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Finanzpolitik Aktienmarkt: Weitere Tiefschläge befürchtet

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Investoren haben in den vergangenen Wochen auch solide Aktien verkauft (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken).

Rogers war einer der wenigen, die vor der Krise mahnten. Zur Investmentlegende stieg er in den Siebzigerjahren an der Seite von George Soros auf. Der von beiden gesteuerte Quantum Fund legte damals binnen zehn Jahren um 4.000 Prozent zu.

Die US-Regierung, wettert er, habe einen Fehler nach dem anderen begangen – mit der Rettung der Banken werde eine dringend notwendige Marktbereinigung verhindert. Die Folge: „Amerika wird die längste und schwerste Rezession seit langer Zeit erleben“, prophezeit Rogers. Das würde für die Kapitalmärkte vor allem zwei Dinge bedeuten: Die Zinsen blieben niedrig – die Aktienkurse aber auch.

Immerhin hat „der radikale Ausverkauf die Aktienmärkte fürs Erste bereinigt“, glaubt Fondsmanager Blank. „Ziemlich viele Marktteilnehmer, die raus wollten, dürften das inzwischen geschafft haben – freiwillig oder unfreiwillig.“ Denn zahlreiche Groß-Investoren steuern ihre Anlagen per Computer. Diese verkaufen Aktien völlig emotionslos, wenn bestimmte Schwellenwerte (Stop-Loss-Kurse) unterschritten werden. Dies erklärt auch die enorme Abwärtsdynamik der Börsen mit der Vernichtung von Aktienwerten in Höhe von 10.000 Milliarden Dollar in nur vier Wochen.

Immerhin: „Das Rettungspaket reicht aus, um den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern“, so Fondsmanager Michael Keppler. Die immer noch niedrigen Aktienkurse wären nur bei einer wirtschaftlichen Depression gerechtfertigt: „Doch davon sind wir weit entfernt.“

Die stark exportabhängigen deutschen Unternehmen dürfte eine lange Durststrecke besonders hart treffen. „Wenn wir fallen, dann fallen wir aus einem recht wackligen Ast sehr viel höher in der Baumkrone als in den letzten großen Abschwüngen 2001 oder 1992“, warnt Tom Weber, Leiter Volkswirtschaft und Marktanalyse beim Bankhaus Wölbern.

Die Globalisierung hatte Deutschlands Maschinenbau-, Chemie-, und Autoindustrie von 2004 bis 2007 vier goldene Jahre beschert. Doch nun droht ein harter Winter. Wichtige Zukunfts-Barometer wie der ifo-Index sind seit Monaten im freien Fall. Der ZEW-Index, der die Geschäftserwartungen misst, fiel vergangene Woche auf den tiefsten Stand seit 1993.

Auf mehrjährige Tiefstände sind auch die Kurse vieler Industriepapiere gefallen – etliche sind deshalb so günstig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. „Das ist entweder heillos übertrieben – oder die Kurse nehmen tatsächlich eine Depression vorweg“, sagt Blank.

Reichen die Kursstürze von RWE, MAN oder Salzgitter also womöglich aus, um auch kommende schlimme Gewinneinbrüche ohne weitere Börsenverluste zu überstehen? Ist der Rezessions-Horror schon in den Kursen drin und dürfen mutige Anleger mit Stehvermögen deshalb schon wieder rein in den Aktienmarkt?

Es gibt auch Hoffnungsanker

In einigen Bereichen könnte der Markt jedenfalls übertrieben haben. „Die Verkaufspanik griff auch auf defensive Qualitätstitel über, etwa auf Total, BASF, Roche oder Sanofi-Aventis“, beobachtet Christoph Riniker, leitender Anlagestratege vom Bankhaus Julius Bär in Zürich. „Wer solche Titel auf lange Sicht an schwachen Tagen kauft, kann vielleicht bei einem neuerlichen Ausverkauf noch mal ein wenig verlieren, aber mit einem Anlagehorizont von mehreren Jahren macht man hier nicht mehr viel falsch.“

Kennzahlen wie etwa das Verhältnis von Kurs zu Gewinn (KGV) seien in wirtschaftlichen Umbruchzeiten wie jetzt allerdings „nicht viel wert, weil sie auf Schätzungen basieren, und Analysten passen sich » in Wendezeiten zu langsam an“, meint Blank. Auch Riniker hält die Gewinn-Schätzungen für 2009 noch für deutlich zu hoch. „An einem extrem niedrigen KGV von etwa fünf für Stahlwerte wie Thyssen oder Arcelor kann man bereits sehen, dass der Markt diesen Schätzungen ohnehin nicht mehr glaubt.“

Riniker rät Anlegern, auf eine geringe Verschuldung, hohe Bar-Bestände, und stabile Mittelzuflüsse (Cash-Flows) zu achten. Zudem sollten sie Industrie- und Konsumpapiere meiden, die in den Vergangenheit für viel Geld große Beteiligungen eingekauft haben: Bei diesen Unternehmen könnten in nächster Zeit massive Abschreibungen anstehen. Im Dax zählen etwa die Deutsche Post oder Continental dazu, im MDax TUI und HeidelbergerCement.

Aber es gibt auch Hoffnungsanker – gerade für Stahlwerte. Da wären zunächst die wichtigsten Schwellenländer, China, Indien und Brasilien. Auch sie werden sich zwar einer weltweiten Rezession nicht entziehen können. Aber inzwischen dürfte die Binnennachfrage in den Schwellenländern auf die Weltkonjunktur stützend wirken. Für China etwa erwartet der Internationale Währungsfonds 2009 noch 9,3 Prozent Wachstum – nach 9,7 Prozent 2008. Freilich: 2007 wuchs die chinesische Wirtschaft noch um über zwölf Prozent. „Das Wachstum in den wichtigsten Schwellenländern ist ausreichend, um die Weltwirtschaft vor einem Kollaps à la 1930 zu bewahren“, folgert Thomas Stolper, Konjunkturexperte bei Goldman Sachs.

Doch was, wenn nicht? „Ich bleibe dabei: Anleger sollten auf jeden Fall weiter ihre Bestände an physischem Gold aufstocken“, rät Investmentguru Faber. Mit Gold, das ist sicher, sind Investoren jedenfalls nicht auf staatliche Nothilfen angewiesen.

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