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Deutsche Börse-Nyse Euronext Die Sieger und Verlierer der neuen Megabörse

Die Börsen in Frankfurt und New York wollen zusammengehen. Warum beide die Fusion brauchen, welche Hürden noch zu meistern sind, wer bei der Fusion gewinnt und wer verliert.

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Der Vorstandsvorsitzende der Quelle: dpa

Frankfurts Börsenchef Reto Francioni hatte sich auf einen beschaulichen Mittwoch eingestellt. Auf dem Terminkalender stand unter anderem ein Fototermin – für ein neues Porträt, das den Geschäftsbericht der Deutschen Börse schmücken soll. Doch am Nachmittag sickerten auf den Aktienmärkten erste Gerüchte über „Projekt Gamma“ durch, die geplante Fusion zwischen Deutscher Börse und der transatlantischen Nyse Euronext. Bei der Börse liefen die Telefone heiß, der Handel in beiden Aktien musste unterbrochen werden, Francionis Fototermin wurde abgesagt. Frankfurt und New York veröffentlichten hastig eine Erklärung: „Deutsche Börse und Nyse Euronext bestätigen fortgeschrittene Gespräche über Zusammenschluss.“

Gamma ist der dritte Buchstabe des griechischen Alphabets, und es ist der dritte Versuch der Deutschen Börse, eine Fusion mit Nyse Euronext hinzubekommen. 2008 und 2009 war Francioni abgeblitzt. Diesmal muss es klappen.

Aktionäre der Deutschen Börse sehen den jovialen Schweizer gleich doppelt unter Druck: Zum einen musste die Börse insgesamt rund 870 Millionen Euro auf die von Francioni viel zu teuer in den USA eingekaufte Terminbörse ISE abschreiben, zum anderen wuchs die Börse zuletzt nur noch schwach. In den ersten neun Monaten 2010 fiel der Gewinn vor Steuern und Zinsen sogar, von 804 Millionen Euro im Vorjahr auf 747 Millionen Euro. „Früher oder später wäre die Börse zum Übernahmeziel geworden, das könnte Francioni nun abwenden“, sagt ein Londoner Hedge-fonds-Manager. Auch persönlich wäre der Deal für ihn wichtig. Er, der in Frankfurt den Ruf eines beschaulichen Verwalters hat, wäre plötzlich der große Deal-maker und Visionär.

Vermögensbildung in Asien

Francioni hatte schon im vergangenen Sommer persönlich seinem New Yorker Gegenüber Duncan Niederauer, Chef der Nyse Euronext, eine Fusion schmackhaft gemacht. Mit einem Marktwert von 19 Milliarden Euro entstünde die wertvollste Börse der Welt. „Zusammen verstärkt sich ihre Schlagkraft enorm. Alles geht in ein Handelssystem, das hat Vorteile für beide Seiten“, sagt Michael Vinciquerra, Analyst bei BMO Capital Markets in Atlanta. Chris Turner, Analyst von Goldman Sachs in London, schätzt, dass der neue Börsenriese 10,8 Prozent weniger an IT-, Verwaltungs- und Technologie-Aufwendungen für seine Geschäfte haben wird. Das kombinierte Unternehmen würde inklusive dieser Synergien 2012 geschätzte 2,4 Milliarden Dollar Nettogewinn erzielen.

Gemessen am aktuellen gemeinsamen Börsenwert, läge das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2012 bei moderaten 10,7. „Neben der günstigeren Kostenbasis dürften Nyse und Deutsche Börse gemeinsam auch höhere Umsätze erzielen, insbesondere im globalen Clearing“, sagt Roland Pfänder, Analyst bei der Commerzbank. Clearingstellen wie die Luxemburger Deutsche-Börse-Tochter Clearstream verrechnen Wertpapiertransaktionen und sichern Ausfallrisiken aus Börsengeschäften ab.

