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Engelmanns Eigenhandel Goldener Herbst bleibt aus

Ein wieder erstarkender Dollar, massive Aktienverluste, Flucht in sichere Häfen, Renditen von Bundesanleihen trotz Zinserhöhung weit unten - unser Kolumnist entdeckt Parallelen zum Herbst 2008, die nichts Gutes ahnen lassen.

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Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte

Das im Schatten der Frankfurter Bankentürme gelegene Westend präsentiert sich an den Wochenenden für gewöhnlich als ländliches Idyll. Außer den hoch in den Himmel aufragenden, gläsernen Tempeln der Kreditwirtschaft erinnert dort samstags und sonntags für gewöhnlich nichts an die hektische Betriebsamkeit, die unter der Woche in der "Metropole" am Main herrscht. Wenn der Handel in Bund- und Dax-Futures ruht, schlägt auch das Herz Frankfurts in einem anderen Takt und die Stadt mutiert von Deutschlands führendem Finanzplatz zu einem von unzähligen hessischen Dörfern, in denen die Einheimischen ihren Handkäs mit Ebbelwoi herunterspülen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Eine Messe stört die Ruhe

Nur alle zwei Jahre fühlt man sich in Frankfurt auch an den Wochenenden wie in einer richtigen Großstadt. Wenn sich der Verkehr auf der A5 schon Samstagmorgens Kilometer vor der Ausfahrt "Messe" staut und genervte Automobilisten am liebsten Amok laufen würden wie Michael Douglas in "Falling down", wenn die örtliche Polizei zur Begrüßung auswärtiger Gäste ihre Radaranlage auf dem Zubringer zur Festhalle in Stellung bringt und gebührenpflichtige Farbfotos heranbrausender PS-Freunde schießt, wenn die Anwohner des Westends vor ihrer eigenen Haustüre keine Parkplätze mehr finden und nachts grölende Besoffene in der ansonsten ruhigen Wohnlage für "Stimmung" sorgen, dann weiß auch der letzte, schon seit über 40 Jahren im Westend abhängende Alt-Achtundsechziger und Autoverweigerer, was die Stunde geschlagen hat: Die Internationale Automobilausstellung (IAA) hat ihre Pforten geöffnet.   

Wolken am Horizont

Die Leistungsshow der Automobilindustrie erfreute sich auch in diesem Jahr wieder regen Zuspruchs. Hunderttausende Besucher waren gekommen, um sich über die neuesten Entwicklungen der Fahrzeugtechnik zu informieren. Vor allem natürlich über Elektromobile - jene schnuckeligen, an die Fortbewegungsmittel Außerirdischer erinnernden Wägelchen, die schon bald eine neue Ära der Mobilität einleiten sollen. So zumindest hätten es die Umweltschützer der Republik gern. Doch die Faszination, die das Auto noch immer auf viele Deutsche ausübt und es zu ihrem liebsten Kind macht, wird nach wie vor eher durch Pferdestärken und Drehmoment denn durch Umweltverträglichkeit und Vernunfterwägungen hervorgerufen. Ob die Neuauflage des Klassikers "911" aus dem Hause Porsche oder die Roadster Version des SLS-Flügeltürers von AMG, ob Alpina 6er Cabriolet oder Jaguar XK: Stets sind es die PS-starken Boliden, die die Phantasie der Menschen beflügeln - selbst dann, wenn sie für die meisten der Messebesucher mangels finanzieller Mittel stets nur ein Traum bleiben werden. Der Autofreund besucht die IAA zumeist nicht, weil er unter rationalen Gesichtspunkten eine Kaufentscheidung treffen möchte, sondern weil er sich für die Ästhetik und Kraft vieler Modelle begeistert und ihr Anblick allein ihm schon unbändige Freude bereitet. Und wieder daheim lässt sich beim Blättern in den zahllosen Prospekten, die man - Trophäen gleich - in Plastiktüten vom Messegelände geschleppt hat, herrlich weiter träumen. Dass nicht jeder Besucher der IAA zugleich auch ein künftiger Kunde ist, dürfte auch die Automobilindustrie ahnen. Zwar befindet die sich zurzeit noch auf der konjunkturellen Sonnenseite, doch ziehen bereits Wolken am Horizont auf, die für die Zukunft nichts Gutes verheißen.

