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Orakel von Oberhausen: Krake Paul und die ungewisse Zukunft

An der Börse haben alle Recht. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Welches Orakel jedoch die Zukunft richtig vorhersagt, dass zeigt erst – die Zukunft.

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Krake Paul, Fußball-Orakel Quelle: dpa

Kaum ist der frisch gebackene Bundespräsident im Amt, plant er auch schon, den ersten Orden zu verleihen: Joachim ("Jogi") Löw soll nach Willen von Christian Wulff das Bundesverdienstkreuz erhalten. Dabei ist Löw, der Trainer unserer allseits so hoch gelobten und sympathischen Nationalmannschaft, aus deutscher Sicht gar nicht der eigentliche Star der Weltmeisterschaft.

Auch der im hohen Alter immer noch langmähnig wie zu Jugendzeiten daher kommende Günter Netzer und sein sich ihm in dreizehn Jahren gemeinsamer Arbeit auch optisch immer stärker annähernder Sparringspartner Gerhard Delling - beide immerhin, Zitat Franz Beckenbauer, "Gebrüder Grimm"-Preisträger - liegen falsch, wenn sie Schweinsteiger, Özil oder Müller zu den herausragenden Gestalten des Turniers erklären. Der eigentliche Superstar der Fußball WM in Südafrika ist der Tintenfisch Paul aus dem Oberhausener Aquarium "Sealife".

Paul verfügt nicht nur über acht Arme, drei Herzen sowie neun Gehirne und damit über deutlich mehr als Spieler, Funktionäre oder Experten, sondern auch  - so könnte man zumindest meinen - über einen geballten fußballerischen Sachverstand, der ihn alle Ergebnisse der Spiele mit deutscher Beteiligung und das des Finales korrekt vorhersagen und Koryphäen vom Schlage eines Netzer alt aussehen ließ. Doch ist es tatsächlich fußballerischer Sachverstand, der das Kraken-Orakel dazu befähigte, solche, fast schon genial zu nennenden Prognosen abzugeben? Hat Paul per Video Analysen der an der WM beteiligten Mannschaften erstellt, ihre Stärken und Schwächen gewichtet und sich so ein Urteil gebildet?

Oder handelte er nicht im wahrsten Sinne des Wortes "aus dem Bauch" heraus? Und außerdem: Was fasziniert die Menschheit so an einem Tintenfisch, der - hätte ihn nicht eine glückliche Fügung des Schicksal ins Oberhausener Aquarium verschlagen - sicher schon längst als Teil einer Fischpfanne in Villariva oder Villabacho gelandet wäre?

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    Gefühl von Sicherheit

    Paul gibt uns ein Gefühl von Sicherheit; er lässt uns glauben, man könne die Zukunft vorhersagen - ein Geschäft, das seit Anbeginn der Menschheit blüht und gedeiht und das schon Millionen von Hand- und Kaffeesatzlesern ernährt hat. Nichts beschäftigt uns Menschen mehr als das, was morgen sein wird. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht gerne wüsste, was das Schicksal für ihn bereithält. So kamen das Orakel von Delphi, Nostradamus und nun auch die Krake Paul zu Weltruf. In kaum einem anderen Bereich ist die korrekte Vorhersage zukünftiger Entwicklungen von so entscheidender Bedeutung für Erfolg oder Misserfolg wie an der Börse.

    Dort manifestiert sich die ungewisse Zukunft, prallen Optimisten und Pessimisten, Bullen und Bären aufeinander - jeder mit seiner ganz eigenen Meinung zur zukünftigen Entwicklung von Aktien, Festverzinslichen, Währungen und Commodities. Tagtäglich beschäftigen sich in Banken und Fondsgesellschaften, in Versicherungen und Pensionskassen Heerscharen von Analysten mit der Vorhersage von Marktentwicklungen: Volkswirtschaftliche Daten werden interpretiert, Charts gemalt und gleitende Durchschnitte, Stochastik Indikatoren und Momentum Werte ermittelt.

    Aus dem Bauch

    Selbst die vom italienischen Mathematiker Leonardo da Pisa bereits im Mittelalter entdeckten Fibonacci-Zahlen müssen dafür herhalten, Unterstützungs- und Widerstandszonen von Dax, Bund-Future und Euro zu errechnen. Mancher kennt das Bruttosozialprodukt aller Staaten des Euro-Raumes und deren Verschuldung auswendig und leitet daraus Prognosen über die Zahlungsfähigkeit einzelner Länder ab; ein anderer überträgt die Spread Entwicklung von Anleihen in einen japanischen Kerzen Chart und liest daraus die Zukunft; wieder ein anderer - oftmals Händler vom alten Schlag - verbindet Informationen aus zahllosen Gesprächen mit anderen Börsenteilnehmern und aus der Bild-Zeitung und formt sich daraus seine Meinung zur künftigen Entwicklung des Kapitalmarktes - handelt also wie der Oberhausener Tintenfisch "aus dem Bauch".

