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Finanzkrise Rückzugsgefechte der Superstars

Heuschreckenland ist abgebrannt: Die Finanzkrise bringt die Superstars unter den Finanzinvestoren in Bedrängnis. Ihre Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr.

Die Heuschrecken haben Probleme Quelle: dpa

Stehen zwei Finanzinvestoren am Buffet. Fragt der eine: „Und, mit wie vielen Leuten seid ihr hier?“ Sagt der andere, während er sich gierig Garnelen auf den Teller schaufelt: „Nur drei, wäre sonst zu teuer geworden.“ Darauf sein Gegenüber: „Ja, die Preise hier sind unmenschlich.“

Kein Witz, sondern eine reale Szene auf der Messe „SuperReturn“ in München, auf der sich die großen Finanzinvestoren treffen. Bis zu 6090 Euro kostet das Viertagesticket, heute eine stattliche Summe. Noch vor einem Jahr hätte jeder jeden Preis bezahlt, um dabei zu sein. Denn hier war die Party. Hier trafen sich Leute, die zu Milliardären geworden sind. Stephen Schwarzman etwa, Mitgründer des US-Finanzinvestors Blackstone, oder David Rubenstein von der Carlyle Group. Um sie herum das Heer der Mitesser: Banker, Berater, Top-Anwälte.

Für sie alle ist im Moment allerdings nicht viel zu holen. Denn die fetten Jahre für die Branche sind vorbei – und das hat Konsequenzen, auch für Anleger an den Börsen. Können die Buyout-Jongleure, die in den goldenen Jahren mit kreditfinanzierten Übernahmen die Börsenkurse nach oben trieben, auch magere Zeiten meistern? Oder wenden sich die Hebel, die sie in Form von billigem Geld nutzten, jetzt gegen sie?

Die Symptome sind weltweit unverkennbar. In Japan knickt der Nikkei-Index ein, weil eine Gesellschaft, die mit dem Private-Equity-Giganten KKR verbunden ist, in Zahlungsverzug geraten ist. In Deutschland erklären Börsianer Kursverluste der Telekom-Aktie damit, dass sich Blackstone aus der missglückten Beteiligung (siehe Seite 120) zurückziehen könnte. 50 Millionen Dollar Vertragsstrafe soll Blackstone in den USA zahlen, um aus einem Deal wieder aussteigen zu dürfen. Wesley R. Edens von Fortress zittert, ob ein Immobilien-Investor mit dem Notverkauf eines Wolkenkratzers genug erzielt, um einen Milliarden-Kredit zurückzahlen zu können. Die Bank Wachovia versucht, sich aus der Finanzierungszusage für den Kauf von Fernsehstationen zu winden. Dabei war der Preis des Deals sogar reduziert worden, von 1,2 Milliarden Dollar auf 1,1 Milliarden – vor einem Jahr waren das Peanuts.

Heute haben alle Beteiligten Angst davor, dass ihnen selbst kleine Brocken im Hals stecken bleiben könnten. Deals aus den Boomjahren 2006 und 2007 sind unter Wasser, viele Beteiligungen weit weniger wert als noch vor Monaten. Die von minderwertigen US-Hypotheken ausgelöste Finanzkrise machte Geld teuer und knapp. Die für die Finanzierung der Mega-Deals ausgegebenen Anleihen brechen teilweise um die Hälfte ein und liegen bleischwer in den Bankbilanzen. Zugleich sind die wichtigsten Ausstiegskanäle der Branche für den Verkauf von Beteiligungen verstopft: Börsengänge werden abgesagt, der Sekundärmarkt, auf dem Heuschrecken untereinander handeln, ist tot. Unternehmen mit Schulden vollzu-pumpen, um Geld abzuziehen, funktioniert angesichts wackliger Finanzmärkte erst recht nicht mehr. Logische Folge: Die Kurse der Private-Equity-Gesellschaften sind abgeschmiert.

Auf der SuperReturn tönen die Branchengrößen dennoch schon wieder von neuen Zukäufen. Alle „prüfen“ jetzt Übernahmen, „schauen sich Unternehmen genau an“, „können sich vorstellen, daran zu denken zu kaufen“. Nur: Wer ernsthaft kaufen will, kündigt dies nicht an. Welchen Sinn macht es, einen Übernahmepreis hochzureden?

Hinter vorgehaltener Hand ist gleichzeitig von Investoren die Rede, die Gelder zurückrufen, sogar von Zwangsverkäufen, die Aktien noch weiter nach unten reißen könnten. „Wir können eine weitere Negativspirale nicht ausschließen,“ sagt ein führender deutscher Investmentbanker.

Vor genau einem Jahr blickte Stephen Schwarzman noch mit verschränkten Armen selbstbewusst vom Titel des US-Wirtschaftsmagazins „Fortune“, das ihn zum „neuen König der Wall Street“ gekrönt hatte. 125 Milliarden Dollar hatte er in der Kriegskasse. Die Party zu seinem 60. Geburtstag in seinem Luxusapartment auf der Park Avenue kostete inklusive Rock-Opa Rod Stewart drei Millionen Dollar und beschäftigte wochenlang New Yorks Klatschkolumnisten. Heute ist Schwarzman der Buhmann. Der Kurs der Blackstone-Aktie, die er praktisch unmittelbar vor Toresschluss im Juni 2007 noch an die Börse gebracht hatte, liegt mittlerweile fast 50 Prozent unter dem Emissionspreis.