Parallelen zu 2008

Besucher umlagern auf der Quelle: dpa

Während man in der "Realwirtschaft" noch die vollen Auftragsbücher von heute bejubelt, hat ein trübseliger Pessimismus in Bezug auf die künftige wirtschaftliche Entwicklung längst von den Börsen Besitz ergriffen. Zahlreiche Wirtschaftsindikatoren deuten darauf hin, dass wir schon bald mit einer deutlichen Abkühlung der Konjunktur zu rechnen haben - vielleicht sogar mit einer handfesten Rezession. Der Deutsche Aktienindex (DAX), der seit August schon kräftig Federn hat lassen müssen, spiegelt diese Befürchtungen wider. Schon vergleicht so mancher in der Kulisse die derzeitige Entwicklung mit der im Herbst des Jahres 2008. Und in der Tat: Es gibt Parallelen, die darauf hindeuten, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht. Gewiss: Die Ursache der Krise vor nunmehr drei Jahren war eine andere als heute. Damals hatte der Zusammenbruch des U.S.-amerikanischen Immobilienmarktes eine zerstörerische Kettenreaktion ausgelöst, auf deren Höhepunkt die Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging und viele andere in- und ausländische Banken durch staatliche Rettungsmaßnahmen gestützt werden mussten, um einen Zusammenbruch des weltweiten Finanzsystems zu verhindern. Heute sind es die Staaten selbst - und hier vor allem die europäischen - die durch die Schieflage ihrer Haushalte zum Auslöser schwerwiegender Probleme werden könnten. Doch egal, was im Einzelnen die Krise im Jahre 2008 und die in diesem Jahr ausgelöst hat, in ihrem Verlauf scheinen sie sich zu ähneln.

Bund-Rendite unter dem Leitzins

Erinnern Sie sich noch an den Sommer des Jahres 2008? Im Juli erhöhte die Europäische Zentralbank damals den Leitzins. Ein kräftiger Anstieg der Rohstoffpreise hatte den Zentralbankrat zu diesem Schritt bewogen. Auch in diesem Jahr erhöhte die EZB den Leitzins: im April und im Juli. Ein Anstieg der Inflation in der Euro-Zone hatte die Notenbanker zum Handeln bewogen. Wichtiger noch aber als die Parallelität der Zinserhöhungen ist, was danach geschah. Einen Monat, nachdem die EZB den Leitzins im Jahre 2008 erhöht hatte, sank die Rendite von Bundesanleihen mit zweijähriger Restlaufzeit unter den Leitzins, die Differenz der beiden Zinssätze wurde negativ. Gemeinhin reagieren die Renditen zweijähriger Bundesanleihen deutlich auf Veränderungen der Notenbankpolitik. Allerdings nicht in entgegen gesetzter Richtung! Dass die Renditen der Bundesanleihen damals sanken, obwohl die EZB den Leitzins kurz zuvor erhöht hatte, spiegelte den schlagartig eingetrübten wirtschaftlichen Ausblick und die Turbulenzen an den Kapitalmärkten wider. Nach dem genau gleichen Muster verlief die Entwicklung in diesem Jahr. Nach der zweiten Leitzinserhöhung durch die EZB im Juli sank die Rendite zweijähriger Bundesanleihen binnen 24 Stunden unter den Leitzins. Und dort ist sie noch heute!

