WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Finanzkrise Falschberatung: Banken vor Gericht

Tausende Sparer haben mit Zertifikaten, Fonds oder Aktien, die ihr Kundenbetreuer als sicher gepriesen hatte, hohe Verluste erlitten. Was Geschädigte wissen sollten, wie ihre Chancen für Klagen wegen Falschberatung stehen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Lehman-Zentrale in New York: Quelle: Reuters

Die Rentnerin ist mit dem Nerven am Ende. „Was ist denn mit der Royal Bank of Scotland?“, fragt sie mit brüchiger Stimme. „Gehen die jetzt auch pleite?“ Die gerade von einer Krebserkrankung genesene Münchnerin hatte vor einigen Jahren einen Teil ihrer Ersparnisse in Anleihen des schottischen Instituts gesteckt – damals ein scheinbar risikoloses Investment. Doch jetzt drohen massive Verluste: Die Bank geriet wie viele andere im Zuge der Finanzkrise ins Trudeln und hängt jetzt am Tropf des britischen Staates, der ein milliardenschweres Rettungspaket auf den Weg gebracht hat.

So wie der Münchnerin ergeht es derzeit Zehntausenden Anlegern. Obwohl ihr Geld in vermeintlich sicheren Anlageformen steckt, haben sie angesichts der eskalierenden Finanzkrise Angst – beispielsweise um Zertifikate, deren Rückzahlung Banker als so sicher hinstellten wie das Amen in der Kirche. Selbst Geldmarktfonds, die Kundenbetreuer als Ersatz für vor Kursverlusten geschützten Tagesgeldern verkauften, stecken oft tief im Minus.

Viele Anleger sind nicht bereit, die Verluste hinzunehmen: Sie fühlen sich von ihren Bankern getäuscht und fordern Schadensersatz. Jetzt könnte es sich rächen, dass Banken selbst sicherheitsorientierten Kunden statt dem guten alten Sparbuch gerne komplexe und gebührenträchtige Konstrukte andrehen – die jetzt zu allem Übel nicht unter die Staatsgarantie für Spareinlagen fallen. Bei allem Ärger über die Methoden der Banker sollten Anleger wissen: Klagen wegen Falschberatung sind alles andere als Selbstläufer. Die deutschen Anlegerschutzgesetze sind dürftig und lückenhaft; wer Schadensersatzansprüche durchfechten will, muss die Spielregeln kennen und einen langen Atem haben.

Zertifikate. Es ist der Super-GAU für die seit Jahren boomende Zertifikate-Branche. Mit der US-Bank Lehman Brothers schlitterte im September ein wichtiger Emittent in die Pleite. Nichts hätte Anlegern deutlicher vor Augen führen können, dass Zertifikate viel riskanter sind, als Banker suggerieren. Denn der Wert der „Inhaberschuldverschreibungen“ hängt von der Bonität des Emittenten ab – geht er pleite, droht der Totalverlust. Anleger müssen dann gemeinsam mit den übrigen Gläubigern hoffen, dass im Insolvenzverfahren was für sie abfällt.

Lehman hat in Deutschland mehr als 100 Zertifikate auf den Markt geworfen. Für viele von ihnen wurde gar mit vermeintlichen Garantien geworben – die im Pleitefall nicht existieren. Wohlklingende Namen wie „Capital Protected Coupon Certifikate“ oder „Safety Outperformance Zertifikat“ täuschten darüber hinweg. Zu den wichtigsten Verkäufern der Papiere gehörten die Citibank, die Dresdner Bank und die Sparkassen in Hamburg und Frankfurt.

„Wir gehen davon aus, dass es hierzulande mehr als 10.000 geschädigte Privatanleger gibt“, sagt Anwalt Adrian Müller-Helle von der Kanzlei Wegner Ullrich Müller-Helle & Partner in Berlin. Darunter seien viele, deren Banker die Risiken der Papiere massiv heruntergespielt habe. „Mir liegt die E-Mail eines Citibank-Kundenbetreuers vor, der meinem Klienten noch am 14. September – dem Tag vor der Lehman-Pleite – geraten hat, nicht nervös zu werden und seine Zertifikate im Wert von 140.000 Euro zu behalten.“ Das sei „ein klassischer Fall von Falschberatung“.

Chef von Lehman Brothers Quelle: dpa

Beschwichtigungsstrategien wie diese hatten in Bankenkreisen offenbar System. Der Bremer Anlegerschutzkanzlei KTAG liegt ein internes Schreiben der Dresdner Bank vom 12. September vor, in dem es heißt: „Insgesamt sehen wir aktuell auf Basis der verfügbaren Informationen keinen Handlungsbedarf bei den Emissionen von Lehman Brothers.“

Allerdings ist unter Juristen umstritten, inwieweit Banker ihre Kunden nach dem Kauf eines Zertifikats über neu auftretende Risiken informieren müssen. Diese Pflicht bestehe laut Bundesgerichtshof (BGH) „nur, wenn Kunden mit ihrer Bank nicht nur einen Beratungs-, sondern einen darüber hinausgehenden gesonderten Vermögensverwaltungs- oder -betreuungsvertrag abgeschlossen haben“, sagt Anwalt Oliver Renner von der Kanzlei Wüterich & Breucker in Stuttgart. Das ist lediglich bei betuchten Anlegern der Fall.

