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Finanzkrise Die Krisenmacher vor Gericht

Der Crash von zwei Hedgefonds der US-Bank Bear Stearns markierte den Beginn der Finanzkrise. Diese Woche kommen die Macher der Fonds vor Gericht. Das Urteil wird die Richtung weisen für weitere Klagen gegen Verursacher und Profiteure der Krise.

Finanzmanager Cioffi

E-Mails könnten ihnen zum Verhängnis werden: Im April 2007 schrieb Matthew Tannin, Portfolio-Manager bei zwei Hedgefonds, die zur Investmentbank Bear Stearns gehörten, an seinen Kollegen Ralph Cioffi: „Der Subprime-Markt sieht ziemlich hässlich aus.“ Wenn man an die eigenen Berechnungsmodelle glaube, so Tannin weiter, sollte man die Fonds, in die Anleger rund 1,4 Milliarden Dollar investiert hatten, sofort schließen. Denn sollten die darin enthaltenen Papiere von ihrem AAA-Rating – der höchsten Qualität – herabgestuft werden, „besteht keine Chance mehr für uns, Geld zu machen – niemals“. Für Cioffi war das aber nichts Neues: Bereits im März drohte der einem Mitarbeiter, dieser solle mit niemandem über die miesen Papiere reden, sonst „werde ich dich erschießen“.

Jetzt sitzen Cioffi und Tannin als erste Investmentbanker nach der Finanzkrise auf der Anklagebank. Dass sie ihren Kunden über eine Milliarde Dollar Verlust eingebrockt haben, werfen ihnen die Ermittler nicht vor: „Investorengeld zu verspielen ist kein Verbrechen“, sagt ein an den Ermittlungen beteiligter FBI-Agent. Verbrecherisch seien nur die falschen Angaben über den wahren Zustand des Fonds. Wenn jemand schönt oder lügt, verstehen US-Börsenaufseher und Staatsanwälte keinen Spaß.

Der Strafprozess gegen die Geldmanager beginnt in dieser Woche in einem Gerichtssaal in Brooklyn. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Wertpapierbetrug und verbotenen Insiderhandel vor. Cioffi und Tannin, die im Juni 2008 bei der Anklageerhebung auf „nicht schuldig“ plädierten und gegen Kaution auf freiem Fuß bleiben durften, droht bei einer Verurteilung eine lange Haftstrafe.

Signal für die Wall Street

Die Finanzszene in New York schaut gebannt zu. Denn wegen des Vergehens, dessen sich die beiden nach Auffassung der Ankläger schuldig gemacht haben, könnten zahlreiche weitere Investmentbanker, Fondsmanager und Treuhänder vor Gericht gezerrt werden. Viele ließen ihre Kunden zu Beginn der Finanzkrise über die wahre Lage ihrer Investments im Dunkeln, als sich die Kurse der heute als toxisch eingestuften Finanzprodukte längst im Sturzflug befanden oder mangels Umsatz nicht mehr bewertet wurden.

Die Anklage wirft Cioffi und Tannin vor, sie hätten – statt Investoren und Kreditgeber über die düsteren Aussichten zu alarmieren und so eine geordnete Abwicklung der Fonds zu ermöglichen – falsche Angaben gemacht, um den Abzug von Investorengeldern und Krediten zu verhindern. Im März 2007 soll Tannin gegenüber Investoren die Fonds sogar noch als „Kaufgelegenheit“ gepriesen haben. Zudem hatte er behauptet, selbst zusätzliches eigenes Geld dort zu investieren, was nicht der Wahrheit entsprach; sein Partner Cioffi zog zur selben Zeit sogar über zwei Millionen Dollar privates Geld aus einem der Fonds ab und steckte sie in einen anderen Fonds, der zuletzt besser gelaufen war.

Das Ende von Bear Stearns

Im August 2007 aber ließ sich das Desaster nicht mehr verheimlichen. Kreditgebende Banken, durch Gerüchte über Schieflagen alarmiert, forderten frisches Geld zur Absicherung der Hedgefondspositionen. Die konnten aber kein Geld nachschießen. Der Rest ist Finanzkrisen-Geschichte: Bear Stearns nahm die Fonds auf die eigenen Bücher, deren Subprime-Papiere verloren weiter an Wert, am Ende setzte der Run auf die Konten der Mutterbank ein. Im März 2008 wurde der Untergang von Bear Stearns besiegelt – JP Morgan Chase übernahm die Investmentbank.

