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Finanzplatz Deutschland Sinn und Unsinn der Finanz-Beipackzettel

Die Bundesregierung hat sie eingeführt, jetzt liegen die ersten auf dem Tisch: Was die neuen Informationsblätter für Finanzprodukte taugen, wie Anleger Fallen umgehen, was die Banken verbessern sollten.

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Informationsblätter für Finanzprodukte Quelle: Illustration: Daniel Stolle

Der Zettel lockt mit bunten Bildchen und Grafiken. „Doch die vielen Sternchen und Fußnoten finde ich irritierend“, sagt Annemarie Blum. Die Frankfurterin ist kein Geld-Profi, sondern Buchhändlerin – eine ganz normale Anlegerin, die wissen will, was ihre Bank mit ihrem Ersparten so treibt. Für sie und ihresgleichen hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) die Beipackzettel für Finanzprodukte ersonnen. Im vergangenen Herbst forderte sie die Banken auf, ihren Kunden verständliche, transparente und miteinander vergleichbare Übersichten zu Geldanlageprodukten auszuhändigen.

Eine grob gestrickte Vorlage gab sie den Banken gleich mit, hoffte aber wohl darauf, dass die selbst noch Grips investieren. Denn verbindliche Vorgaben machte Aigner nicht. Sie setzt erst einmal auf freiwillige Lösungen. Kommt die Branche nicht zu Potte, so die Drohung hinter den Freiwilligkeitsappellen, wird es wohl gesetzliche Regelungen für Finanz-Beipackzettel geben.

Verbindliche Standards gefordert

„Die vielen kleinen Steine, die das Verbraucherschutzministerium systematisch setzt, sind schon ein großer Fortschritt“, sagt Heinrich Bockholt, Leiter des Instituts für Finanzwirtschaft in Koblenz. Der Verbraucherzentralen Bundesverband fordert von der Bundesregierung dagegen, jetzt verbindliche Standards für Produktblätter zu setzen. „Damit die Informationen für Verbraucher einen Nutzen haben, müssen sie einheitlich und verständlich sein“, sagt Vorstand Gerd Billen.

Die Produktinformationen sollen das gesetzlich verpflichtende Beratungsprotokoll ergänzen, das Bankberater ihren Kunden seit diesem Jahr nach Beratungsgesprächen mit nach Hause geben müssen. Die DIN-A4-Blätter für Sparbriefe, Investmentfonds und Zertifikate sollen zeigen, was für ein Finanzprodukt verkauft wird, wie es funktioniert, welche Renditen realistisch sind und wo die Risiken liegen. Außerdem soll der Beipackzettel die Kosten nennen und darüber aufklären, dass Gewinne versteuert werden müssen.

Schwer verständlich

Bisher haben Großbanken wie die Deutsche Bank und die Deutschland-Tochter der Credit Suisse eigene Informationen vorgelegt, Sparkassen wie die aus Pforzheim-Calw sind ihren Verbänden zuvorgekommen, manche Finanzdienstleister wie MLP bieten die Informationen ebenfalls an.

Anlegerin Blum geht es bei manchen Informationen zunächst so wie bei den Medizintexten zu Aspirin von Bayer: Sie muss erst mal die Brille aufsetzen. Immerhin hatte sich die Deutsche Bank Mühe gegeben und das dröge Papier mit Piktogrammen und einer Balkengrafik aufgepeppt. Eine Weltkugel als Symbol für die Anlageregion und ein Tachometer, das für die Risikoklasse steht, sind Hingucker. Aber Ministerin Aigner verteilt keine Designpreise – und angesichts mancher Fußnote schleicht sich bei Anlegerin Blum der Verdacht ein, dass auch hier im Kleingedruckten allerhand versteckt werde. Was der Finanzvertrieb MLP zu einem Mischfonds aufgeschrieben hat, findet Blum jedenfalls „schwer verständlich“.

