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Boni der US-Banken Kapitalismuskritik an die falsche Adresse

Die Boni-Banker aus New York haben für einen neuen Aufschrei gesorgt. Die populistische Kritik am ungehemmten Kapitalismus trifft jedoch die Falschen, meint WirtschaftsWoche-Redakteur Lothar Schnitzler.

WirtschaftsWoche-Redakteur Lothar Schnitzler Quelle: WirtschaftsWoche

Es stinkt zum Himmel: Fast ein Fünftel der 175 Milliarden Dollar, die der amerikanische Steuerzahler den Banken im vergangenen Jahr als Hilfe zum Überleben zur Verfügung stellte, landete als Boni in den Taschen amerikanischer Bankmanager. Ein Großteil des Geldes, so ist in New Yorker Bankkreisen zu hören, befinde sich inzwischen auf Konten in Steuerparadiesen wie den Bermudas oder in Liechtenstein.

Einige der Banken zahlten dabei mehr Boni aus als sie Gewinn machten. Bei Goldmann Sachs etwa erhielten die Manager mit 4,8 Milliarden Euro - mehr als das Doppelte des Gewinns. Was soll’s: Auch Banken mit dickem Minus wie die Citibank, die im vergangenen Jahr 45 Milliarden Dollar an direkten Hilfen einsteckte und einen Jahresverlust von fast 28 Milliarden Dollar auswies, bedachte ihre Angestellten mit Prämien in Gesamthöhe von über fünf Milliarden Euro.

Verfehlte Kritik

Kapitalismus pur? Ausbeutung der arbeitenden Klasse? I wo! Mit Kapitalismus hat die Selbstbedienung der Banker überhaupt nichts zu tun. Denn es geht nicht um die sogenannte Profitgier von Kapitalbesitzern. Im Gegenteil: Die Profite der Kapitalisten, also der Anleger (im Falle der Citibank ist der Staat mit 34 Prozent größter Mitinhaber) werden durch den Raubzug  angestellter Manager geschmälert. Kapitalisten aller Länder vereinigt Euch! Auf zum letzten Gefecht! Der Feind sitzt nicht mehr auf Kuba oder in Nordkorea, noch in versprengten Trotzkistenzirkeln. Auch Lafontaines und Gysis Linke begnügten sich bislang mit der bloßen Forderung nach Enteignung. Nein, der Feind steht nicht mehr links, er sitzt in den Handelsräumen, Büros und Chefetagen der New Yorker Banken. Denn diese Enteignungsexperten reden nicht nur, sie enteignen die Eigentümer tatsächlich, indem sie die Boni zu Lasten der Gewinne aufblähen.

Propaganda der Tat

Schlimmer noch: Selten zuvor hat in der Geschichte unseres Wirtschaftssystems eine Interessengruppe die Verstaatlichung der Banken effizienter vorangetrieben als Casinobanker aus New York (siehe Citigroup). Und weder die jahrzehntelangen Propagandasendungen von Radio Moskau noch Karl-Eduard Richard von Schnitzlers DDR-Fernsehmagazin „Der schwarze Kanal“ haben die Akzeptanz unserer Marktwirtschaft in der Bevölkerung so unterminiert wie die „Propaganda der Tat“ durch die Boni-Banker.

„Es hat weder Hand noch Fuß, wie die Banken ihre Angestellten entlohnen“, stellt der New Yorker Staatsanwalt Andrew Cuomo in seinem jüngsten Bericht fest. Cuomo hat sich in den vergangenen Monaten als einer der konsequentesten Kritiker der Verstaatlicher und Profitvernichter in Nadelstreifen profiliert. Bleibt zu hoffen, dass er vielleicht dem einen oder anderen Banker doch das Leben schwermachen kann – auch wenn die Boni legal waren und sind. Schließlich kam Al Capone auch nicht wegen Raub oder Mord hinter Gitter, sondern wegen nicht gezahlter Steuern. 

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