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Zschabers Börsenblick
Börse: Chinas Weg zum Erfolg Quelle: imago images

Seidenstraße – Chinas Weg zum (Börsen-)Erfolg

Die Prognosen über das Wirtschaftswachstum Chinas lassen Investoren am Reich der Mitte zweifeln. Gerade das könnte für andere aber das Signal zum Einstieg sein. Zumal das Land noch einen ganz großen Trumpf im Ärmel hat.

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Die jüngsten Nachrichten aus China geben auf den ersten Blick denjenigen Recht, die Engagements im Reich der Mitte grundsätzlich für überschätzt halten. So gab der dortige Regierungschef Li Keqiang in der vergangenen Woche bekannt, dass die chinesische Wirtschaft wohl in diesem Jahr mit 6,0 bis 6,5 Prozent deutlich langsamer als bislang wachsen werde. Das niedrigste Wachstum seit fast drei Jahrzehnten führe er auf den Handelskrieg mit den USA sowie der hohen Verschuldung zurück. Für China-Pessimisten ein mittelgroßes Fest.

 Was die Skeptiker aber vergessen – oder absichtlich unterschlagen –, ist ein Mega-Projekt, dank dessen China das Potenzial haben könnte, die Unkenrufe zum Verstummen zu bringen: die neue Seidenstraße, die Chinas Rolle als Wachstumsmotor für Asien und Europa weiter festigen kann.

 Die Neuauflage der legendären Handelsroute aus der Antike ist dazu prädestiniert, China und Europa wirtschaftlich näher zusammenzubringen und neue Routen zu etablieren. Allein die Größe des massiven Infrastrukturprojekts macht seine Bedeutung deutlich: So leben im Einflussbereich der neuen Seidenstraße bis zu 60 Prozent der Weltbevölkerung – diese bekommen dann mit ihrer „Erschließung“ die Chance, an der Entwicklung etablierter Märkte teilzuhaben. Auf den Bereich rund um die Handelsroute entfallen schon heute rund 35 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung – diese Region wird sich nach und nach deutlich verändern und neue Nachfragezyklen entwickeln. Fakt ist schon jetzt, dass China das Projekt mit massiven Investitionen anscheinend unaufhaltsam vorantreibt.

 Pikant ist an der Seidenstraße, dass China damit seinem Gegner im Handelskonflikt, den USA, eine derbe Niederlage zufügen kann. Gerade die Seidenstraße führen viele Beobachter sogar als Motivation für Donald Trump an, den Streit mit dem Riesenreich über Zölle vom Zaun gebrochen zu haben. Zu groß sei die Angst der USA vor der Realisation des Projekts. Ihre Bedenken sind angesichts des Umstandes, dass China dank der neuen Seidenstraße zur größten Volkswirtschaft der Welt werden könnte, in gewissem Sinne sogar nachvollziehbar, torpediert die Straße Trumps Pläne à la „Make America great again“ doch aufs Heftigste. Und das erklärt wohl – wenn man sich einmal in die krude Gedankenwelt eines Donald Trump hineinversetzen möchte –, warum er es nicht in Erwägung zieht, das Projekt etwa mit Gütern, Waren und insbesondere US-Dienstleistungen zu unterstützen und sich somit zumindest einen Teil des Kuchens abzuschneiden statt beleidigt von der Seitenlinie zuzuschauen. Zumal sein eigenes Infrastrukturprojekt, der Mauerbau in Mexiko, ein eher destruktives als ein konstruktives ist und von der Weltengemeinschaft eher kritisiert – oder bestenfalls belächelt – wird.

 Nun ist die Seidenstraße unter den vielen Projekten, die in Summe China der Weltspitze unter den Volkswirtschaften näher bringen können, also womöglich das symbolträchtigste. Doch auch abseits davon bietet China Wachstumsperspektiven. In einzelnen Branchen spielt in China jetzt schon die Musik – oder wird es definitiv in der näheren Zukunft tun. Bereits im vorvergangenen Jahr gab das Reich der Mitte das Ziel vor, bis 2030 führend auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz zu sein. Das ist eine Ansage – frühere Zukunftsvisionen wie Gesichtserkennung und intelligente Verkehrsüberwachung sind immerhin in China längst Realität.

 Apropos Realität: Wer Kursfantasie für wenig überzeugend hält und stattdessen nur Zahlen vertraut, auch dem bietet China Argumente: Von 2000 bis 2018 hat sich das Bruttoinlandsprodukt Chinas von 1,2 auf 14,1 Billionen US-Dollar nahezu verzwölffacht. Neben den Millionen junger ausgebildeter Menschen, die für Perspektiven sprechen, sorgt eine Mittelschicht, die sich mit rund 300 Millionen beziffern lässt, für eine enorme Kaufkraft. Rechnet man die Autoverkäufe heraus, kletterten allein im vierten Quartal 2018 die Umsätze im Einzelhandel um 7,7 Prozent; der gesamte Binnenkonsum legte gar um acht Prozent zu. Inzwischen zeichnen Binnenkonsum und Dienstleistungen für rund drei Viertel der Wirtschaftsleistung Chinas verantwortlich. Wer hier von einem stotternden Motor spricht, sollte definitiv kein Automechaniker werden.

 Allen anderen sei ans Herz gelegt, angesichts des chinesischen Engagements in vielen aussichtsreichen Projekten und Branchen darüber nachzudenken, ob derzeit nicht ein guter Zeitpunkt sei, um die aktuelle Schwäche am Aktienmarkt auszunutzen und sich mit einem ETF etwa auf den MSCI China in diesem Markt der Zukunft zu positionieren – wohlgemerkt bei Akzeptanz höherer Schwankungen und einem langen Anlagehorizont. Auch wenn manch einer diese Zukunft bislang nicht sehen mag.

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