Bessere Chancen haben Bankkunden nach Meinung vieler Juristen bei Beratungsfehlern vor dem Kauf. So dürften viele Banker ihre Kunden nicht informiert haben, dass die Ratingagentur Moody’s das Lehman-Rating am 17. Juli herabsetzte. Renner: „Wer danach Lehman-Zertifikate gekauft hat und von seinem Banker nicht über die Herabstufung informiert wurde, hat gute Chancen auf Schadensersatz.“ Der Tübinger Anwalt Andreas Tilp setzt auf einen anderen klassischen Fehler der Kundenbetreuer: Laut BGH müssen Banken Kunden informieren, wenn sie vom Emittenten für den Verkauf eines Zertifikats Provision kassieren – eine Pflicht, die viele Berater sträflich vernachlässigen. Laut Tilp sind bei Lehman-Papieren oft „versteckte Vertriebsprovisionen“ geflossen. Der Berliner Anwalt Müller-Helle sagt: „Die Zertifikate wurden vor allem wegen hoher Provisionen verkauft.“ Der Charme von Klagen wegen heimlicher Provisionen: Sie sind nicht nur bei Lehman-Papieren möglich, sondern auch bei vielen anderen Zertifikaten, die nach dem Unterschreiten einer vorher festgelegten Schwelle nun wertlos sind.

Aktienkurse von Hypo Real Estate, UBS und IKB seit drei Jahren

Das Problem bei Falschberatungsklagen ist allerdings, dass Kunden in der Beweispflicht sind. Das heißt, sie müssen belegen, dass ihr Kundenbetreuer ihnen entscheidende Informationen vorenthalten hat – also zum Beispiel die Herabstufung des Lehman-Ratings oder die von der Bank eingestrichene Vertriebsprovision. Oft steht vor Gericht Aussage gegen Aussage.

Gute Karten haben Kunden, die beim Beratungsgespräch einen Zeugen dabei- hatten. Wenn nicht, können Geschädigte in die juristische Trickkiste greifen: „Wer die Ansprüche gegen die Bank an ein Familienmitglied abtritt, kann selbst als Zeuge aussagen“, sagt Müller-Helle. „Dieses Vorgehen wird von den Gerichten akzeptiert.“

Klar ist aber auch: Die Gerichte haben bei Falschberatungsklagen großen Ermessensspielraum, immer wieder müssen Anleger selbst in klaren Fällen bis zum BGH ziehen. Geschädigte sollten deshalb zunächst bei ihrer Bank vorfühlen und nicht direkt Klage einreichen. Einige Institute haben angedeutet, sich kulant zeigen zu wollen. Deshalb gilt: konstruktiv verhandeln, statt der Wut freien Lauf zu lassen.

Unabhängig von Schadensersatzforderungen sollten Anleger nicht vergessen, ihre Ansprüche im Lehman-Insolvenzverfahren anzumelden. Fungierte wie in vielen Fällen der niederländische Ableger Lehman Brothers Treasury als Emittent, sollten Betroffene dem vorläufigen Insolvenzverwalter, der holländischen Kanzlei Houthoff, eine E-Mail mit Angaben zur Person und den gekauften Zertifikaten schicken. Houthoff hat eine E-Mail-Adresse eingerichtet: info.lbtreasurybv@houthoff.com. Zusätzlich sollten sich Betroffene an den amerikanischen Insolvenzverwalter und die US-Entschädigungsbehörde SIPC wenden. Detaillierte Informationen gibt es im Internet (www.lehman.com/newsroom).

Fonds Der Insolvenzverwalter aus dem Norden der Republik schäumt vor Wut. Als er das Restvermögen eines insolventen Mittelständlers, knapp eine Million Euro, sicher parken wollte, hatte er Ende 2007 bei der Bank nach Anlagemöglichkeiten gefragt. Eine Bankerin empfahl einen Geldmarktfonds – „obwohl ich mehrfach betont habe, dass ich was ohne Verlustrisiko will“. Die Kundenbetreuerin habe ihm gebetsmühlenartig versichert, dass der Fonds so sicher wie Tagesgeld sei, aber etwas höhere Zinsen abwerfe.

Auch einige der vermeintlich krisenfesten Geldmarktfonds haben an Wert verloren

Von wegen: Der Fonds aus dem Hause Pioneer rutschte wegen der Finanzkrise um mehr als sieben Prozent ins Minus. Das ist im Vergleich zu vielen Bankaktien und Zertifikaten zwar überschaubar, für ein als risikofrei verkauftes Papier aber eine Katastrophe. Den Verlust von einigen Tausend Euro muss der Insolvenzexperte jetzt womöglich aus eigener Tasche erstatten. Allerdings hofft er noch, dass die Bank ihm entgegen- kommt – und will deshalb vorerst nicht vor Gericht ziehen.