Dramatischer Ausverkauf

Diesmal ist es nicht das Quelle: dpa

Im Sommer des Jahres 2008 verstärkte sich die Krise am Rentenmarkt, die am Ende zum Bankrott der Gebrüder Lehman und zur Existenz bedrohenden Schieflage des Versicherers AIG führen sollte. Vom Rentenmarkt griff sie auch auf den Aktienmarkt über, der in der Folge massive Verluste verbuchen musste. Bis zu seinem Tiefpunkt im Frühjahr des Jahres 2009 verlor der DAX mehr als die Hälfte seines Wertes. Mit den sich verstärkendenSorgen um die finanzielle Zukunft Griechenlands, den plötzlich geäußerten Zweifeln an der Bonität Italiens und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten erreichte die derzeitige Krise im Sommer dieses Jahres eine neue Dimension. Die EZB stufte die Lage augenscheinlich als so kritisch ein, dass sie sich genötigt sah, neben Staatsanleihen der kleineren Peripherieländer auch solche Italiens zu kaufen. Hatte sich der DAX noch bis Ende Juli in vergleichsweise luftiger Höhe oberhalb der 7.000 Punkte gehalten, kam es Anfang August zu einem dramatischen Ausverkauf der Dividendentitel. Zwar scheint sich der Index momentan zwischen 5.000 und 5.600 Zählern zu stabilisieren, aber ich überlasse es Ihrer Phantasie sich auszumalen, wohin die Reise noch gehen könnte, wenn die Entwicklung an den Finanzmärkten weiter in der beschriebenen Parallelität verläuft. Randnotiz: In beiden Jahren kam es in Folge der Fluchtbewegung sicherheitsorientierter Anleger aus risikobehafteten Anlagen in den ruhigen Hafen der Bundesanleihen zu einem deutlichen Rückgang der Renditen deutscher Staatstitel.

Dollar wieder erstarkt

Doch damit nicht genug der Parallelen zwischen der Entwicklung der Finanzmärkte im Jahre 2008 und heute. Sowohl im Jahre 2008 als auch in diesem Jahr erstarkte der US.-Dollar gegenüber dem Euro. Mögen dafür auch unterschiedliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein - in 2008 die Flucht vieler Anleger in die Sicherheit von US.-Staatsanleihen, in 2011 ein Auflösen sogenannter "Carry Positionen" nach dem (vorläufigen) Ende des "quantative easing" -, so verläuft die Entwicklung doch parallel und passt damit in das Muster der Beobachtungen. Ein Grund für die Schwäche des Euro könnte auch in der Einschätzung vieler Marktteilnehmer begründet liegen, dass die EZB ihren derzeitigen geldpolitischen Kurs angesichts der sich augenscheinlich zuspitzenden Lage schon bald ins Gegenteil verkehren dürfte. Selten kochte die Gerüchteküche um den künftigen Kurs der Notenbankpolitik so wie zum Beginn dieser Handelswoche. Das wohl wichtigste, alljährliche Treffen der Finanzszene - organisiert von Weltbank und Internationalem Währungsfonds -, das am vergangenen Wochenende in Washington stattfand, scheint mächtig Stoff für Gedankenspiele geliefert zu haben. Eine Leitzinssenkung, die Bereitstellung von Liquidität für europäische Banken durch die EZB für ein Jahr (!) und die Wiederaufnahme des Mitte 2010 abgeschlossenen geglaubten Kaufprogramms für europäische Pfandbriefe (Covered Bonds) - all das scheint, schenkt man Gerüchten und den sich teilweise widersprechenden Äußerungen verschiedener EZB-Offizieller Glauben, auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Zentralbankrats Anfang Oktober zu stehen. Ach, fast hätte ich vergessen es zu erwähnen: Im Oktober 2008 vollzog die EZB eine geldpolitische 180-Grad Wende und senkte den Leitzins. Hören Sie auch die Nachtigall trapsen?    

Leitzinssenkung möglich

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wir alle hoffen wohl, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Leider sieht es momentan allerdings so aus, als stünde uns massives Ungemach bevor - ganz wie im Herbst 2008. Nachdem ich am 31. Mai 2011 in meiner Kolumne "Wiederholt sich die Geschichte?" an dieser Stelle schon einmal auf die Parallelität der Zinserhöhungen 2008 und 2011 hingewiesen und die Vermutung geäußert hatte, es könne sich bei dem Schritt der EZB um ein einmaliges Ereignis gehandelt haben, wurde ich wenige Wochen später von der zweiten Zinserhöhung der Notenbank kalt erwischt. Doch erscheint es mir heute wahrscheinlicher denn je, dass die EZB den Leitzins für längere Zeit unverändert belassen, vielleicht am Ende sogar senken wird. Ob man sich das allerdings wünschen sollte, wenn man an die Parallelität der Entwicklungen an den Börsen und in der Realwirtschaft in den Jahren 2008 und 2011 glaubt? Wohl kaum. Ich jedenfalls würde mit meiner Meinung in diesem Fall gerne falsch liegen.  

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

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