Vor wenigen Wochen legten die Staatsanwälte gegen Cioffi noch einmal nach. Sie hätten bei weiteren Recherchen das starke Motiv dafür gefunden, warum Cioffi „den Investoren eine Lüge nach der anderen erzählte“, heißt es in einem Gerichtsdokument. Der 53-Jährige, der einen üppigen Lebensstil mit Ferraris und mehreren Ferienhäusern pflegte, hatte sich offenbar mit einem Multi-Millionen-Dollar-Immobilienprojekt in Florida verspekuliert. Um dort eine Zwangsversteigerung zu verhindern, musste er sich einen Kredit über 4,25 Millionen Dollar bei einer Bank in Florida besorgen. Den Kredit sollte er aber nur bekommen, wenn er sein knapp sechs Millionen Dollar schweres Investment im Hedgefonds verpfänden würde.

Bear Stearns: Nachdem die Quelle: AP

Die anderen Investoren des Hedgefonds hätten darüber aber informiert werden müssen. Cioffis Vorgesetzter bei Bear Stearns bekam deshalb Bedenken und lehnte es ab, den Verpfändungsantrag zu genehmigen. Tannin und Cioffi ignorierten dies und brachten einen untergeordneten Bear-Stearns-Juristen dazu, seine Unterschrift unter das Papier zu setzen.

Diese Aktionen im Frühjahr 2007 hätten im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit den Lügen über den Zustand der Fonds gestanden, sagen die Staatsanwälte. „Gier, gekoppelt mit der Furcht vor Entdeckung, hat Cioffi und Tannin dazu gebracht, die Investoren anzulügen“, heißt es in dem Dokument der Ankläger. Wäre bekannt geworden, dass Cioffis Investment in die Hedgefonds praktisch nichts mehr wert war, wäre der Kredit für die Florida-Immobilie geplatzt und deren Zwangsversteigerung unvermeidlich geworden.

Verräterische E-Mails

Akzeptieren die Richter die These, dass Cioffi und Tannin Investoren absichtlich falsch informiert haben, dürfte dies vielen anderen Ermittlern Auftrieb geben. Weitere Banken, Hedgefonds und andere Finanzinstitute müssten sich darauf einstellen, dass demnächst Börsenaufseher oder FBI mit Durchsuchungsbeschlüssen vor der Tür stehen, Unterlagen beschlagnahmen und Vorladungen verschicken. Auf Festplatten und Servern dürfe noch reichlich belastendes Material gespeichert sein. Ehemalige Manager von Lehman Brothers oder des Versicherungskonzerns AIG gelten als mögliche nächste Ziele. Das Zeitfenster für die Strafverfolger schließt sich allerdings schnell. Nach US-Recht müssen Finanzinstitute ihre interne Kommunikation nur drei Jahre lang speichern. Im nächsten Jahr könnte die Korrespondenz aus dem kritischen Jahr 2007 nach und nach von den Festplatten gelöscht werden.

Bereits bei den Skandalen um Bankanalysten auf dem Höhepunkt der Dot-com-Blase vor knapp einer Dekade spielten E-Mails eine entscheidende Rolle. Analysten wie Henry Blodget von Merrill Lynch hatten damals noch aggressiv für den Kauf von Internet-Werten getrommelt, während sie dieselben Aktien intern längst als Schrott schmähten. Zwar hatte das damals keine strafrechtlichen Folgen, doch das durch E-Mails entlarvte Geschäftsgebaren führte für die US-Banken 2003 zu einem 1,4 Milliarden Dollar teuren Vergleich und neuen Vorschriften; für einige prominente Analysten endete es mit einem Berufsverbot.

20 Prozent in die eigene Tasche

Außer Frage steht, dass Investmentbanker und Hedgefondsmanager ein starkes Motiv hatten, die bereits in der zweiten Jahreshälfte 2007 heftig erodierenden Werte ihrer Investments zu kaschieren: Zum Jahresende konnten sie noch extrem hohe Boni kassieren. Trotz der sich längst abzeichnenden Krise gönnten sich die Investmentbanker an der Wall Street für 2007 nochmals 32,9 Milliarden Dollar Bonuszahlungen, nur 3,6 Prozent weniger als für das Rekordjahr 2006.

Auch bei den Hedgefonds, deren Manager üblicherweise 20 Prozent des Gewinns in die eigene Tasche stecken dürfen, gab es 2007 durch aufgeplusterte Werte und dadurch geschönte Performance nochmals fette Schecks.

Jetzt diskutieren Politiker und Regulierer weltweit sogenannte Clawback-Regeln. Solche Rückgriffsmöglichkeiten sollen in Zukunft dafür sorgen, dass riskante Investments, die sich erst mit Zeitverzögerung als verlustreich herausstellen, nicht mehr belohnt werden. Würden diese Regeln bereits heute gelten, müssten viele Geldmanager einen erheblichen Teil ihrer für 2007 kassierten Boni an die Investoren zurückzahlen.

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