Andere Anleger haben nicht lange gefackelt und ihre Bank verklagt. Zum Beispiel ein betuchter Sparer, dem sein Banker im Juli 2007 den UniMoneyMarket Euro Corporates ans Herz gelegt hatte. Dieser verlor danach rund zehn Prozent seines Wertes, andere Geldmarktfonds sind noch tiefer gefallen (siehe Tabelle). Das Problem: Viele Fondsmanager wollten die Rendite durch Investitionen in Asset Backed Securities (ABS) aufpeppen – und sind auf die Nase gefallen, weil sich hinter dem schönen Namen oft riskante US-Hypotheken verbargen. Besonders ärgerlich für Anleger: Obwohl die Fonds als Tagesgeldersatz verkauft wurden, fallen sie nicht unter die Staatsgarantie für Spareinlagen.

Georg Funke, ehemaliger Quelle: AP

Aktien Vergangene Woche hat Georg Funke endlich seinen Chefsessel geräumt. Nach langem Widerstand verließ er die Hypo Real Estate (HRE) – jene Bank, die Ende September mit einem milliardenschweren Paket vor der Pleite gerettet werden musste. Dabei hatten Funke & Co. 2007 noch vor Selbstbewusstsein gestrotzt: Aus der Finanzkrise seien „keine negativen Belastungen“ für die Bank zu erwarten, teilte die HRE am 3. August nach der Beinahe-Insolvenz des Mittelstandsinstituts IKB mit. „Selbst wenn es zu einem vollständigen Zusammenbruch des Subprime-Marktes käme, wäre dies im Rahmen unserer kalkulierten Risikovorsorge mehrfach abgedeckt.“ Am 14. Januar musste das Management zähneknirschend einen Abschreibungsbedarf von 390 Millionen Euro einräumen, blieb aber selbstsicher: „Unser Team hat einen Super-Job gemacht“, sagte Funke. Die Börsianer sahen das anders, die Aktie fiel nach dem Geständnis von 33 auf 22 Euro. Derzeit pendelt sie zwischen vier und fünf Euro. Auch die jetzige Beinahe-Pleite traf Investoren völlig überraschend. Zahlreiche Aktionäre haben Anwälte beauftragt, Schadensersatz geltend zu machen. Sie reklamieren, dass sie nie HRE-Aktien gekauft hätten, wenn Funke mit offenen Karten gespielt hätte. Anlegerkanzleien sammeln deshalb derzeit akribisch Belege für einen Verstoß des Managements gegen Ad-hoc-Pflichten vor dem 14. Januar – und jetzt auch vor dem abgewendeten Crash im September. Mit Klagen warten die meisten Anwälte, womöglich liefern die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und der Bankenaufsicht BaFin ja wichtige Erkenntnisse.

Doch auch Prozesse wegen Ad-hoc-Verstößen sind heikel. Anleger müssen die Richter überzeugen, dass das Management früher vom Ausmaß der Probleme wusste. Und Beweise für interne Vorgänge zu finden, ist schwierig. Zudem ist oft schwer bestimmbar, wann der Zeitpunkt für eine Ad-hoc-Mitteilung erreicht gewesen wäre. Auch hier haben Richter großen Ermessensspielraum.

Wie knifflig Aktionärsklagen sein können, zeigt der Fall IKB: Das Landgericht Düsseldorf hat im Sommer die ersten beiden Klagen abgewiesen. Nach Ansicht der Richter konnten die Kläger nicht beweisen, dass sie wegen der falschen Nachricht der IKB am 20. Juli 2007 investiert hatten – die Bank hatte mitgeteilt, dass die Finanzkrise „praktisch keine Auswirkungen auf die Ertragslage“ habe. Alle drei Anleger waren wenige Tage danach eingestiegen. Hunderte Klagen sind noch anhängig.

Bessere Chancen haben Aktionäre der UBS. Gegen das Schweizer Institut ist eine US-Sammelklage angelaufen. Nach Ansicht der New Yorker Anwältin Deborah Sturman hat die UBS „die Öffentlichkeit viel zu spät über das Ausmaß ihrer Probleme informiert“. Entscheiden die amerikanischen Richter im Sinne der Kläger, können auch deutsche Anleger profitieren.

Die Münchner Rentnerin, die um ihre Royal-Bank-of-Scotland-Anleihe bangt, will vorerst nicht vor Gericht ziehen – sondern abwarten, ob die Bank überlebt. „Wenn ja, steigt meine Anleihe bestimmt wieder.“ Die Hoffnung kann ihr niemand nehmen. Zuletzt klebte das Papier tief im Minus.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%