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Finanzkrise Die Krisenmacher vor Gericht

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Bear Stearns: Nachdem die Quelle: AP

Die anderen Investoren des Hedgefonds hätten darüber aber informiert werden müssen. Cioffis Vorgesetzter bei Bear Stearns bekam deshalb Bedenken und lehnte es ab, den Verpfändungsantrag zu genehmigen. Tannin und Cioffi ignorierten dies und brachten einen untergeordneten Bear-Stearns-Juristen dazu, seine Unterschrift unter das Papier zu setzen.

Diese Aktionen im Frühjahr 2007 hätten im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit den Lügen über den Zustand der Fonds gestanden, sagen die Staatsanwälte. „Gier, gekoppelt mit der Furcht vor Entdeckung, hat Cioffi und Tannin dazu gebracht, die Investoren anzulügen“, heißt es in dem Dokument der Ankläger. Wäre bekannt geworden, dass Cioffis Investment in die Hedgefonds praktisch nichts mehr wert war, wäre der Kredit für die Florida-Immobilie geplatzt und deren Zwangsversteigerung unvermeidlich geworden.

Verräterische E-Mails

Akzeptieren die Richter die These, dass Cioffi und Tannin Investoren absichtlich falsch informiert haben, dürfte dies vielen anderen Ermittlern Auftrieb geben. Weitere Banken, Hedgefonds und andere Finanzinstitute müssten sich darauf einstellen, dass demnächst Börsenaufseher oder FBI mit Durchsuchungsbeschlüssen vor der Tür stehen, Unterlagen beschlagnahmen und Vorladungen verschicken. Auf Festplatten und Servern dürfe noch reichlich belastendes Material gespeichert sein. Ehemalige Manager von Lehman Brothers oder des Versicherungskonzerns AIG gelten als mögliche nächste Ziele. Das Zeitfenster für die Strafverfolger schließt sich allerdings schnell. Nach US-Recht müssen Finanzinstitute ihre interne Kommunikation nur drei Jahre lang speichern. Im nächsten Jahr könnte die Korrespondenz aus dem kritischen Jahr 2007 nach und nach von den Festplatten gelöscht werden.

Bereits bei den Skandalen um Bankanalysten auf dem Höhepunkt der Dot-com-Blase vor knapp einer Dekade spielten E-Mails eine entscheidende Rolle. Analysten wie Henry Blodget von Merrill Lynch hatten damals noch aggressiv für den Kauf von Internet-Werten getrommelt, während sie dieselben Aktien intern längst als Schrott schmähten. Zwar hatte das damals keine strafrechtlichen Folgen, doch das durch E-Mails entlarvte Geschäftsgebaren führte für die US-Banken 2003 zu einem 1,4 Milliarden Dollar teuren Vergleich und neuen Vorschriften; für einige prominente Analysten endete es mit einem Berufsverbot.

20 Prozent in die eigene Tasche

Außer Frage steht, dass Investmentbanker und Hedgefondsmanager ein starkes Motiv hatten, die bereits in der zweiten Jahreshälfte 2007 heftig erodierenden Werte ihrer Investments zu kaschieren: Zum Jahresende konnten sie noch extrem hohe Boni kassieren. Trotz der sich längst abzeichnenden Krise gönnten sich die Investmentbanker an der Wall Street für 2007 nochmals 32,9 Milliarden Dollar Bonuszahlungen, nur 3,6 Prozent weniger als für das Rekordjahr 2006.

Auch bei den Hedgefonds, deren Manager üblicherweise 20 Prozent des Gewinns in die eigene Tasche stecken dürfen, gab es 2007 durch aufgeplusterte Werte und dadurch geschönte Performance nochmals fette Schecks.

Jetzt diskutieren Politiker und Regulierer weltweit sogenannte Clawback-Regeln. Solche Rückgriffsmöglichkeiten sollen in Zukunft dafür sorgen, dass riskante Investments, die sich erst mit Zeitverzögerung als verlustreich herausstellen, nicht mehr belohnt werden. Würden diese Regeln bereits heute gelten, müssten viele Geldmanager einen erheblichen Teil ihrer für 2007 kassierten Boni an die Investoren zurückzahlen.

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