Zschabers Börsenblick: Rückkehr der Value-Werte
Zentrale der Banco Santander im spanischen Santander: Feiern Value-Titel wie eben Banco Santander nach dem Dämpfer für Tech-Aktien an der Börse ihr Comeback?
Foto: WirtschaftsWocheBereits vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine und der damit verschärften Diskussion um den Import russischen Gases ist die Teuerung in Deutschland ein großes Thema gewesen. Doch die ohnehin schon großen Inflationssorgen haben aufgrund des zuletzt kräftigen Anstiegs der Energiepreise nochmals zugenommen. Das betrifft Privatleute und Unternehmen nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa – und hat die Europäische Zentralbank EZB dazu veranlasst, ihre Inflationsprognose für den Euroraum für das laufende Jahr von 1,9 auf 3,0 Prozent zu erhöhen. Trotz aller Bedenken wird die EZB wohl über kurz oder lang ihrem US-Pendant Fed folgen und den Leitzins erhöhen müssen; die US-Notenbank hat den Zins in der vergangenen Woche leicht auf 0,25 Prozent angehoben – und weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt.
Lesen sie auch: Mit ihrem neuen, straffen Kurs in der Geldpolitik schafft die US-Notenbank Planungssicherheit. Die Risiken steigender Zinsen aber sind deshalb nicht vom Tisch. Als sicherer Hafen dürfte vor allem der Dollar gefragt sein.
Wenn die EZB nachzieht und eine restriktivere Geldpolitik umsetzt, dürfte dies vor allem den hoch verschuldeten Staaten im Süden des europäischen Kontinents schwer zu schaffen machen. Dies bedeutet aber nicht, dass Anleger nun ausschließlich auf Werte etwa in Deutschland, den Niederlanden oder Österreich setzen sollten. In einer solch unsicheren und volatilen Börsenphase sollten Anleger vielmehr Ausschau halten nach krisenresistenten Geschäftsmodellen, guter Marktstellung, erfahrenem Management, stabilen Dividenden und einer günstigen Bewertung – also allesamt Parameter, die häufig so genannte Value-Werte aufweisen. Und solche gibt es unter anderem auch in Südeuropa.
Value-Aktien waren in der Gunst der Anleger in den vergangenen Jahren hinter Growth-Papieren zurückgeblieben. Mit Value-Titeln bezeichnet man in der Regel Aktien, die unterbewertet erscheinen – als Indikator ziehen Investoren dabei oft Größen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder den Buchwert des jeweiligen Unternehmens heran. Growth-Titel wiederum sind Aktien, bei deren Potenzialbewertung Investoren nahezu alles dem Aspekt Wachstum unterordnen – weist ein Unternehmen hohe Wachstumserwartungen auf, billigen ihm Growth-Anhänger durchaus hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse zu, also relativ teure Kurse.
Dass Growth-Papiere in den vergangenen Jahren teilweise exorbitante Kurszuwächse verzeichnet haben, lag nicht zuletzt auch in dem für sie günstigen Umfeld niedriger Zinsen begründet. Dass eben diese Zinsen anziehen – in den USA wie gesagt schon jetzt, und die EZB wird wohl auch über kurz oder lang entsprechend agieren –, sorgt für ein Umschichten in Value-Aktien, für die steigende oder hohe Zinsen ein weniger problematisches Umfeld darstellen.
Zurück zu Südeuropa: Dort ist ein vergleichsweise großes Spektrum an Value-Werten auszumachen, deren Unterbewertung unter anderem daher rührt, dass sie vor dem Hintergrund der Euro-Krise in Sippenhaft genommen wurden und dass sie eben in den vergangenen Jahren im Schatten des Growth-Trends standen. Da ist etwa ein Unternehmen wie Enel, ein italienischer Energiekonzern, der Ende vergangener Woche die Gewinnerwartungen übertreffen konnte und zudem die Dividende anhob – und hohe Ausschüttungen sind ebenfalls ein Kriterium für den Value-Begriff. Aus Spanien wäre hingegen beispielsweise die Banco Santander zu nennen (im Bild die Zentrale in Santander), eine Bank mit Privat- und Firmenkundengeschäft, oder die Telekommunikationsgruppe Téléfonica, die Mobilkunden hierzulande von ihrer deutschen Tochter kennen. ACS, ein Madrider Baukonzern, der als Großaktionär von Hochtief bekannt ist, zählt ebenfalls zu dieser Kategorie.
Wie man an dieser Auswahl sieht, sind die Geschäftsfelder der Unternehmen weit weg von Trendthemen wie Big Data und künstliche Intelligenz und damit von einer Kursfantasie, die einem den Mund offenstehen lassen würde. Aber: sie sind eben auch Value- und keine Growth-Titel. Eines erkennt man allerdings auch: Selbst wenn die Branchen, aus denen viele Value-Titel stammen, vermeintlich solide sind – gerade bei Energie und Banken haben es Anleger derzeit mit Segmenten zu tun, die im Kontext der aktuellen weltpolitischen Lage jederzeit genauestens beobachtet werden sollten. Allein aus diesem Grund empfiehlt es sich Privatanlegern, auch das Thema Value breit zu streuen, den Anlagehorizont langfristig zu sehen und das Risiko im Blick zu behalten.
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