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Finanzkrise Die Folgen für Staaten, Unternehmer, Steuerzahler und Konsumenten

Die Finanzkrise verändert die Welt. Dabei gibt es nicht nur Verlierer, sondern auch eine ganze Reihe an Gewinnern. Die Folgen für globale Institutionen, Staaten, Unternehmen, Steuerzahler und Konsumenten.

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Verlierer der Finanzkrise

Protestschild an der New Quelle: dpa

USA  Die Krise offenbart die Schwächen des US-Finanzsystems. Es begann mit faulen Immobilienkrediten, nun taumelt Amerika in eine Rezession.

Island, Irland, Großbritannien  Weil die Staaten zu sehr auf den Finanzmarkt setzten, wird sie die Krise innerhalb Europas am stärksten treffen. Island war fast bankrott.

Horst Köhler Als ehemaliger Direktor des Internationalen Währungsfonds müsste der Bundespräsident seine große Kompetenz ausspielen, doch er blieb lange sprachlos.

Michael Glos  Der Bundeswirtschaftsminister könnte zur großen Form auflaufen, schließlich geht es um die Zukunft der Unternehmen. Doch viel hört man nicht.

Investmentbanken  Bear Stearns, Merrill Lynch und Lehman Brothers sind pleite oder haben ihre Unabhängigkeit verloren. Auch Goldman Sachs und Morgan Stanley haben ihren Sonderstatus aufgegeben. Superboni sind erst einmal passé

Keine gute Ausgangsposition: Quelle: AP

Die IG Metall  Die Gewerkschaft geht als letzte aller großen Arbeitnehmervertretungen in die Tarifverhandlungen. Gutes Timing sieht anders aus.

Ratingagenturen  Allzu oft bewerteten Prüfer wie S&P, Fitch und Moody’s Papiere mit Höchstnoten, die sich später als Schrott herausstellten. Sie werden künftig selbst stärker kontrolliert.

Private Equity  Das bisherige Geschäftsmodell läuft nicht mehr. Grund: Heuschrecken brauchen leichten Zugang zu Krediten, um ihre Firmenbeteiligungen finanzieren zu können.

Hedgefonds  Viele liegen im Minus, an Kredite kommen auch sie nur schwer. Nach Schätzungen könnte ein Drittel der Hedgefonds ganz dichtmachen.

BaFin  Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht büßte Reputation ein. Die Probleme beim Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hat sie übersehen. Oder ignoriert.

Versicherer  Ist die verstaatlichte US-Assekuranz AIG nur ein Vorbote? Europäische Versicherer haben massiv in Bankanleihen investiert – und diese verlieren kräftig an Wert.

IKB

Wegen fauler Kredite vermeldet die Mittelstandsbank Milliardenabschreibungen. Der Steuerzahler rettet sie mit zehn Milliarden, dann wird sie zum Schnäppchenpreis an einen Finanzinvestor verscherbelt.

Deutsche Bahn

Der Börsengang ist verschoben. Hellt sich die Stimmung an den Aktienmärkten nicht innerhalb vier Monaten auf, könnte er ganz flachfallen. 

Weltklima  Lange Zeit war Umweltpolitik im Fokus internationaler Politik. Von Klimawandel und Umweltzielen will heute kaum jemand etwas hören.

Anleihen mit schwacher Bonität  Früher hui, heute pfui. Bonitätsschwache Unternehmen und Staaten bekommen Finanzierungsprobleme. Jüngstes Beispiel: Ungarn.

Landesbanken  Nie waren sie so überflüssig wie heute. Weil die Sparkassen das Firmen- und Privatkundengeschäft übernehmen, fehlt ihnen das Geschäftsmodell. Sie gelten als erste Anwärter auf die staatliche Rettung.

Baubranche  Neubauprojekte liegen weltweit auf Eis. Ohne preiswertes Fremdkapital stockt die Finanzierung von Gebäuden und Infrastruktur bis auf Weiteres.