Vor allem in China will das vorerst noch New Co. genannte Gebilde – auf einen Namen muss man sich noch einigen – punkten. Die großen chinesischen Börsen dürften bei ihrer Suche nach Partnern wohl kaum an der dann größten Börse der Welt vorbeikommen. „Asien ist der Platz, an dem derzeit Vermögen gebildet wird“, sagt Klaus Kaldemorgen, Chef des Aktienfondsmanagements bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS. „Eine größere Einheit ist in der Lage, dort einfacher Fuß zu fassen. Die Börsenbetreiber finden dort ein Wachstum, das es in ihren Heimatmärkten nicht mehr in dem Maße gibt.“

Deutsche Börse in Eschborn Quelle: dpa

Das ist noch sehr diplomatisch ausgedrückt. Die Fusion ist vor allem der Versuch eines Befreiungsschlags: In ihrem klassischen Geschäft, dem Aktienhandel, stehen alle etablierten westlichen Börsen massiv unter Druck. Weil alternative -Handelsplattformen zunehmend Marktanteile gewinnen, sei der Zusammenschluss „eine Fusion aus der Defensive heraus“, sagt Analyst Pfänder. Seit der Deregulierung der europäischen Finanzmärkte und der Umsetzung der EU-Richtlinie Mifid Ende 2007 verschärfen Handelsplattformen wie Chi-X und Bats massiv den Wettbewerb. Im Handel mit deutschen Aktien verliert die Deutsche Börse deshalb Marktanteile.

Nyse Euronext und die Londoner Börse LSE kämpfen mit ähnlichen Problemen. Kritiker monieren, die New Yorker Börse habe kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr, weil sie permanent Marktanteile an neue Plattformen verliert. 2005 hatte sie – erster Befreiungsschlag – für 2,26 Milliarden Dollar die Plattform Archipelago übernommen, 2006 dann – zweiter Schlag – für 10,2 Milliarden Dollar die Euronext. Auf Dauer kann Wachstum nur über Akquisitionen aber kaum die Lösung sein. Ähnlich das Bild bei der LSE, die sich vor rund einem Jahr bereits die Plattform Turquoise einverleibte. Zudem will sie die kanadische TMX übernehmen, was sie zur wichtigsten Börse im Geschäft mit Rohstoffaktien machen würde.

Die jungen Angreifer jedenfalls bleiben selbstbewusst: „Wir sind, was die Anzahl der Aktientransaktionen angeht, schon jetzt die Nummer eins in Europa und im Hinblick auf den Wert der gehandelten Aktien die Nummer zwei“, sagt Chi-X-Europe-Chef Alasdair Haynes. Die Entstehung der geplanten Megabörsen erschüttere ihn nicht: „Für uns ändert sich die Landschaft dadurch nicht“, sagt er, „die nationalen Börsen werden eine ganze Reihe von Zusammenschlüssen tätigen müssen, weil wir neuen Spieler ihnen so viele Marktanteile weggenommen haben.“

Unterschriften bis MIttwoch

Francioni will seinen Deal am kommenden Dienstag vom Aufsichtsrat genehmigen lassen, danach sollen die Verträge unterschrieben werden. Wichtige Elemente der Fusion sind ausverhandelt: 

Über einen Aktientausch sollen beide Gesellschaften auf eine niederländische Firma verschmolzen werden. Am Ende hielten Aktionäre der Deutschen Börse rund 60 und die von Euronext Nyse 40 Prozent der Aktien. Den Aktionären schmeckte das kaum: Während der Nyse-Kurs binnen zwei Tagen um gut 13 Prozent zulegte, gewannen Deutsche-Börse-Aktionäre nur knapp sieben Prozent. Der Grund: Vor der Bekanntgabe der Fusion lag der rechnerische Anteil der Deutsche Börse am neuen Gesamtunternehmen bei 63 Prozent, der der Nyse bei nur 37 Prozent.

Im Verhältnis 60 zu 40 sollen auch die Sitze im Aufsichtsrat verteilt werden, den Francioni als Chairman mit Sitz in Eschborn bei Frankfurt führen wird. Vorstandschef wird aber Nyse-Boss Niederauer, der Vorstand wird zu gleichen Teilen mit Deutsche-Börse- und Nyse-Managern besetzt. „Die Amerikaner werden die Hosen anhaben“, sagt deshalb ein Londoner Hedgefonds-Manager. DWS-Mann Kaldemorgen will genau beobachten, ob die Fusion „zu einem Einfallstor für die Regulierungsbehörde der USA in Deutschland oder Europa werden könnte“.

