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Corporate-Governance-Experte Böcking Hoher Arbeitsaufwand für Aufsichtsräte

Hans-Joachim Böcking, Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsprüfung und Unternehmensführung an der Goethe-Universität Frankfurt, über den Prüfaufwand und die Bezahlung von Aufsichtsräten.

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Hans-Joachim Böcking

WirtschaftsWoche: Herr Böcking, Aufsichtsratsvergütungen sind oft an Dividenden oder Gewinnkennziffern gekoppelt. Ist das sinnvoll?

Böcking: Nein, diese Art der Vergütung ist mit Recht zu kritisieren. Alle gewinnabhängigen Vergütungskomponenten bergen grundsätzlich die Gefahr, dass deren Bemessungsgrundlagen in unerwünschter Weise beeinflusst werden können. Richtet sich die Vergütung des Aufsichtsrats nach Gewinnkennziffern, bestimmt der Vorstand, der diese Ziffer ja steuert, über die Vergütung des Aufsichtsrats. Damit wird der Aufsichtsrat, der den Vorstand überwachen soll, viel zu stark von diesem abhängig.

Wie gewichtig sind die erfolgsabhängigen Vergütungen?

Bei einigen Dax-Aufsichtsräten ist der variable Anteil an der Gesamtvergütung zu hoch. So haben etwa BMW oder Volkswagen ihren Aufsichtsräten für 2007 eine sehr geringe Festvergütung gezahlt, einfache Aufsichtsratsmitglieder bekamen dafür aber etwa das 20-Fache der Festvergütung als kurzfristigen variablen Vergütungsbestandteil. Bei beiden Unternehmen ist die Dividende dafür die Basis. Die aber ist naturgemäß beeinflussbar, sodass eine nicht erwünschte Abhängigkeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat entstehen kann.

Wie sollte die Vergütung der Aufsichtsräte und Prüfungsausschussmitglieder aussehen?

Zunächst müsste auf eine erfolgsbezogene Vergütung verzichtet werden. Eine fixe Basisvergütung hat den Vorteil, dass sie nicht manipuliert werden kann – weder durch Entscheidungen des Vorstands noch durch die des Aufsichtsrats. Des Weiteren sollte ein Aufsichtsratsmitglied nach Tagessätzen bezahlt werden. Somit würde auch genau jener Zeiteinsatz vergütet, den das Mitglied erbringt. Bei Mitgliedern mit Sonderfunktionen, etwa Aufsichtsrats- oder Ausschussvorsitzende, sollte ein Positionsfaktor miteinfließen. In diese Richtung tendiert bereits die Vergütung bei Daimler. Schließlich sollte noch berücksichtigt werden, wie groß das Risiko ist, dass ein Aufsichtsrat für Fehlentscheidungen haftet.

Kassieren Aufsichtsräte unter dem Strich zu viel Honorar?

Nein. Bei der Mehrzahl der Aufsichtsräte der Dax-30-Unternehmen ist die Vergütung der einfachen Mitglieder nach wie vor zu gering. Ein Aufsichtsratsmitglied erhält zwar im Durchschnitt rund 91.000 Euro im Jahr für seine Tätigkeit; es finden sich allerdings auch Unternehmen, bei denen die Vergütung deutlich geringer ausfällt. Weniger als 40.000 Euro jährlich, wie etwa bei Adidas, sind zu wenig für die Anforderungen, die sich durch die regulativen Veränderungen der letzten Jahre ergeben haben.

Einige erhalten aber doch Beträge um eine Million Euro.

Aber nur, weil sie Mandate bei mehreren Dax-Unternehmen ausüben. Problematisch ist eher die Frage nach der zur Verfügung stehenden Zeit, die die Aufsichtsräte aufwenden müssen, um ihre Überwachungsaufgabe erfolgreich erfüllen zu können.

Wie viel Zeit frisst ein Mandat?

Ein Aufsichtsratsvorsitzender eines großen Dax-30-Unternehmens sollte schon 80 bis 100 Arbeitstage einplanen.

Demnach dürfte niemand in mehr als zwei Aufsichtsräten und Ausschüssen sitzen.

Das ist zu stark vereinfacht. Ein Aufsichtsratsvorsitz oder die Tätigkeit als Vorsitzender eines Ausschusses ist zeitintensiver als eine einfache Mitgliedschaft – das sollte eine natürliche Hürde für die mögliche Anzahl an Aufsichtsratsposten darstellen. Wie viele Posten eine einzelne Person übernehmen kann, hängt auch von der Unternehmensgröße ab. Bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bei Übernahmen oder anstehenden Personalwechseln im Vorstand kann die Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender sehr viel Zeit kosten.

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