Fast 700 Millionen Dollar hatte er beim Börsengang in die eigene Tasche gesteckt. Seitdem gilt er als Abzocker, auf den selbst Branchenkollegen nicht gut zu sprechen sind. Sie kreiden ihm an, mit seinem extravaganten Lebensstil die Washingtoner Politiker aufgescheucht zu haben. Die wollen bald ein Steuerschlupfloch schließen, von dem bisher alle profitierten. Am 14. Februar, dem 61. Geburtstag von Schwarzman, fiel die Feier deshalb bescheidener aus: Nur enge Freunde, ein Essen in dem als „Blackstone’s Caféteria“ titulierten Restaurant des Four-Seasons-Hotels in Midtown New York. Zur SuperReturn schickte er einen Vertreter.

Jetzt drehen die Banken, die als Finanzierer der Übernahmen prächtig verdienten, den Hahn zu. Sie werden die Anleihen, die sie zur Finanzierung der Transaktionen herausgaben, nicht mehr los. Mit der Vertrauenskrise an den Kreditmärkten erodierten die Werte dieser Papiere, weitere Milliarden-Abschreibungen stehen an. Durchschnittlich 15 Prozent Verluste veranschlagt die Ratingagentur Standard & Poor’s bei den Anleihen. Doch wie hoch die Abschreibungen tatsächlich ausfallen, wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen, wenn die Schuldner beweisen müssen, dass sie die fälligen Zinsen und Tilgungen auch bei schwächerer Konjunktur zahlen können. Deshalb versuchen Banken, Private-Equity-Transaktionen nachträglich zu kippen.

Juristen, die in Verträgen nach Lücken suchen, die einen Ausstieg ermöglichen, sind an Wall Street gefragt. Sogar Vertragsstrafen in dreistelliger Millionenhöhe werden in Kauf genommen — Hauptsache, das Geschäft ist aus den Büchern. Noch viel mehr steht in Toronto für die Private-Equity-Käufer von Kanadas größter Telekomgesellschaft BCE auf dem Spiel. Sie müssen rund eine Milliarde Dollar zahlen, wenn die 45-Milliarden-Dollar-Transaktion nicht bis Juli unter Dach und Fach ist.

Das Logo von Finanzinvestor Quelle: AP

Statt ein Geschäft nach dem anderen einzufädeln, kurz abzuwarten und dann das Geld wieder herauszuziehen, müssen die Finanzinvestoren ihre Unternehmen jetzt ernsthaft auf Ertrag trimmen. ,Buy, Strip and Flip‘ – das war einmal. Die Zeit der schnellen Deals ist vorbei.

So hat Blackstone damit begonnen, bei den für 26 Milliarden Dollar übernommenen Hilton-Hotels alles auf den Kopf zu stellen. Manager werden gefeuert, Sparpotenziale erkundet, Synergien gesucht. Das ist auch nötig: Unterstellt man bei Hilton einen ähnlichen Wertverlust wie ihn Aktien von Hotelketten zuletzt an der Börse erfahren haben, ist das von Blackstone investierte Eigenkapital bereits verballert. Neue Deals fallen viel bescheidener aus, der Kreditanteil an der Finanzierung ist von 80 auf nur noch gut 50 Prozent gefallen. So gab Blackstone vor wenigen Tagen eine Mini-Beteiligung von gerade mal 60 Millionen Dollar an dem indischen Logistik-Unternehmen Allcargo bekannt.

Vor einem Jahr standen noch ein paar Nullen mehr hinter den Zahlen. Henry Kravis, den die „New York Times“ ehrfurchtsvoll als einen von „Wall Streets ältesten Meistern“ bezeichnete, startete mit seiner Private-Equity-Gesellschaft KKR im Februar 2007 den Angriff auf den Energie-handelsriesen TXU, der zum größten Leveraged-Buy-out aller Zeiten wurde. Beim Abschluss im Oktober standen 45 Milliarden Dollar auf der Uhr. „Gratuliert uns nicht, wenn wir eine Gesellschaft kaufen, gratuliert uns, wenn wir sie verkaufen“, so Kravis, „denn jeder Narr kann zu viel bezahlen, wenn er nur genug Geld dafür hat.“ Jetzt hat er wieder weniger Geld und die mit KKR verbundene börsennotierte KKR Financial Holdings Umschuldungsprobleme. Den Börsengang mit der eigenen Management-Holding musste Kravis sogar absagen.

