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Engelmanns Eigenhandel Bundesbank-Spitze: Weidmannsheil!

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Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi

Merkwürdig schroff, ja fast schon beleidigend, kommentierte der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Roland Vaubel die Ernennung Jens Weidmanns an die Spitze der Deutschen Bundesbank. Weidmann sei ein "farbloser Technokrat", so ließ der Mannheimer wissen, bei dem der künftige Zentralbank-Chef dereinst promovieren wollte, sich dann allerdings einem anderen Doktorvater zuwandte. Ein Schelm, wer zwischen diesem Umstand und der heutigen Kritik einen Zusammenhang zu erkennen meint. Außerdem: Wäre es Professor Vaubel lieber, hätte Herr Dr. Weidmann bereits in der ZDF Unterhaltungsshow "Wetten dass???" auf dem Schoß der Michelle Huntziker Platz genommen und sich mit Thomas Gottschalk bei einer gemeinsamen Schleichwerbung für Gummibärchen geduzt? Für ein so wichtiges Amt wie das des Bundesbank-Präsidenten hat Seriosität sicherlich ein höheres Gewicht als Medienwirksamkeit. Insofern ist es zu begrüßen, dass Weidmann kein medialer Schaumschläger ist, sondern ein Mann, der bislang hauptsächlich hinter den Kulissen gearbeitet hat.     

Besonders überraschte in punkto Kritik an Angela Merkels Personalentscheidung allerdings die Co-Vorsitzende der Partei "Die Linke", Gesine Lötzsch. Der ARD erklärte sie: "Ein direkter Wechsel aus dem Dunstkreis der Bundeskanzlerin an die Spitze der Bundesbank widerspricht der Unabhängigkeit der Bundesbank. Ich habe den Eindruck, dass Herr Weidmann als der verlängerte Arm dort wirken soll, und das ist nicht hinnehmbar." Angesichts dieser Meinungsäußerung der linken Frontfrau bleibt man sprachlos zurück. Dass ausgerechnet Gesine Lötzsch, die noch im Januar die "Wege zum Kommunismus" in Regierung und Opposition beschreiten wollte, Kritik an einem möglichen Einfluss der Politik auf die Notenbank übt, muss man als Zeichen einer beachtlichen programmatischen Wende betrachten. Denn der Kommunismus und auch seine abgeschwächtere Variante, der Sozialismus, vertragen sich mit einer unabhängigen Notenbank normalerweise ungefähr so gut wie Hund und Katze.

Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass am 19. Dezember 1974 in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ein Gesetz erlassen wurde, in dem die politische Abhängigkeit der "Staatsbank der DDR" festgeschrieben wurde. Der Präsident jener "Zentralbank" war danach zugleich auch stets Mitglied des Ministerrats, war somit also automatisch Teil der Regierung. Unabhängigkeit sieht anders aus. Dass sich Frau Lötzsch nun zur Verteidigerin einer politisch unabhängigen Bundesbank aufschwingt, kann man vor diesem Hintergrund nur noch als einen "gespielten Witz" Hallervorden'scher Dimension auffassen.   

Doch nicht nur aus diesem Grund hat sich Frau Lötzsch mit ihrer vorschnellen Verurteilung Jens Weidmanns selbst ein Bein gestellt. Denn wenn der sich angesichts drohender Inflationsgefahren schon bald als geldpolitischer Falke erweist und für deutliche Zinserhöhungen im Euro-Raum plädiert, wird man ihm von Seiten der Linken wohl kaum mehr vorwerfen können, der "verlängerte Arm" der Regierung zu sein. Politiker singen zwar in Sonntagsreden oft das hohe Lied der Verteidigung des Geldwertes. Kommt es dann aber zum Schwur in Form von Leitzinserhöhungen, wird die Notenbank oft Zielscheibe heftiger Kritik. Denn steigende Zinsen bremsen die wirtschaftliche Entwicklung ab, es besteht sogar die Gefahr, dass das zarte Pflänzchen eines konjunkturellen Aufschwungs durch solche Maßnahmen zertrampelt wird. Und das kostet aus Sicht der Politiker vor allem eines: Wählerstimmen. Wird Frau Lötzsch wohl schweigen oder gar die unabhängige Haltung des Bundesbank-Präsidenten und seiner Kollegen in der Europäischen Zentralbank loben, wenn diese gemeinsam an der Zinsschraube zu drehen beginnen? Man kann es sich kaum vorstellen.   

Er wird seinen Job gut machen

Ginge es nach all den Kritikern der Bundeskanzlerin, so hätte die am Ende wohl nur Vadder Abraham, einen seiner Schlümpfe oder Kermit den Frosch als politisch garantiert unabhängige Nachfolger des scheidenden Bundesbank-Präsidenten benennen dürfen. Ich jedenfalls bin froh, dass sich Angela Merkel mit Jens Weidmann für einen ausgewiesen Fachmann entschieden hat, der schon in jungen Jahren viele interessante und verantwortungsvolle Posten bekleidet hat und von dem noch viel Gutes zu hören sein wird. Herrn Weidmann wünsche ich für die vor ihm stehenden Herausforderungen an der Spitze der Deutschen Bundesbank und im Rat der EZB alles erdenklich Gute.  

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.    

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