Werbetexter und Juristen

Bundesverbraucherministerin Quelle: dpa

An Papier mangelte es bei Banken nie – Kunden wurden schon immer mit Broschüren, Prospekten und neuerdings auch mit Protokollen zugeschüttet. Aber bisher waren entweder Werbetexter am Werk, deren Schilderungen eher optimistisch als realistisch sind, oder Juristen. Von letzteren bekam der Kunde wasserdichte Vertragsbedingungen – zu lang, unverständlich und vor allem formuliert, um die Bank bloß niemals für Schäden haften zu lassen. Die neuen Beipackzettel sollen das Beste aus beiden Welten vereinen.

Umstrittene Klausel

Aber der Düsseldorfer Rechtsanwalt Julius Reiter hat auch in den Beipackzetteln wieder Hinweise darauf gefunden, dass „die Banken versuchen, sich vor allem selbst zu schützen“. Für problematisch hält er etwa folgende gern genutzte Klausel: „Das Zertifikat richtet sich an Anleger, die einen gleich bleibenden oder sich moderat ändernden Kurs des Basiswertes erwarten.“. Durchschnittskunden haben allerdings meist keine eigene Meinung dazu, wie sich der Dax oder die Allianz-Aktie entwickeln.

Sie verlassen sich auf den Bankberater, der aber könne sich im Streitfall auf die umstrittene Klausel berufen. „Das ist so, als wenn im Beipackzettel für ein verschreibungspflichtiges Medikament stehen würde: ,Dieses Arzneimittel ist für Patienten, die einen negativen Krankheitsverlauf erwarten‘“, meint Reiter. „Doch ein Patient wird kaum etwas anderes erwarten als der Arzt.“

Können komplizierte Finanzprodukte tatsächlich auf ein paar Stichworte und Erklärungen reduziert werden?

Die ersten Patzer gab es schon

An Willensbekundungen mangelt es nicht: „Transparenz bei Kosten und Provisionen ist ein hohes Gut“, sagt Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken. „Wir nehmen die Forderung der Politik sehr ernst und wollen für unseren Kunden saubere und verständliche Produktinformationen anbieten“, säuselt Christian Brand, Präsident des Verbands öffentlicher Banken.

Ein Bankangestellter berät Quelle: dpa

Die Genossenschaftsbanken und Sparkassen wollen künftig mit einheitlichen Produktinformationen auf den Markt kommen. Zur feierlichen Premiere des Gemeinschaftswerks haben sich die Kooperationspartner vorsichtshalber ein einfaches Produkt ausgesucht: eine Inhaberschuldverschreibung, für die es jährlich drei Prozent Zinsen gibt. Der Beipackzettel ist in Ordnung. Doch die anspruchsvollere Herausforderung sind Erklärungen zu Zertifikaten und Investmentfonds. Die sind noch in der Mache.

Die Konkurrenz aus dem Lager der Privatbanken, der Bundesverband deutscher Banken, in dem unter anderem Deutsche Bank und Commerzbank organisiert sind, hat hier schon mächtig gepatzt. Ein Juristen-Arbeitskreis baute bei der Darstellung eines Discountzertifikats einen Fehler in das Papier ein. In dem Produktblatt hieß es zunächst, dass ein Anleger dann „einen Verlust realisiert, wenn der Basiswert am Bewertungstag unter dem Höchstbetrag notiert“. Die Klausel klingt nicht nur kompliziert, sondern ist auch falsch: Sie ignoriert den für Discountzertifikate typischen Puffer, der Anleger vor Verlusten schützen kann. Mittlerweile wurde das Papier korrigiert.

Im Zweifel Finger weg

Besser gelungen ist dem Bankenverband eine Erklärung darüber, wie sich der Wert von Zertifikaten in verschiedenen Marktphasen entwickelt. „Anleger, die diese Zusammenhänge nicht verstehen, müssen sie sich ausführlich vom Berater erklären lassen – oder die Finger von Zertifikaten lassen“, sagt der Finanzberater und Buchautor Antonio Sommese.

Wenig hilfreich sind vorfabrizierte Textbausteine, wie sie die ING-DiBa verwendet. So werden zur Beschreibung des Risikos eines europäischen Aktienfonds nahezu die gleichen Formulierungen verwendet wie für einen Aktienfonds, der nur in Aktien rund ums Thema Wasser investiert. Ein breit streuender europäischer Aktienfonds ist aber weniger riskant als ein nur auf Aktien einer Branche beschränkter Fonds. Hier wären individuelle Informationen angesagt.