Auf dem Höhepunkt des Private-Equity-Booms im vergangenen Jahr könnten einige der Hauptdarsteller ihrer eigenen Wir-können-alles-Mentalität zum Opfer gefallen sein. Insgeheim bereuen mag seinen Wagemut vor allem Stephen Feinberg. Der Gründer von Cerberus kaufte 2006 für 14 Milliarden Dollar 51 Prozent an der General-Motors-Finanzierungsgesellschaft GMAC. Dann befreite er Daimler von Chrysler, bekam das Unternehmen praktisch geschenkt. Feinberg hatte die Vision von einem Konglomerat, das die Autoindustrie revolutionieren und der Branche beweisen sollte, dass man in den USA mit Autos Geld verdienen könne. Heute macht GMAC gigantische Verluste, allein im vergangenen Jahr 2,3 Milliarden Dollar – und Chrysler steht nach wie vor auf der Kippe. Feinberg muss nun versuchen, seine nervösen Investoren zu beruhigen. „Die gute Nachricht ist“, schreibt er ihnen in einem neunseitigen Brief, „wir haben GMAC billig genug gekauft, sodass wir mit unserem Gesamtinvestment selbst bei allen schlechten Nachrichten im Hypotheken- und Kreditmarkt immer noch in einer vernünftigen Verfassung sind.“ Jetzt werden bei GMAC erst einmal 1000 Leute entlassen.

Den Hedgefonds-Manager Edward Lampert betrachteten noch vor Kurzem viele als den neuen Warren Buffett, der als erfolgreichster Investor aller Zeiten gilt. Lampert, hieß es an der Wall Street, werde aus der Kaufhauskette Sears eine Holding formen, die ähnlich erfolgreich agieren werde wie Buffetts Berkshire Hathaway. Doch Sears steckt heute in großen Schwierigkeiten. Erst brach der Gewinn dramatisch ein, dann der Kurs, Lampert feuerte den Vorstandschef. „In einem großen Unternehmen ist die Struktur sehr, sehr wichtig. Das ist die Sache, die wir nicht richtig hinbekommen haben“, sagt Lampert in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“. Sein Hedgefonds ESL soll 2007 mehr als 25 Prozent verloren haben.

Für Private-Equity-Gesellschaften und Hedgefonds spricht allerdings, dass sie einen großen Teil des Risikos ihrer gewagten Investitionen nicht in den eigenen Büchern haben. Die Kredite sind eher das Problem der Banken. Die wollen, dass die Buyout-Künstler ihre Kredite zurückfahren, mehr Eigenkapital einsetzen, höhere Zinsen zahlen. Sie drängen zum Teil auch auf die Liquidation von verwertbaren Posten. Die Finanzinvestoren pochen dagegen darauf, dass sich Banken an Finanzierungszusagen halten, die zwischen 150 Milliarden und 200 Milliarden Dollar liegen sollen. Dazu zählen Deals wie der bereits im Mai 2007 vereinbarte Kauf von Alliance Data Systems (ADS), einer Service-Gesellschaft für Kreditkartenanbieter. Blackstone bot sechs Milliarden Dollar, der aktuelle Börsenwert von ADS liegt deutlich darunter. ADS versuchte bereits, Blackstone per Gericht zur Vertragserfüllung zu zwingen. Hedgefonds wetten darauf, dass der Deal floppt.

Asiatische oder arabische Staatsfonds haben wegen der Krise nun die Wahl: Investieren sie weiter in krisengeschüttelte Finanzwerte wie Citigroup oder Merrill Lynch? Oder geben sie das Geld besser Schwarzman, Kravis oder Edens? Deren Nimbus wirkt immer noch nach, die Analysten blasen zum Einstieg. Mike Mayo von der Deutschen Bank etwa bekräftigte gerade seine Empfehlung für Blackstone. Ziel: 28 Dollar, 65 Prozent mehr als der aktuelle Kurs. Schwarzman sei Profiteur der Marktverwerfungen, denn er investiere billig in notleidende Anlagen, so Mayo.

Bei der Credit Suisse steht Fortress auf „Kaufen“, Zielmarke 27 Dollar, fast 100 Prozent über dem aktuellen Kurs. Dabei hat sich nach den Berechnungen der Bank allein im vierten Quartal der Wert der „unrealisierten Gewinne von 3,1 Milliarden Dollar auf 1,2 Milliarden Dollar reduziert“. Ein Blick in das Fortress-Portfolio offenbart in der Tat ein Desaster. Die sechs von Credit Suisse aufgeführten Werte – darunter die Beteiligung an der deutschen Immobiliengesellschaft Gagfah – verbuchten innerhalb eines Jahres Verluste bis 68 Prozent.

Die Kaufempfehlungen der Banken sind – wie immer – mit Vorsicht zu genießen. Am Blackstone-Börsengang vor neun Monaten waren alle beteiligt. Viele halten selbst noch Aktien an den Gesellschaften. Heuschrecken waren zudem gern gesehene Kunden. Blackstone allein zahlte 2006 und 2007 rund 1,35 Milliarden Dollar Gebühren für Beratung und Abwicklungsleistungen an Wall-Street-Banken. Solche Partner möchte man nicht vergrätzen. Es könnten ja wieder fettere Jahre kommen.

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