Fair Value-Bilanzierung Bilanzen und Bilanzregeln: Vertrauen verspielt

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Grafik: Ansichtssache bei Eigenkapital und Bilanzsumme

Wobei sich bei der Deutschen Bank Investoren aussuchen können, wie hoch denn das Risiko ist: 2200 Milliarden Euro ist die Bilanz nach den in Europa gültigen Regeln IFRS (International Financial Reporting Standards) schwer, nach dem amerikanischen Standard GAAP (United States Generally Accepted Accounting Principles) dagegen schrumpft das Vermögen der Deutschen Bank gleich um mehr als die Hälfte. Das liegt in erster Linie an der unterschiedlichen Bilanzierung für derivative Wertpapiere. Sehr grob vereinfacht erklärt sich der enorme Unterschied aus einem Brutto-/Nettoprinzip. Nach GAAP dürfen, anders als bei den IFRS, Gegenpositionen aus Derivaten verrechnet werden.

Unabhängig vom Fair Value und der reinen Lehre geht es bei der Beurteilung von Bilanzen in erster Linie darum, die Annahmen der Manager kritisch zu überprüfen. Bei Industrieunternehmen ist dies weitaus leichter als bei Finanzdienstleistern. General Motors etwa hatten Ende 2006 rund 45 Milliarden Dollar an künftigen Steuererträgen (sogenannte aktive latente Steuern) aus Verlustvorträgen als Vermögen in der Bilanz. Die Lücken in den Altersvorsorge-Verpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern reichten in den vergangenen Jahren bis zur Summe von 25 Milliarden Dollar. Die Prognose, dass ein über Jahre Marktanteile verlierendes Unternehmen wie GM niemals wieder so hohe Gewinne einfahren dürfte, dass es sein „Vermögen“ Verlustvorträge mit Gewinnen verrechnen und somit ‧heben und auch noch die Pensionslücken füllen könnte, war somit keine Kunst. Die bilanzielle Pleite ist längst eingetreten, bevor der Insolvenzantrag eingereicht wird. So hielt sich das „Vermögen“ latente Steuern gerade mal ein Jahr in der Bilanz. Ende 2007 musste GM 38,3 Milliarden ausbuchen und schrieb einen Verlust in derselben Höhe.

Vermeintlich marktnahe Bewertung

„Solange die Musik spielt, muss man tanzen“, sagte der damalige Citigroup-Chef Chuck Prince im Juli 2007. Mehr musste der den Banken zugeneigte Investor kaum wissen, um spätestens 2007 aus Aktien der Finanzkonzerne auszusteigen, falls er überhaupt gewagt haben sollte, in Großbanken einzusteigen, deren Geschäftsmodell und Transparenz denen von unregistrierten Hedgefonds gleicht. Das Prinzip des Fair Value basiert in erster Linie darauf, künftige Mittelzuflüsse aus einer Anlage zu taxieren. Das gilt sowohl für Zuflüsse aus einer Immobilien-, Anleihe-, oder Schiffsfondsinvestition, als auch für die aus all den verquirlten Papieren aus US-Hypotheken, Leasingverträgen, Kreditkartenansprüchen und sogenannten Absicherungen, die unter den Kürzeln CDO, ABS, MBS, CLO, CDS in (und dummer- und erlaubterweise auch außerhalb) der Bilanz ihren Niederschlag finden.

Kartenhäuser gebaut

Um den Fair Value eines Papiers zu ermitteln, für das es keinen Markt gibt, nimmt das Management den aktuellen risikofreien Zins (etwa den von Staatsanleihen) und packt eine Risikoprämie obendrauf (etwa für die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Schuldners). Je niedriger die Zinsen und die Ausfallraten von Schuldnern, desto schöner sieht die Bilanz aus, desto größer die Bilanzsumme, desto höher sind die Gewinne (die zwar zu einem Gutteil tatsächlich noch nicht vereinnahmt sind, aber bereits bilanziert werden dürfen) – und desto höher ist die Eigenkapitalrendite, die Maßzahl, an der sich Bankchefs und Investoren so gerne hochziehen.

Zwischen 2003 und 2007 gingen die Zinsen auf historische Tiefs, ebenso wie die Ausfallquoten von Schuldnern. Unter den Annahmen einer ewig heilen Welt schufen sich die Banken paradiesische Bilanzen. In Wirklichkeit war dies ein Tanz auf dem Vulkan. Denn logischerweise steigen irgendwann die Zinsen, und die Ausfallraten bei Schuldnern nehmen zu – besonders dann, wenn beide Größen zuvor nie gekannte Tiefpunkte erreicht hatten. In einer mit Massen an Geld aufgepumpten Finanzwirtschaft, die sich längst von real existierenden Vermögenswerten gelöst hat, beschleunigt sich dieser über Jahrhunderte beobachtete Zyklus mit elementarer Wucht.

Der Fair Value schlägt nun erbarmungslos durch. Die bei Industrieschuldnern guter Klasse in kurzer Zeit knapp verdoppelten Zinsniveaus signalisierten steigende Risikoprämien und erzwangen Abwertungen der von den Banken direkt oder über Derivate gehaltenen Papiere – das vorher luftig nach oben gebuchte Bank-Vermögen schrumpfte dramatisch. Erinnern wir uns: Je niedriger die Zinsen und die Ausfallraten von Schuldnern, desto schöner sieht die Bilanz aus.

Die dramatisch steigenden Ausfallraten von Schuldnern, insbesondere von US-Hausbesitzern, aber auch von Unternehmen schwächerer Bonität, beschleunigten die » Spirale nach unten. Da schließlich gleichzeitig die Refinanzierung des bilanzierten Vermögens bei steigenden Zinsen naturgemäß erheblich teurer wurde und – in einer beispiellosen Vertrauenskrise – in weiten Teilen sogar ganz wegbrach, kippte das Kartenhaus. 1200 Milliarden Dollar sind bis dato aus den Bankbilanzen radiert.

Fair Value steigerte die Boni

Wer die Bank-Gewinne der vergangenen Jahre zusammenzählt, stellt fest, dass es sich um reine Fair-Value-Gewinne handeln muss. Verdient haben die Banken binnen einer Dekade unter dem Strich – geschätzt: nichts. Das muss in der Abrechnung der kommenden Jahre nicht so bleiben. Denn die Bilanzierung nach dem Fair Value ist nicht Auslöser, sondern nur Begleiterscheinung der Krise – ein Cocktail, den man auf einer Party zu viel getrunken hat, weil die Musik so lange spielte. Der Fair Value wurde ein Instrument verantwortungsloser Bilanzierung und trug damit selbstverständlich zur Steigerung der Banker- und Vorstandsboni bei.

Es gibt viele andere mehr: Regelmäßige Abschreibungen auf erworbene Firmen schönen Unternehmens- und Bankbilanzen schon seit fünf Jahren; Pensionslücken dürfen im Eigenkapital versteckt werden, Gewinne daraus fließen aber in die Ertragsrechnung ein. (Un)mögliche Steueransprüche an den Fiskus können die Bilanz eines Unternehmens über Jahre retten – um nur die krassen und völlig legalen Verschönerungsmöglichkeiten, die Unternehmen haben, zu nennen.

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