Bankmanager  Ruf lädiert, Einkommen ruiniert. Finanzminister Steinbrück will die Jahresgehälter auf 500.000 Euro deckeln, wenn Banken staatliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Steuerzahler  Die Bundesregierung hat sich vom Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts verabschiedet – und könnte demnächst die Steuern erhöhen.

Friedrich Merz

Der CDU-Politiker wollte sich mit seinem neuen Buch „Mehr Kapitalismus wagen“ (Piper Verlag) „gegen den Zeitgeist stellen“. Jetzt bläst ihm der Zeitgeist eisig ins Gesicht. 

Wirtschaftlicher Kollaps für Quelle: REUTERS

Premier League  Die englische Fußballliga wird von Finanzkonzernen gesponsert und finanziert. Der Fußballverband warnt bereits vor einem wirtschaftlichen Kollaps vieler Clubs.

KfW  Bild titelte: „Deutschlands dümmste Bank.“ Der Grund: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau stiftete 320 Millionen Euro der bereits insolventen Lehman Brothers.

Dresdner Bank  Ohne Finanzkrise hätte sie die Allianz vielleicht nicht verkauft. Nun übernimmt die Commerzbank – und damit verschwindet auch die Marke vom Markt.

Neo-Liberale  Lange Zeit galten ihre Thesen als unsozial, aber effizient. Nun haben ihre Argumente auch in puncto Effizienz an Akzeptanz und Glaubwürdigkeit verloren.

Schweizer Banken Die UBS, einst Hort der Solidität, verbucht so hohe Abschreibungen wie kein anderes europäisches Bankinstitut. Unter dem Imageverlust leidet auch die Credit Suisse.  

Dax  Der Deutsche Aktienindex verliert an Boden. Seit Anfang des Jahres haben die 30 größten Unternehmen rund 45 Prozent ihres Börsenwertes eingebüßt.

Die Gewinner der Finanzkrise

Gold: das Edelmetall ist so Quelle: dpa

Gold  Die Nachfrage nach dem Edelmetall ist größer als das Angebot. Goldhändler wie Pro Aurum könnten mehr verkaufen, nur fehlen ihnen Münzen und Barren.

Indien, China, Brasilien  Die Volkswirtschaften wachsen, hohe Devisenreserven geben ihnen Macht. Bei der Neuordnung der Finanzarchitektur werden sie künftig mitreden.

Staatsfonds  Neue Macht auf den Finanzmärkten – sie haben genug Geld und können weiter nach Investments suchen.

Japanische Banken  Sie wollen nun in den USA und Europa Fuß fassen. Ihre Kassen sind gefüllt. Die Mitsubishi-Bank kaufte 21-Prozent-Anteil an Morgan Stanley.

EU  Die Europäische Union hilft dem Bankensystem in konzertierter Aktion. Die Gemeinschaft beweist, dass sich Probleme nicht nationalstaatlich lösen lassen.

Bundesbank  Lange wurde an ihrer Existenzberechtigung gezweifelt. Nun hat ihr Chef Axel Weber sie als Hort der Kontrolle und Stabilität in den Fokus gerückt.

Nicolas Sarkozy  Die EU-Präsidentschaft wirkt Imagefördernd für den französischen Staatschef. Trotz Überheblichkeit macht er einen ordentlichen Job als Krisenmanager.

SPD-Trio  Franz Müntefering, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück beherrschen die politische Bühne und ernten öffentlichen Applaus für sozialdemokratische Antworten auf die Krise.

IWF Der Internationale Währungsfonds ist wieder gefragt. Er könnte durch die Krise zu einer Art „Oberaufsicht“ für den internationalen Bankensektor werden.

Discountbroker Sie profitieren durch die hohe Anzahl an Transaktionen. Beim Online-Broker Cortals Consors handeln Kunden 70 Prozent mehr als im Jahresschnitt. 

Oskar Lafontaine  Der Fraktionsvorsitzende der Linken kann seine Rhetorik voll ausfahren, weil er jetzt ungebremst auf der Welle des Anti-Kapitalismus reiten kann.

Nouriel Roubini  Der amerikanische Ökonom sagte schon frühzeitig die Finanzkrise voraus. Er behielt recht – und wird nun mit Interviewanfragen überschüttet.