    Doch egal wie sich jemand seine Meinung bildet, am Ende zählt nur eines: das Ergebnis. Keine Meinung über die künftige Kursentwicklung von Aktien, Renten oder Währungen ist aus heutiger Sicht per se richtig oder falsch. Um an der Börse erfolgreich zu sein, bedarf es keines abgeschlossenen Hochschulstudiums. Schon mancher, der meinte klüger zu sein als alle anderen, sah Nassim Nicholas Talebs schwarzen Schwan an sich vorbei segeln.

    Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi

    Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an Myron Scholes und Robert Merton, ihres Zeichens immerhin Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, die mit ihrem Hedge Fond "Long Term Capital Management" baden gingen, weil sie bei ihrer im Grundsatz sicherlich fundierten Analyse der Märkte die menschliche Komponente außer Acht gelassen hatten. An der Börse gilt immer noch, was Händler volkstümlich in dem Satz zusammenfassen, wonach die Ente am Ende…na, Sie wissen schon!

    In der vergangenen Woche beschäftigte ich mich an dieser Stelle mit der zukünftigen Entwicklung griechischer Staatsanleihen. Die Frage, ob diese Anleihen ganz, in Teilen oder überhaupt nicht zurückgezahlt werden, erhitzt seit Jahresbeginn die Gemüter und ist ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Menschen in die Zukunft schauen. Jeder hat da so seine eigene Meinung. Viele sind pessimistisch, glauben nicht daran, dass die griechische Regierung die beschlossenen Sparmassnahmen umsetzen wird, rechnen vor, dass die Krise in nichts anderem als einem Staatsbankrott münden kann - selbst wenn die drakonischen Einschnitte tatsächlich Realität werden.

    Ich respektiere diese Einschätzung, lasse sie selbstverständlich auch in meine Überlegungen mit einfließen. Trotzdem bin ich anderer Meinung, sehe optimistisch in die Zukunft, glaube an die Griechen und deren Kraft zur Erneuerung und auch an den europäischen Gedanken! Wer hat recht? Wer unrecht? Zum heutigen Zeitpunkt jeder und keiner!

    Waghalsige Prognosen

    Auch die Frage, ob die Renditen im Euro-Land weiter fallen oder endlich einmal ansteigen, ist eine, zu der man unterschiedlicher Meinung sein kann. Die einen sehen den Markt in einer neuen Ära, halten Renditen zehnjähriger Bundesanleihen von zwei Prozent und weniger für das wahrscheinlichste Szenario, verweisen auf die anhaltende Flucht in Sicherheit und darauf, dass von aufkeimender Inflation weit und breit nichts zu erkennen ist.

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      Die anderen halten die hohen Kurse erstklassiger Staatsanleihen für die nächste Jahrhundertblase, fürchten angesichts ausufernder Verschuldung und unkonventioneller Maßnahmen der Notenbank die Geldentwertung und erachten auch die Sorgen um einen möglichen Default in Ländern der Euro-Land Peripherie und somit auch den durch Fluchtbewegungen in Bunds ausgelösten Höhenflug deutscher Staatsanleihen für überzogen. Ich persönlich neige auch zu dieser Meinung. Wer hat recht? Wer unrecht? Zum heutigen Zeitpunkt jeder und keiner.

      Verdienter Blick in die Kristallkugel

      Auch zur Entwicklung des Dax, des Euro und vieler anderer Märkte sind die Meinungen vielfältig und zahlreich. Im ewigen Kampf der Bullen und Bären, im Kampf um Erfolg oder Misserfolg entscheidet am Ende der unbestechlichste und unparteiischste Schiedsrichter der Welt: der Markt! Und erst wenn er sein Urteil gefällt hat, wird man wissen, wer heute recht und wer unrecht hatte.

      Nur einer - so er sich denn mit Fragen des Finanzmarktes befassen würde - könnte wohl schon heute die Zukunft der Kurse treffsicher vorhersagen: der Tintenfisch Paul. Doch der wird nicht mehr lange genug leben, um noch von Sport- auf Börsenexperte umzuschulen, weshalb ich Christian Wulff auch raten würde, zunächst ihn und erst dann "Jogi" Löw mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Der Bundestrainer und seine Spieler haben uns zwar viel Freude gemacht, aber Paul hat die Menschen mit seinem Blick in die Kristallkugel fasziniert und wäre ein würdiger Träger jenes Ordens.

      Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Artikel gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

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