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Gbureks Geld-Geklimper Aktionäre haben keine Lobby

Geschichte und Struktur des Deutschen Aktieninstituts sprechen dagegen, dass private Aktionäre mit ihm über eine effektive Lobby verfügen könnten. Für andere Anleger- und Wirtschaftsverbände gilt das erst recht.

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Ein Plastikbulle im Quelle: dpa

Der soeben erschienene Jahresbericht 2009 des Deutschen Aktieninstituts (DAI) enthält ganz zum Schluss einen Gag: „Derzeit ruht der Geschäftsbetrieb.“ Die Aussage bezieht sich zwar nicht auf das Institut selbst, sondern auf das früher mit der Telebörse liierte Deutsche Börsenfernsehen, aber das gehört nun mal zu 100 Prozent dem DAI. Eine Schande – zumal allein die vier Institutsgremien (Präsidium, Vorstand, Wissenschaftlicher Beirat und Beirat für ökonomische Bildung) aus sage und schreibe 64 Mitgliedern bestehen, die einen Großteil die Dax-Konzerne repräsentieren und für gesponserte Fernsehauftritte sicherlich die eine oder andere Million aus der Portokasse locker machen dürften.

Nun könnte man meinen, wenn schon der Fernsehsender Bloomberg seinen deutschsprachigen Dienst eingestellt und dessen Konkurrent n-tv gerade noch rechtzeitig bei RTL Unterschlupf gefunden hat, halte die DAI-Schande sich in Grenzen. Doch warum reüssiert dann gerade jetzt ein weiterer Konkurrent, der nichts mit dem DAI zu tun hat und frecherweise auch noch Deutsches Anlegerfernsehen heißt? Eben darum: Nicht Börsen-, sondern Anlegerfernsehen, präsentiert vom fernseherprobten Bernhard Jünemann (früher unter anderem für Telebörse und Bloomberg tätig), gesteuert vom so umstrittenen wie raffinierten Medienkaufmann Bernd Förtsch.

Mündige Anleger müssen selbst entscheiden

Anleger haben keine Lobby, ja sie können gar keine haben, weil sie in allen Geldangelegenheiten individuell planen und entscheiden müssen. Das ergibt sich zwangsläufig daraus, dass sie ihr Geld mal hier, mal da und mit unterschiedlichen Motiven anlegen: auf Tages- und Festgeldkonten, in Aktien, Anleihen, Bausparverträgen, Fonds, Zertifikaten, Immobilien, Lebensversicherungen und/oder Edelmetallen, kurz- oder langfristig, konservativ oder spekulativ, als Sicherheitspolster, zum Vermögensaufbau, für ein zweites und drittes Einkommen, zur Altersvorsorge oder zur Absicherung der Familie. Wer kann ihnen dabei allumfassend wirklich helfen, außer sie helfen sich selbst? Niemand.

So gesehen, müsste ihre Lobby aus einem schlagkräftigen Verband mit dem Ziel der Optimierung aller hier genannten privaten Geldanlagen bestehen. Einen solchen Verband gibt es nicht und wird es nie geben. „Ein mündiger Bürger müsste sich selbst mit dem Thema beschäftigen“, sagt DAI-Präsident Karlheinz Hornung. Das gilt allein schon für den Umgang mit Aktien, für das Vorhalten  von ausreichender Liquidität und erst recht für die hohe Kunst des rechtzeitigen Wechsels von einer Anlage in die nächste.

Manfred Gburek

Haben wenigstens Aktionäre eine Lobby? Mit Blick auf die lange Geschichte des DAI und auf seine heutigen Aktivitäten kommen Zweifel auf. 1953 als Arbeitskreis zur Förderung der Aktie gegründet und später in Arbeitskreis Aktie umbenannt, vertrat das DAI natürlich immer primär die Interessen seiner Mitglieder. Zu diesen gehörten zuletzt 123 ordentliche und 73 außerordentliche Firmen- und 82 Einzelmitglieder. Laut Hornung zielt das DAI darauf ab, „die Rahmenbedingungen der Kapitalmärkte so zu gestalten, dass die Attraktivität der Aktie als Anlage- und Finanzierungsinstrument verbessert und die Kapitalaufnahme der Unternehmen erleichtert wird“. Zu diesem Zweck gab man 2009 unter anderem 22 Stellungnahmen und Anmerkungen zu Gesetz-, Richtlinien- und sonstigen Entwürfen ab.

Und wie steht es um private Aktionäre? Nicht gerade gut, wie ein Blick zurück ins Jahr 2008 zeigt: Wegen der Finanzkrise und der purzelnden Aktienkurse ohnehin schon bedient, mussten sie danach auch noch die Kröte namens Abgeltungsteuer schlucken. Das heißt, falls sie ihre Aktien bis Ende 2008 krisenbedingt verkauft hatten und ab 2009 neu in Aktien eingestiegen sind, müssen sie – und dementsprechend auch andere Neueinsteiger - jetzt auf Kursgewinne aus den seitdem gekauften Aktien (ebenso aus anderen Wertpapieren) 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Soli und bei Konfessionszugehörigkeit obendrein noch Kirchensteuer zahlen, macht zusammen rund 28 Prozent. Hornungs folgende Aussage klingt da wie das Eingeständnis einer Niederlage: „Wir haben die Abgeltungsteuer als Konzept immer unterstützt, uns aber zugleich gegen ihre konkrete Ausgestaltung im deutschen Steuersystem gewehrt.“ Vergebens, und das womöglich für immer.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die meisten Politiker nicht über die erforderliche Wirtschaftskompetenz verfügen, wie die Frankfurter Steuerprofessorin Luise Hölscher ermittelt hat. Und Hessens Ministerpräsident Roland Koch ergänzt diese Kritik mit der klaren Aussage: „Politik ist zum Schluss keine rationale Veranstaltung.“ Ob sich das schon bis zu den höchsten Stellen der Wirtschaftsverbände herumgesprochen hat? Wohl kaum, sonst würden sie bei Gesetzesinitiativen, Anhörungen und beim Geplänkel bis zur Verabschiedung von Gesetzen viel geballter auftreten.

Wirtschaftskompetenz von Politikern: überwiegend Fehlanzeige

Tun sie aber nicht, denn es gibt kaum Interessen, die sie miteinander verbinden. Oder etwa doch? Zum Beispiel die des DAI mit dem Fondsverband BVI? Höchstens im Hinblick auf die Abgeltungsteuer in neuem Gewand, aber die ist nun mal im alten Gewand da. Oder mit den Interessen des Deutschen Derivate Verbands? Geht nicht, mokiert sich der geschäftsführende DAI-Vorstand Rüdiger von Rosen doch allzu deutlich über die Provisionssätze beim Handel mit Zertifikaten. Vielleicht mit den Ideen des Bankenverbands? Viel zu weit auseinander, seit Banker zu Verkäufern von Anlageprodukten mutiert sind. Vielleicht mit der einen oder anderen Initiative von Aktionärsvereinigungen wie DSW und SdK, wenn die sich mal wieder dazu entschließen sollten? „Kooperation nicht steigerbar“, antwortet von Rosen vieldeutig. Fazit für Anleger: Lobby vergessen, selbst über Geld nachdenken und nur danach handeln.

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