Konkrete Zahlen zum Risiko von Geldanlagen

Das Thema Risiko wird bei den meisten Produktinformationen mit lapidaren Texten abgehandelt. MLP immerhin bietet eine Kennziffer, allerdings ist die „Risikotragfähigkeit“ bei Investmentfonds nicht geläufig und für andere Anlageprodukte kaum zu ermitteln. Besser wäre es, wenn MLP und alle anderen Fondsverkäufer vorrechnen würden, wie viel Anleger in der Vergangenheit im schlechtesten Fall mit einer Geldanlage verloren hätten. Konkrete Zahlen – sowohl zum Risiko als auch zu Renditechancen – bleiben die Banken Anlegern schuldig und liefern lieber vage Erklärungen.

In Sachen Kosten ist MLP vorbildlich. Der Vertrieb hat in Beiblättern für Fonds detailliert die Kostenbestandteile aufgelistet und dabei auch die Provisionen aufgeführt, die MLP durch die Vermittlung der Fonds verdient. Bislang müssen sich Anleger die Informationen häufig aus vielen einzelnen Unterlagen zusammensuchen. Immer verständlich ist das trotzdem nicht: An Definitionen wie die von erfolgsabhängigen Gebühren, die „fünf Prozent des Mehrertrages über dem 3-Monats-Euribor“ ausmachen, dürften mancher Anleger länger zu kauen haben.

Sanfter Druck aus Brüssel

Ilse Aigner (CSU):

Nicht nur Ministerin Aigner, sondern auch die EU-Kommission will Erklärungen zu Geldanlagen einheitlich gestalten. Im Visier hat Brüssel neben Sparbriefen, Investmentfonds und Zertifikaten auch geschlossene Fonds und Lebensversicherungen.

Schon jetzt übergeben Lebensversicherer ihren Kunden Produktinformationen, allerdings unterscheiden sich die Papiere der Branche wiederum von denen der Banken. Da Versicherungspolicen, Fonds und Bankprodukte meist von den gleichen Beratern verkauft werden, müssten die Informationen auch ähnlich sein, heißt es aus Brüssel.

Für Anleger irreführend

Mitte Februar hat sich auch die Bankenaufsicht BaFin mit einem Rundschreiben zur Werbung in die Diskussion um Produktbeschreibungen eingeschaltet. Die Aufseher bemängeln, dass die Kundeninformationen vieler Finanzdienstleister nicht der seit Ende 2007 geltenden EU-Finanzmarktrichtlinie entsprechen. So werde beispielsweise mit unsinnigen Garantien geworben. Die Behörde forderte die Banken auf, dass bei Produktbeschreibungen „im Interesse der Redlichkeit der Garant zu erkennen sein müsse“.

Wenn bei einem Garantiezertifikat von 100-prozentigem Kapitalschutz die Rede sei, die Garantie aber von der ausgebenden Bank selbst stamme, sei dies für Anleger irreführend. Denn ein Zertifikat ist nichts weiter als eine Anleihe – und die muss üblicherweise voll zurückgezahlt werden. Es sei denn, die Bank geht pleite. Wenn das aber passiert, ist auch ihre Rückzahlungsgarantie nichts mehr wert.

Aigner macht Druck

Der Spruch mit der Garantie ist in der Branche weit verbreitet. Mit ihm arbeitet etwa die Deutsche Bank in ihrer Beschreibung einer Schatzanleihe, die sie herausgibt und deren Schuldnerin sie ist: „Die Schatzanleihe der Deutschen Bank (...) ist zur Fälligkeit zu 100 Prozent kapitalgeschützt.“

Berlin dürfte sich die Praktiken der Banken eine Zeit lang anschauen und, wenn keine Besserung erkennbar wird, notfalls doch noch mit einem Gesetz vorpreschen. „Die Ministerin übt massiven Druck auf die Branche auf. Das hatten ihr viele nicht zugetraut“, sagt Institutsleiter Bockholt. Noch kann Aigner die Keule nicht wieder einpacken.

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