeren Chancen, abschreiben sollten Anleger den europäischen Markt aber auf gar keinen Fall.

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Europa wird sich in den kommenden Monaten allerdings beweisen müssen, wirtschaftlich, aber auch politisch und strategisch. Womöglich gelingt dem alten Kontinent dabei sogar die eine oder andere positive Überraschung innerhalb kürzester Zeit – auch an der Börse. Und dort ist ja alles möglich, auch das Gegenteil.

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