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Engelmanns Eigenhandel

Warum dicke Finger die Gemüter erregen

Wer die ungeschriebenen Gesetze der Börse nicht beachtet, fällt schnell auf die Nase. Das zeigt das Phänomen der "fat finger trades".

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Ein Händler sitzt in der Quelle: dpa

"Wo gehobelt wird, da fallen Späne!", das gilt nicht nur in Meister Eders Schreinerei, sondern auch im Bankgeschäft. Wobei die Späne hier bisweilen die Dimension von Balken annehmen. Insbesondere mangelhafte Kenntnisse der an der Börse geltenden Usancen, jener ungeschriebenen Gesetze, die für das Handeln der Akteure gelten, können bisweilen kostspielige Konsequenzen haben.

So erinnere ich mich noch heute lebhaft an einen frisch gebackenen Börsenhändler, dem die Unkenntnis eben jener Usancen vor vielen Jahren zum Verhängnis wurde. Täglich besuchte er als Vertreter seiner Bank das Parkett der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf und im Bewusstsein der ihm schon in so jungen Jahren übertragenen Verantwortung stolzierte er Stunde um Stunde vor der damals noch rege besetzten Maklerschranke auf und ab, als habe sich in ihm die Erfahrung Kostolanys mit der Aggressivität Gordon Gekkos gepaart, kurzum: als verkörpere er die personifizierte Börsenweisheit.

Großer Unterschied zwischen "Von Dir" oder "An dich"

Nun wurde jener junge, aufstrebende Neuling und zukünftige Star am Börsenhimmel eines schönen Tages damit beauftragt, für einen Kunden seiner Bank nominal D-Mark 100.000.-- einer bestimmten Anleihe zu kaufen. Mit Stolz geschwellter Brust schritt der Experte sofort zur Tat, kaum hatte ihn jener Auftrag aus der Zentrale erreicht. Auf die dem zuständigen Makler lässig hingeworfene Frage, wie denn jene Anleihe "Brief" sei - sprich zu welchem Kurs Verkaufsaufträge vorlägen - nannte der ihm einen Preis. "Von Dir", brüllte da der junge Börsenstar, woraufhin der Makler - klammheimliche Schadenfreude nur unter größten Mühen verhehlend - "15 Millionen an Dich" antwortete und dabei wohl nur bedauerte, jenem Schnösel nicht noch mehr schicken zu können.

"Aber ich wollte doch nur 100 Mille kaufen!", entgegnete der junge Börsenhändler, dem langsam dämmerte, dass er einen kleinen, aber entscheidenden Fehler gemacht hatte. Denn wer an der Börse "von Dir" oder "an Dich" schreit, ohne einen Betrag dazu zu nennen, der überlässt seinem Gegenüber die Entscheidung darüber, wie viele Stücke den Besitzer wechseln. Und so kam es, dass der Stern des Börsennovizen bereits wieder zu sinken drohte, bevor er überhaupt aufgegangen war. Einem Chef mit Sinn für Humor hatte er es schließlich zu verdanken, dass jene Episode unter dem Stichwort "Lehrgeld" abgehakt wurde.

Usancen zählen auch noch heute

Heute - im Zeitalter elektronischer Handelssysteme - kennen nur noch wenige Börsenhändler jenen "Usancen" genannten Kanon bindender Verhaltensregeln aus den frühen Tagen des Börsengeschäftes. Wer aber meint, die Einführung des elektronischen Handels habe dazu beigetragen, die vom "Faktor Mensch" verursachten Fehler zu einem Kapitel der Wirtschaftsgeschichte werden zu lassen, der irrt. Auch heute rieseln noch die Späne, poltern die Balken. Denn auch die Elektronik hat ihre Tücken und die Weisheit von IT-Experten, wonach aus dem Computer Müll herausbekommt, wer Müll eingibt, gilt im übertragenen Sinne auch für das moderne Börsengeschäft.

So mancher Händler, der zur Absicherung (hedging) einer Kasse-Position in Anleihen Futures-Kontrakte an der Eurex verkauft, wundert sich später, warum sein Handelsbuch eine offene Zinsposition ausweist. Die "sell-" mit der "buy-Taste" zu verwechseln, führt im Ergebnis halt zum "Texas Hedge", jener kernigen Variante der Absicherung, bei der man das Risiko - statt es zu eliminieren - kurzerhand verdoppelt. Als von noch viel größerer Bedeutung, da folgenschwerer, entpuppen sich von Zeit zu Zeit aber die Geschäftsabschlüsse all derjenigen mit "dicken Fingern". Denn tippt ein Marktteilnehmer aus Versehen ein paar Nullen zuviel ein, wenn er an der elektronischen Terminbörse Finanzderivate handelt, so sind in der Regel erratische Kursbewegungen die Folge.

Wer beispielsweise statt 100 Bund Futures Kontrakte 10.000 Stück "at market", das heißt im alten Sprachduktus "billigst", kauft, zündet einen Raketenbooster mit einer Schubkraft, die selbst das Space Shuttle ungebremst bis zum Mars katapultieren würde. Denn nicht nur werden durch einen solchen "fat finger trade" die meisten Verkaufslimite abgeräumt, nein, zusätzlich werden auch oft über dem aktuellen Marktlevel liegende Stopps getriggered, die die Entwicklung dann noch verstärken. Auch werden die Akteure in den Handelsabteilungen der Banken nervös, wenn sie eine starke Kursbewegung beobachten, die sie sich auf Grund der aktuellen Meldungslage nicht erklären können. "Da weiß doch einer was!", ruft so mancher beunruhigt aus und sucht auf Reuters, Bloomberg und anderen Informationsmedien verzweifelt nach der Meldung, die vermeintlich die aktuelle Kursbewegung ausgelöst hat. Und findet in der Regel: nichts.

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