In Frankfurt wird der These, dass jetzt die Amerikaner die Macht übernehmen, heftig widersprochen. Francioni sei als Aufsichtsratschef nach angelsächsischem Modell keineswegs nur Frühstücksdirektor, sondern für Strategie verantwortlich, damit für globale Expansion, neue Geschäfte und Besetzung des Top-Managements.

Fest steht bereits: New York soll Aktienhandel und Listings von neuen Unternehmen steuern. Die Börsenplätze, einschließlich des Frankfurter Parketts, sollen aber erhalten bleiben.

Auch das Computer-Handelssystem Xetra soll weiter laufen, „bis es nicht mehr leistungsfähig ist“, heißt es in Börsenkreisen. Für Privatanleger, schätzt Christoph Lammersdorf, Geschäftsführer der Börse Stuttgart, dürfte die Fusion „keine nennenswerten Auswirkungen haben, da die Deutsche Börse damit vor allem auf den Wettbewerb um das institutionelle und internationale Geschäft sowie Neuemissionen reagiert“.

Von Frankfurt soll das wohl zukunftsträchtigste Geschäftsfeld der neuen Börse geführt werden: die Terminbörsen Eurex und ISE und die von der Nyse Euronext in die Ehe eingebrachte Londoner Liffe. Die drei zusammen wären die dann größte Terminbörse der Welt. „Hier entstünde ein paneuropäisches Monopol im Derivategeschäft, undenkbar, dass dem die EU-Kartellaufseher zustimmen werden“, unkt der Londoner Börsenberater Brian Taylor. Auch hier hält Frankfurt dagegen: An Eurex und Liffe würden völlig unterschiedliche Produkte gehandelt.

Folgen für die USA

Für US-Beobachter ist die Dominanz der Amerikaner in der neuen Börse noch längst nicht ausgemachte Sache. Viele übersehen offenbar, dass schon heute gut 40 Prozent der Deutschen Börse in der Hand von US-Institutionen sind. „Die New York Stock Exchange ist die amerikanische Institution! Und die soll jetzt von den Deutschen kontrolliert werden?“, meint etwa Analyst Joe Saluzzi von der Broker-Firma Themis Trading in New Jersey. Die Übernahme habe eine größere Bedeutung für Amerika als irgendeine andere Fusion eines US-Konzerns mit einem ausländischen Unternehmen. Selbst Sicherheitsbedenken führt Saluzzi an. Die Server für den Nyse-Handel stünden auf Privatgelände in New Jersey, unter Aufsicht des Heimatschutz-Ministeriums. „Wer soll da demnächst für die Sicherheit sorgen, die Deutschen etwa?“

In Paris, dem alten Sitz der Euronext, regiert vor allem die Angst, nach der Fusion noch weiter an Bedeutung zu verlieren. „Es ist zu spät, um zu weinen“, sagte ein anonym bleibender Akteur der Zeitung „Le Figaro“: „Alles ist 2006 entschieden worden, als Euronext lieber mit der Nyse als mit Frankfurt zusammenging.“ Vor allem der damalige Euronext-Chef Jean-François Théodore verhinderte mit Macht ein Bündnis mit Frankfurt – er ließ sich lieber von New York übernehmen. Paris’ letzte Hoffnung: „Der europäische Aktien-Kassamarkt und die IT werden in Paris bleiben“, heißt es im Euronext-Umfeld.

Ausgemacht ist das offensichtlich noch nicht. Aus der Deutschen Börse nämlich ist zu hören, dass eine Entscheidung über den Sitz der IT-Sparte – anders als über die Verteilung des Aktien- und Derivatehandels – noch nicht gefallen sei. Mit Paris hat Francioni wohl noch eine Rechnung offen.  

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