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Börsenhandel Börse im Bann der Maschinen

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Rätselhafter Crash

Steffen Hauptmann, promovierter Informationstechniker und Fondsmanager beim Vermögensverwalter Galiplan, hält dagegen: „High Frequency Trader sind Parasiten, denn sie verhindern faire Preise.“ Anders als Börsenmakler, die von den Börsen als Market Maker verpflichtet werden, um für einen liquideren Handel zu sorgen, entscheiden Hochfrequenzhändler frei, wann sie handeln. Wenn es kritisch wird, schalten sie ab.

Viele Computermodelle arbeiten mit Volatilitätslimits. Ist die Volatilität zu hoch, halten sie sich mit Käufen zurück. So ist eine Kettenreaktion möglich: Steigt die Volatilität etwa bei sinkenden Kursen, fahren die Computer ihren Börsenhandel herunter, die Liquidität sinkt. Die Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskursen weiten sich deshalb. Die Volatilität steigt weiter, die Programme wittern Gefahr und fahren den Handel noch stärker zurück. Zusätzlich lösen die sinkenden Kurse Stop-Loss-Order aus. Auch Langfrist-Investoren, die ihre Verluste nicht aus dem Ruder laufen lassen wollen, beginnen zu verkaufen. Die Liquidität der Computer fehlt auf Käuferseite. Der Kurssturz, der von Programmen, die bestimmten Trends folgen, weiter verstärkt wird, ist kaum noch zu stoppen.

24 Sekunden sind eine halbe Ewigkeit

So wie am 6. Mai 2010 in den USA, wie die Nanex-Studie zeigt. Computer versuchten, Kursdifferenzen zwischen verschiedenen Börsenplätzen auszunutzen. Sie verkauften massenweise Aktien an der New Yorker Börse, wo die Kurse scheinbar deutlich höher als an anderen Börsen waren. Tatsächlich gab es diese Kursdifferenzen aber nicht. Sie beruhten auf verzögerten Daten. Die Programme konnten das aber nicht erkennen, da die Börsensysteme die Daten erst bei der Übermittlung mit einem elektronischen Zeitstempel versahen. So waren etwa die als aktuell angezeigten Kauforder für die General-Electric-Aktie tatsächlich bis zu 24 Sekunden alt. Für Computerhändler eine halbe Ewigkeit.

Die Verzögerung hatten offenbar andere Computer mit massenhaften Kauf- und Verkaufsaufträgen verursacht, die sie kurz darauf stornierten. Laut Nanex stauen sich die Daten an der New Yorker Börse schon, wenn mehr als 20 000 Kurse pro Sekunde festgesetzt werden. Manipulateure könnten den Datenstau, der meist nur Millisekunden anhält, gezielt herbeigeführt und ausgenutzt haben. Denkbar ist auch, dass sich am Anfang der Kette ein Investor vertippt und aus Versehen deutlich mehr Aktien als beabsichtigt zum Verkauf gestellt hatte. Solche Fehl-order heißen „fat finger trade“, da Händler mit dicken Fingern leichter die falsche Tastaturtaste erwischen.

Den massenhaften Verkaufsaufträgen an der New Yorker Börse standen am 6. Mai viel zu wenig Käufer gegenüber. So lösten die Verursacher eine Abwärtsspirale aus. Da die meisten Verkäufer unlimitierte Order abgaben, also keinen Mindestverkaufspreis vorschrieben, wurden Aktien des Beratungsunternehmens Accenture oder des Stromkonzerns Exelon selbst noch zu 0,01 Dollar verkauft. Immer mehr Computer versuchten, den Abwärtstrend zu nutzen. Sie verkauften ebenfalls Aktien, um diese später günstiger zurückzukaufen. Viele Verkaufsaufträge leitete die New Yorker Börse zudem an andere Börsenplätze weiter, da an der Wall Street Käufer fehlten. So gerieten auch diese Börsen in den Abwärtssog. Besonders stark stürzten die Kurse börsengehandelter Indexfonds (ETFs). Da sie den Wert eines Aktienkorbs abbilden, hinkt ihr Preis den Kursen der einzelnen Aktien leicht nach. Das macht sie in Ausnahmesituationen zur einfachen Beute der Computer.

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