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Finanzpolitik Aktienmarkt: Weitere Tiefschläge befürchtet

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Welche Aktien aus Dax und MDax sehr günstige Kennziffern aufweisen (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken).

Inzwischen ist man schlauer. Mit der laxen Zinspolitik stieg in den USA der Anteil der Gesamtverschuldung am Bruttoinlandsprodukt seit 1969 von 150 Prozent auf aktuell 360 Prozent.

Kreditwachstum an sich ist nichts Schlechtes. Es kurbelt den Konsum und die Investitionen an, lässt Arbeitsplätze entstehen und Börsenkurse steigen. Kreditexzesse führen allerdings dazu, dass Kapital auch dort investiert wird, wo es ökonomisch keinen Sinn macht – so entstanden Anlageblasen wie bei Technologieaktien zur Jahrtausendwende, danach bei US-Immobilien und zuletzt bei Kreditderivaten. Allein dieser Markt pumpte sich in den vergangenen Jahren auf bis zu 62.000 Milliarden Dollar auf – das reale Wirtschaftsprodukt der gesamten Welt ist mit rund 52 000 Milliarden Dollar deutlich niedriger. Alle Wetten aus den Derivaten erreichten Ende 2007 eine Summe von schier unvorstellbaren 596.000 Milliarden Dollar.

Solange Kredite leicht und billig zu haben waren und das Ausland Dollar kaufte, lief das System wie geschmiert. Je größer die Derivateblase, desto geringer war das Risikobewusstsein der Investoren – und desto massiver muss nun der schon lange erwartete Einbruch an den Derivatemärkten und damit auch auf den auf realen Werten basierenden Aktienmärkten ausfallen.

Ernst wurde es, als vom Jahr 2007 an die Schulden nicht mehr bedient werden konnten – in dem Falle diejenigen von US-Immobilienbesitzern ohne Vermögen und mit niedrigem Einkommen.

Auf den Ausbruch der US-Hypothekenkrise im Sommer 2007 reagierte der seit 2006 amtierende Notenbankchef Ben Bernanke ebenso falsch wie sein Vorgänger Greenspan. Er setzte den US-Leitzins in nur sieben Monaten – zwischen September 2007 und April 2008 – von 5,25 auf 2,0 Prozent herab. Die Folgen: Die Rohstoffpreise schossen weiter in die Höhe, und der Dollar schwächte sich weiter ab. Vor allem aber führten die Zinssenkungen dazu, dass sich die Finanzmarktakteure in falscher Sicherheit wähnten: Eigentlich hätten sie mit dem überfälligen Schuldenabbau beginnen müssen. Stattdessen jedoch hebelten die Banken und Hedgefonds die Kreditderivatemärkte weiter nach oben. Erst nachdem der US-Staat bei der Pleite von Lehman Brothers im September nicht mehr eingriff, endete die hemmungslose Spekulation. So sorgten die sinkenden US-Immobilienpreise dafür, dass die Blase platzte. Das Kernproblem aber bleibt – die enormen, über ein Jahrzehnt lang aufgebauten Kredithebel im Finanzsystem.

Negativprognosen für 2009 halten an

Deshalb können auch die Notenbanken trotz Tausender Milliarden Dollar schwerer Finanzspritzen bisher nichts retten – die Probleme sind für die Leitbanker einfach im wahrsten Sinne des Wortes zu groß: Ihnen stehen maximal rund 6.000 Milliarden Dollar zur Verfügung – das aber entspricht nur einem Prozent des gesamten Derivatemarktes. Als letzter Anker werden deshalb nun Schulden der Banken in Staatsschulden gewandelt. Sie bleiben aber Schulden, die Steuerzahler und Wirtschaft über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte hinweg belasten werden.

Deutsche Steuerzahler kennen das seit nunmehr 18 Jahren von ihrer Gehaltsabrechnung: Der Staat packt Monat für Monat 5,5 Prozent auf ihre Steuerschuld drauf – in Form des Soli für den Aufbau Ost, den Altkanzler Helmut Kohl 1991 eingeführt hatte und der die Bürger ursprünglich nur ein Jahr lang belasten sollte.

In den USA lasteten vor dem Nothilfe-Programm für die Banken schon 51.000 Milliarden Dollar an Schulden auf Staat, Verbrauchern und Unternehmen. Letztere müssen im kommenden Jahr 800 Milliarden Dollar mit Krediten refinanzieren – Analysten von Standard & Poor’s bezweifeln in einer aktuellen Studie, dass dies allen Firmen gelingen wird. Einige europäische Länder wie Griechenland, Spanien und Irland sind – gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung – sogar noch stärker überschuldet als die USA. Und Japan arbeitet schon seit Jahrzehnten einen Schuldenberg ab – mit weitreichenden Folgen für die Wirtschaft und den Aktienmarkt.

Vor 20 Jahren platzte dort eine Immobilien- und Aktienblase, die mit billigem Geld und verpfuschten Bilanzen aufgeblasen worden war. Aufgearbeitet ist das Desaster bis heute nicht, wie der Aktienindex Nikkei zeigt. Er notiert derzeit bei unter 10.000 Punkten – 75 Prozent unter seinem Hoch von 1987.

Ähnlich wie Japan könnte es nun auch den anderen Industrienationen ergehen: Es droht über Jahre hinweg ein steter Werteverfall. Längst sind – bis auf Gold – weltweit alle Vermögensklassen in den Abwärtssog geraten. Im schlimmsten Fall droht eine Depression. Schon jetzt überbieten sich Wirtschaftsauguren mit Negativprognosen für 2009. Sie verweisen dabei auf die Große Depression in den Dreißigerjahren, der zwischen 1921 und 1929 ähnliche Kreditexzesse vorangingen.

„Was jetzt am Ende dabei herauskommt – Wachstumsdelle, Depression oder Rezession – steht noch in den Sternen. Aber am wahrscheinlichsten dürfte eine lange Phase schwachen Wachstums wie in Japan seit 1990 sein“, sagt Asset Manager Gerald Blank, Chef und Gründer des Münchner Hedgefonds Blank Asset Management. Auch Jim Rogers, Geschäftsführer der Investmentfirma Rogers Holdings, glaubt nicht an eine Aktienrally, nur weil die Angst vor dem Finanzkollaps wieder verflogen sein könnte. Im Gegenteil. „Wir werden in den USA ein verlorenes Jahrzehnt haben, wie in Japan während der Neunzigerjahre“, sagt der 66-Jährige.

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