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Börsenhandel Börse im Bann der Maschinen

Computer haben an den Börsen die Macht übernommen. Wie Handels-programme die Märkte manipulieren, welche Gefahren Anlegern drohen – und warum Profis ihre Rechner so nah wie möglich an der Börse aufbauen.

Ein Händler an der Börse in Quelle: dapd

New York, 6. Mai 2010. Um 14.43 Uhr Ortszeit stürzen an der Börse die Kurse von mehreren Hundert Aktien ab. Der Leitindex Dow Jones verliert binnen Minuten knapp 1000 Punkte. 862 Milliarden Dollar Börsenwert lösen sich in Luft auf. Um 15 Uhr ist der Spuk vorbei, der Dow Jones beendet den Tag nur drei Prozent im Minus.

New York, 29. Juni 2010, 13 Uhr. Der Kurs der Citigroup-Aktie verliert nach Panikverkäufen 17 Prozent. Ein einzelner Verkäufer soll mit einer besonders großen Börsenorder, die er später storniert hat, eine Kettenreaktion ausgelöst haben. Der Handel mit Citigroup wird fünf Minuten lang ausgesetzt.

London, 24. August 2010. Gegen 14 Uhr rasen die Kurse einiger Aktien überraschend in die Tiefe. Allein British Telecom sacken um neun Prozent ab. Die Aufsicht wittert Unregelmäßigkeiten, der Handel mit fünf Aktien wird zeitweise ausgesetzt. Nach Wiederaufnahme pendeln sich die Kurse wieder ein.

Ultraschnelles Monopoly

Weltweit spielten die Kurse in den vergangenen Monaten immer wieder verrückt. Zuletzt traf es die Warenterminbörse CME in Chicago, am vergangenen Montag. Die Börsenbetreiber wollten Computersysteme testen und leiteten Order versehentlich in die Handelssysteme. Innerhalb von sechs Minuten wurden Öl-Kontrakte fast 30 Prozent teurer.

Derzeit werten die Ermittler der US-Börsenaufsicht SEC die Börsendaten vom 6. Mai aus, der bisher größten Computer-katastrophe – 10 000 Gigabyte Material, mehr als 2000 DVDs. Die Ergebnisse wollen sie noch im September veröffentlichen. Doch schon jetzt macht eine aktuelle Studie des US-Datendienstleisters Nanex die Vorgänge vom 6. Mai transparent. Auch die SEC-Ermittler arbeiten mit Nanex zusammen, ihre Ergebnisse dürften deshalb weitgehend denen der Nanex-Studie entsprechen.

Klar ist schon jetzt, dass von der Öffentlichkeit kaum beachtete Marktteilnehmer den Absturz mit verursacht und verstärkt haben: Computer.

Vollautomatische Computerprogramme machen heute den Handel an den weltweiten Börsen weitgehend unter sich aus. Computer handeln an elektronischen Computerbörsen mit anderen Computern: In den USA werden bereits 73 Prozent aller Aktienumsätze von Maschinen initiiert, an der Deutschen Börse bringt der automatisierte Handel 40 bis 50 Prozent der Börsenumsätze.

In Millisekunden kaufen und verkaufen die Computer Tausende Aktien. Ein- Wimpernschlag? Zeit genug für 100 Order. „High Frequency Trading“ (HFT) heißt das ultraschnelle Monopoly. Computer versuchen etwa, kleinste Kursunterschiede zwischen verschiedenen Börsenplätzen auszunutzen. Milliardensummen werden durch Systeme hin und her gejagt, in der Hoffnung, risikolos Gewinne einzufahren, die sich in der Masse zu respektablen Profiten addieren. Die Handelsstrategien, die ihre Programmierer entwickeln, werden immer raffinierter. Mit ihren Hochleistungsrechnern und mathematischen Modellen versuchen die Computerhändler aber auch, Kurstrends vorherzusehen und diese dank Zeitvorsprung in Gewinne umzumünzen.

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