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Börsenpsychologe „Kollektiver Kontrollverlust“

Was ist an den Börsen los? Rationale Erklärungen versagen, es sieht nach "kollektivem Kontrollverlust" aus. Börsenpsychologe Joachim Goldberg erklärt, wie dieser Herdentrieb entsteht und was jetzt zu tun ist.

Anleger sollten nicht einfach drauf los handeln, sagt Joachim Goldberg, Chef von Cognitrend, Börsenpsychologe und Autor des Blogs

Handelsblatt: Kursverluste ohne Ende, weltweit. Was ist da los an den Märkten?

Joachim Goldberg: Viele Anleger verlieren die Nerven. Dass die Abwärtsbewegung sich in solchem Maße verstärkt, ist nicht mehr verständlich.

Kann man schon von einer Panik sprechen?

Es ist erstaunlich, wie lange sich der Dax während der vergangenen Monate über 7.000 Punkten gehalten hatte. Mit der derzeitigen Bewegung wird einiges nachgeholt, was in den vergangenen Monaten in Europa und den USA passiert ist. Bis Montagmittag wusste man, was am Markt passiert. Auch wenn die Entwicklung rasant war. Seitdem herrschen eine gewisse Kopflosigkeit und auch Panik.

Welche Gründe gibt es für die massiven Verluste?

Eine richtige Erklärung gibt es dafür nicht mehr. Wir sehen einen kollektiven Kontrollverlust. Das Problem sind derzeit nicht Short-Seller oder Spekulanten - es werden Long-Positionen abgebaut, mitunter also langfristiges Kapital abgezogen. Der Minimalkonsens zum amerikanischen Schuldendeckel hat einigen großen Marktteilnehmern wohl nicht gefallen. Meine Vermutung ist, dass ein paar von ihnen ihre Aktienquote deutlich reduziert haben. Da der US-Kompromiss nur Ausgabenkürzungen aber keine Steuererhöhungen enthält, kommt aus den USA vorerst kein positiver Impuls. Trotzdem: Die Stärke des Einbruchs, vor allem seit Montagnacht, überrascht auch mich. 

Stichwort Herdentrieb?

Bis vor acht Tagen schien doch alles relativ sicher, erst danach kamen die Rückgänge. Jetzt wo es brennt, wollen alle durch die gleiche Türe raus. Es geht derart schnell abwärts. Viele verlieren jetzt die Nerven – zu Recht.

Das klingt mehr emotional als rational.

Psychologie spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Denn so schlechte Fundamentaldaten aus Amerika gab es in den vergangenen zwei Wochen nun auch wieder nicht. Die Verluste der vergangenen Tage liegen eher an einem Umdenken. Es wurde ein Punkt überschritten – die wenigsten glauben noch, dass die USA bald auf den Wachstumspfad zurückkehren.

Verluste und Fehlentscheidungen

Was folgt für Anleger?

Manche Anleger handeln immer noch einfach drauf los. Aber sie müssen wissen, was bei Gewinnen oder Verlusten zu tun ist und wann sie aus einem Markt rausgehen sollten. In vielen Köpfen fehlt ein Notfallplan. Menschen gehen davon aus, dass sie Gewinne machen. Unklar bleibt, was zu tun ist, wenn sich das nicht bewahrheitet.

Also doch Psychologie?

Börsenpsychologie ist mehr als Angst, Panik und Verzweiflung. Menschliche Entscheidungen sind meist nicht optimal. Und gehen mit letzteren Verluste einher, wird die Wahrnehmung selektiv, es fehlt der klare Blick. Es ist schwierig, mit Fehlentscheidungen mental seinen Frieden zu machen. Das gilt auch für die Börse ganz besonders.

Wie geht es heute an den Märkten weiter?

Spannend ist, was heute Abend bei der Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank passiert. Eigentlich muss sie von den Liquiditätsprogrammen auch mal runterkommen. Aber derzeit besteht die Gefahr, dass sie eher Geisel der Aktienmärkte wird. Vielleicht wird die Fed ein neues Programm zum Ankauf von US-Staatsanleihen auflegen.

Und mittelfristig?

Die Volatilität an den Märkten wird hoch bleiben. Seit der Immobilienkrise 2007 gibt es immer wieder Einschläge, die es so oft gar nicht geben dürfte.

Für langfristige Anleger ändert sich  nichts. Kurz- und mittelfristige Anleger wollen Geld verdienen – und da fehlt der Notfallplan. Verluste lässt man laufen, Gewinne nimmt man zu früh mit. Viele mussten während der vergangenen Tage zusehen, wie Aktiengewinne mehrerer Monate innerhalb weniger Tage dahinschmelzen. Diese mental bereits vereinnahmten Gewinn möchten Anleger zurückbekommen. Sie sehen erst einmal tatenlos zu. Verluste werden nur realisiert, wenn man es gar nicht mehr aushält.

Wie finden die Märkte aus der Abwärtsspirale wieder raus?

Derzeit fehlt die Aufnahmebereitschaft für Aktien. Helfen kann uns im Moment nur langfristiges Kapital aus dem Ausland. Privat- und Mittelfristanleger können das nicht alleine hinkriegen. Wie ein neues Fed-Programm von den Märkten aufgenommen wird, ist völlig offen.

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