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Engelmanns Eigenhandel Goldener Herbst bleibt aus

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Dramatischer Ausverkauf

Diesmal ist es nicht das Quelle: dpa

Im Sommer des Jahres 2008 verstärkte sich die Krise am Rentenmarkt, die am Ende zum Bankrott der Gebrüder Lehman und zur Existenz bedrohenden Schieflage des Versicherers AIG führen sollte. Vom Rentenmarkt griff sie auch auf den Aktienmarkt über, der in der Folge massive Verluste verbuchen musste. Bis zu seinem Tiefpunkt im Frühjahr des Jahres 2009 verlor der DAX mehr als die Hälfte seines Wertes. Mit den sich verstärkendenSorgen um die finanzielle Zukunft Griechenlands, den plötzlich geäußerten Zweifeln an der Bonität Italiens und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten erreichte die derzeitige Krise im Sommer dieses Jahres eine neue Dimension. Die EZB stufte die Lage augenscheinlich als so kritisch ein, dass sie sich genötigt sah, neben Staatsanleihen der kleineren Peripherieländer auch solche Italiens zu kaufen. Hatte sich der DAX noch bis Ende Juli in vergleichsweise luftiger Höhe oberhalb der 7.000 Punkte gehalten, kam es Anfang August zu einem dramatischen Ausverkauf der Dividendentitel. Zwar scheint sich der Index momentan zwischen 5.000 und 5.600 Zählern zu stabilisieren, aber ich überlasse es Ihrer Phantasie sich auszumalen, wohin die Reise noch gehen könnte, wenn die Entwicklung an den Finanzmärkten weiter in der beschriebenen Parallelität verläuft. Randnotiz: In beiden Jahren kam es in Folge der Fluchtbewegung sicherheitsorientierter Anleger aus risikobehafteten Anlagen in den ruhigen Hafen der Bundesanleihen zu einem deutlichen Rückgang der Renditen deutscher Staatstitel.

Dollar wieder erstarkt

Doch damit nicht genug der Parallelen zwischen der Entwicklung der Finanzmärkte im Jahre 2008 und heute. Sowohl im Jahre 2008 als auch in diesem Jahr erstarkte der US.-Dollar gegenüber dem Euro. Mögen dafür auch unterschiedliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein - in 2008 die Flucht vieler Anleger in die Sicherheit von US.-Staatsanleihen, in 2011 ein Auflösen sogenannter "Carry Positionen" nach dem (vorläufigen) Ende des "quantative easing" -, so verläuft die Entwicklung doch parallel und passt damit in das Muster der Beobachtungen. Ein Grund für die Schwäche des Euro könnte auch in der Einschätzung vieler Marktteilnehmer begründet liegen, dass die EZB ihren derzeitigen geldpolitischen Kurs angesichts der sich augenscheinlich zuspitzenden Lage schon bald ins Gegenteil verkehren dürfte. Selten kochte die Gerüchteküche um den künftigen Kurs der Notenbankpolitik so wie zum Beginn dieser Handelswoche. Das wohl wichtigste, alljährliche Treffen der Finanzszene - organisiert von Weltbank und Internationalem Währungsfonds -, das am vergangenen Wochenende in Washington stattfand, scheint mächtig Stoff für Gedankenspiele geliefert zu haben. Eine Leitzinssenkung, die Bereitstellung von Liquidität für europäische Banken durch die EZB für ein Jahr (!) und die Wiederaufnahme des Mitte 2010 abgeschlossenen geglaubten Kaufprogramms für europäische Pfandbriefe (Covered Bonds) - all das scheint, schenkt man Gerüchten und den sich teilweise widersprechenden Äußerungen verschiedener EZB-Offizieller Glauben, auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Zentralbankrats Anfang Oktober zu stehen. Ach, fast hätte ich vergessen es zu erwähnen: Im Oktober 2008 vollzog die EZB eine geldpolitische 180-Grad Wende und senkte den Leitzins. Hören Sie auch die Nachtigall trapsen?    

Leitzinssenkung möglich

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wir alle hoffen wohl, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Leider sieht es momentan allerdings so aus, als stünde uns massives Ungemach bevor - ganz wie im Herbst 2008. Nachdem ich am 31. Mai 2011 in meiner Kolumne "Wiederholt sich die Geschichte?" an dieser Stelle schon einmal auf die Parallelität der Zinserhöhungen 2008 und 2011 hingewiesen und die Vermutung geäußert hatte, es könne sich bei dem Schritt der EZB um ein einmaliges Ereignis gehandelt haben, wurde ich wenige Wochen später von der zweiten Zinserhöhung der Notenbank kalt erwischt. Doch erscheint es mir heute wahrscheinlicher denn je, dass die EZB den Leitzins für längere Zeit unverändert belassen, vielleicht am Ende sogar senken wird. Ob man sich das allerdings wünschen sollte, wenn man an die Parallelität der Entwicklungen an den Börsen und in der Realwirtschaft in den Jahren 2008 und 2011 glaubt? Wohl kaum. Ich jedenfalls würde mit meiner Meinung in diesem Fall gerne falsch liegen.  

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

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