Zschabers Börsenblick: Voll daneben – und daher richtig gut
Manchmal ist Sprache gemein. So gibt das kleine, aber feine Präfix „neben“ einem Begriff ein entscheidendes G’schmäckle mit: Der Nebenmann von jemandem, das Nebengebäude von etwas, der Nebenkriegsschauplatz oder der Nebendarsteller sind immer nur die zweite Wahl, sie fallen gegenüber etwas oder jemand anderem deutlich ab. Und so sehen das aktuell auch viele Börsianer: Nebenwerte sind gegenüber Standardwerten zu vernachlässigen.
Nun ist es so, dass ihnen die derzeitige Lage zumindest in Sachen Wertentwicklung auf den ersten Blick Recht gibt. Der Dax, Deutschlands erste Börsenliga der Standardwerte, hat sich auf kurze und mittlere Sicht besser entwickelt als die Nebenwerte aus der zweiten Reihe, wie sie in MDax und SDax gelistet werden.
Zwar sieht auch der Dax angesichts eines historisch schwachen ersten Halbjahres nach allem anderen als nach einem strahlenden Gewinner aus. Doch zieht man den Zeitraum der vergangenen zwölf Monaten heran, haben MDax und SDax noch deutlich mehr an Wert verloren. Das gibt denen Rückenwind, die ohnehin der Meinung sind, dass etwa der MDax Werte enthalten würde, die es in den Dax nicht geschafft hätten oder – was fast noch schlimmer wäre – die wegen schlechter Performance von dort in den MDax abgestiegen wären.
Hinter der schwächeren Entwicklung von MDax und SDax in der jüngeren Vergangenheit steckt allerdings vielmehr einer dieser Mechanismen, wie es sie am Aktienmarkt zuhauf gibt. So strahlen in Zeiten erhöhter Nervosität große Unternehmen mehr Sicherheit aus als kleine und mittlere. Und angesichts der Kombination aus hoher Inflation, steigenden Zinsen, dem anhaltenden Krieg in der Ukraine und einer an Fahrt verlierenden Wirtschaft ist die Nervosität bei Unternehmen wie Marktteilnehmern gleichermaßen überdurchschnittlich hoch. In einem solchen Umfeld gelten die „Dickschiffe“ an der Börse, also Bluechips, wie sie im Dax vertreten sind, als bessere Wahl. Die vielzitierte Self-fulfilling prophecy spielt auch hier eine Rolle.
Das Charakteristikum einer solch selbsterfüllenden Prophezeiung ist aber auch dies: Sie ist nicht immer rational, Übertreibungen sind in diesem Falle fast vorprogrammiert. Zumal die Grenzen etwa zwischen Dax und MDax mitunter fließend sind: Anfang September waren gleich 25 MDax-Werte von der Marktkapitalisierung, also dem Börsenwert her, größer als der kleinste Titel im Dax, HelloFresh. Für den größten MDax-Titel, die mit gut 13 Milliarden Euro bewertete Vantage Towers, hätte es nach diesem Kriterium immerhin zu Platz 30 im mittlerweile 40 Titel umfassenden Dax gereicht. Mit anderen Worten: Wer auf der Suche nach Schwergewichten an der Börse ist, wird auch im MDax fündig.
Vor dem Hintergrund, dass erwiesenermaßen SDax und MDax auf lange Sicht mit einer deutlich höheren Performance als der Leitindex punkten, bedeutet ihre jüngste Schwäche im Umkehrschluss: Die aktuellen Kursniveaus gut aufgestellter SDax- und MDax-Unternehmen könnten sich als interessante Einstiegsmöglichkeiten erweisen – natürlich nur, wenn man langfristig investieren möchte, denn es wird volatil bleiben. Möglicherweise kauft man seine Favoriten auch in mehreren Etappen, um einen Durchschnittskurs zu erzielen. Eines steht aber fest: Mit Investments in die vermeintliche zweite Reihe der Nebenwerte lassen sich Chancen nutzen, gleichzeitig kann der Anleger eine größere Diversifikation umsetzen. Sozusagen – ja richtig – nebenbei.
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