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Zschabers Börsenblick Vorsicht vor (Liefer-) Kettenreaktionen

Die Blockade des Suezkanal durch das Riesen-Containerschiff

Durch die jüngste Blockade des Suezkanals wurde wieder einmal deutlich, wie fragil der Welthandel sein kann. Wie Anleger darauf reagieren können. Und welche Rolle dabei SDax und MDax spielen.

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Über kaum ein anderes Thema wird seit gut einem Jahr so heftig diskutiert wie über den Stand der Digitalisierung. Zu deutlich hat die Coronakrise offenbart, dass neue Technologien, die etwa Homeschooling oder Remote Work ermöglichen, nicht zur Genüge etabliert sind oder nicht in ausreichendem Maße unterstützt werden.

Da mutet es wie eine Ironie des Schicksals an, dass just in dieser Zeit ein Problem die Weltwirtschaft in die Knie zwingt, das mit Digitalisierung so überhaupt nichts zu tun hat: Das gigantische Containerschiff „Ever Given“ hat Ende März für rund eine Woche den Suezkanal blockiert und damit eine der wichtigsten und meistfrequentieren Seefahrtsrouten des Globus lahmgelegt. Lieferketten für wichtige Industrien waren damit tagelang unterbrochen. Und Onlinehandel hin oder her: Ich kann zwar mittlerweile so gut wie alles im Internet bestellen – geliefert werden muss es dennoch auf dem Offline-Weg. Mit anderen Worten: Wenn die Old Economy behindert wird, stößt auch der E-Commerce ganz schnell an seine Grenzen.

Zwar ist der Container-Riese mittlerweile wieder „befreit“ und der Verkehr über den Suezkanal läuft wieder mehr oder minder flüssig. Doch die tagelangen Ausfälle haben nicht nur in Ägypten, dem wegen entgangener Mauteinnahmen ein Schaden in Millionenhöhe entstanden ist, für Aufregung gesorgt, sondern weltweit die Aufmerksamkeit auf die Risiken von langen Lieferketten gelenkt.

Für Anleger könnte es daher jetzt naheliegend sein, nach Unternehmen zu schauen, deren Lieferketten einfach kürzer, da weniger international sind. Doch wer auf die Idee kommt, vor diesem Hintergrund pauschal auf MDax und SDax zu schielen und breit in diese Indizes zu investieren, könnte sich verspekulieren. Zwar ist es richtig, dass ein vergleichsweise großer Anteil der dort gelisteten Unternehmen inhabergeführt ist, was mitunter eine höhere Kontinuität in der Geschäftsentwicklung und eine gewisse Standortverbundenheit mit sich bringt. Doch was gemeinhin als zweite beziehungsweise dritte Reihe deutscher Unternehmen bezeichnet wird, besteht nicht per se und ausschließlich aus heimischen Mittelständlern, die aus heimischen Rohstoffen vor Ort Produkte für die heimische Kundschaft herstellen würden.

So wäre es ein Trugschluss zu glauben, alle in MDax und SDax gelisteten Unternehmen wären unabhängig von jeglichen globalen Zulieferern und Lieferketten – oder einem Lieferkettengesetz, wie es ab 2023 für Unternehmen ab 3000, später ab 1000 Beschäftigen gelten soll. Es geht also vielmehr um Stock-Picking, um die richtigen Ausnahmen auszumachen.

Im SDax wäre Instone Real Estate ein solcher Kandidat. Das Immobilienunternehmen ist dank seiner Spezialisierung auf die Entwicklung von Wohnraum im Bundesgebiet weniger als global agierende Konzerne anfällig dafür, was im internationalen Handel passiert – und darüber hinaus im nach wie vor boomenden Immobilienmarkt tätig.

Auch am eingangs erwähnten Thema Digitalisierung kommt man beim Thema Lieferketten nicht vorbei. So sind Unternehmen aus der IT-Dienstleistungsbranche interessant. Hier bieten sich aus dem MDax etwa Nemetschek und Bechtle an: Nemetschek ist ein Anbieter von Entwicklungssoftware für die Bauindustrie und damit in einem aussichtsreichen und enorm profitablen Nischenmarkt aktiv. Bechtle wiederum bietet ganzheitliche IT-Konzepte an, die auch die Beratung umfassen. Von Lieferengpässen sind zwar auch diese beiden Unternehmen betroffen, sobald es um konkrete Hardware-Produkte geht. Ihre Stärke im Dienstleistungsbereich sowie der Umstand, dass sie im generell boomenden IT-Markt tätig sind, federn das Risiko aber mehr ab als bei einem globalen Dax-Konzern, der auf den Verkauf von Konsumgütern fokussiert ist, die er fast ausschließlich in Asien produzieren lässt.

Im MDax ließe sich zudem CTS Eventim anführen, ein Ticketvermarkter für Veranstaltungen. Naturgemäß wird ein solches Unternehmen von Kontaktbeschränkungen, wie sie die Corona-Pandemie mit sich bringt, schwer getroffen. Doch ein dank umfangreicher Impfungen vorausgesetztes Ende der Krise wird das Geschäft wieder deutlich beleben – und von Lieferketten ist CTS Eventim vergleichsweise wenig betroffen. Zwar müssen auch Weltstars erst einmal auf die Bühnen gebracht werden. Doch die gute Nachricht: Containerschiffe und der Suezkanal spielen dabei in der Regel keine große Rolle.

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Fazit: Es bieten sich eine Menge Chancen, aber natürlich mit den entsprechenden Risiken. Für den Anleger bleibt daher generell eine wichtige Aufgabe, zu prüfen, ob er die unternehmerischen Risiken eingehen möchte oder nicht. Dazu gehört auch, sich ausführlich mit den einzelnen Unternehmen zu beschäftigen und dann abzuwägen, bei einem ausreichend langen Anlagehorizont und möglicherweise auch Durststrecken zwischendurch.

Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.

Mehr zum Thema: Containerschiffe werden länger und breiter. Das birgt enorme Gefahren und bringt immer mehr Häfen an ihre Grenzen. Nach der Havarie im Suezkanal dürfte die Lobby gegen die Ozeanriesen noch größer werden.

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