Gordon Brown  Unbeliebt in Umfragen, bewährt sich der britische Premier plötzlich als Krisenmanager. Sein Rettungskonzept für heimische Banken haben Europas Regierungschefs übernommen.

Max Otte  Der BWL-Prof. der FH Worms warnte vor zwei Jahren in seinem Buch „Der Crash kommt“ vor dem Finanzkollaps. Sein Buch dürfte sich gut verkaufen.

Tagesgeld  Menschen bringen Milliarden auf Tagesgeldkonten. Sicherheit ist für viele oberstes Gebot, aber auch die Gewissheit, jederzeit ans Vermögen heranzukommen.

Sparbuch  Der Klassiker mit Zinsen unter zwei Prozent erlebt ein Hoch. Psychologischer Vorteil: Das Geld bleibt auf der Bank, das Sparbuch nehmen Kunden mit.

Bundesschatzbriefe  Rekordanfragen nach Staatsanleihen. In der neu aufgelegten Tagesanleihe liegen bereits 1,2 Milliarden Euro – Finanzagentur verkauft täglich bis zu zehnmal mehr als üblich.

Lebensversicherung  Gegenüber Fonds schätzen Besitzer die klassische Police als sicheren Hafen. Der Überschuss wird geringer, aber die Mindestverzinsung liegt bei 2,25 Prozent.

Familienunternehmen  Sie stehen für Glaubwürdigkeit und Anti-Habgier in der Wirtschaft – und punkten damit bei Banken, Arbeitnehmern und Politikern.

Genossenschaftsbanken  Auch sie profitieren. Allein den bayrischen Volks- und Raiffeisenbanken flossen seit 1. Oktober netto 1,8 Milliarden Euro zu.

Sparkassen: Das Prinzip der Quelle: dpa

Sparkassen  Das Prinzip der regionalen Verankerung zahlt sich aus: Der Einlagenzufluss ist so groß wie seit Jahren nicht mehr.

Volkswagen In schwierigen Zeiten zahlt sich die Übernahme durch Porsche aus: Der Kurs der VW-Aktie stieg in den vergangenen Tagen um 20 Prozent.

Paribas  Die Pariser Bank expandiert. Mit dem Kauf des Fortis-Geschäfts in Belgien und Luxemburg für 14,5 Milliarden Euro entsteht ein neuer europäischer Bank-Champion.

Tresorhersteller  Die Deutschen horten ihr Geld wieder zu Hause – und brauchen Safes. Die Nachfrage beim Produzenten Burg-Wächter stieg um fast 30 Prozent.

Discounter  In unsicheren Zeiten neigen Konsumenten zu bedachten Einkäufen. Lebensmitteldiscounter wie Aldi, Lidl, Netto und Penny erleben einen Boom.

Last-Minute-Anbieter  Urlauber verschieben in Krisenzeiten ihre Reiseplanung – wie nach den Terroranschlägen 2001. L’Tur und Bucher dürften davon 2009 profitieren.

Islamic Banking  Mit shariakonformer Geldanlage haben Muslime Fehler aus Industrieländern vermieden. In Blogs feiern sie sich nun als moralische Sieger.

Investmentfonds  Als Sondervermögen ist das Anlegervermögen in Investmentfonds vor dem Zugriff der Banken geschützt – und vor deren Pleite sicher.

Autofahrer  Die Finanzkrise hat den Ölpreis ordentlich gedrückt. Inzwischen kostet das Barrel nur noch 80 Dollar, 40 Prozent weniger als drei Monate zuvor.

HGB  Das Handelsgesetzbuch ist wieder in. Das Prinzip des vorsichtigen Kaufmanns erweist sich als krisenfester als Amerikas Bilanzierungsregeln US-GAAP.

Consultingfirmen Der Ruf der Investmentbanken als Arbeitgeber ist passé, jetzt stehen Talente bei Beratungen Schlange — vor allem MBA-Absolventen.

Die staatliche Lotterie Der unangefochtener Wett-Monopolist lebt gerade in unsicheren Perioden vom unausrottbaren Traum vom Glück.

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