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Gbureks Geld-Geklimper

Anlegermessen: Börse, Bier und Bullenreiten

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Wer das richtige Gefühl für den Umgang mit Geld, für das Timing von Aktien und die Börsenpsychologie bekommen will, sollte Anlegermessen besuchen. Aber bitte nur mit einer kritischen Einstellung.

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Invest-Messe in Stuttgart 2009

Anlegermessen finden nach einem bestimmten Ritual statt: Wenn schon immer mehr Kunden einen großen Bogen um Banken und Sparkassen machen und ihre Geldgeschäfte vorzugsweise am heimischen Rechner abwickeln, dann wollen die Institute sie wenigstens anderswo erreichen. Also werden die Kämpfe um die Gunst neuer und alter Kunden zunehmend auch in Messehallen ausgefochten. Das gilt für die am 23. April beginnende Invest-Messe in Stuttgart, die inzwischen die Internationale Anlegermesse (IAM) in Düsseldorf ausgestochen hat; es gilt auch für die jeweils an verschiedenen Orten stattfindenden Börsentage im Herbst und eigentlich auch für Messen, deren Publikum mal aus einem harten Kern von Profis und Halbprofis bestand, um den sich im Lauf der Jahre eine immer dickere Schale von Laien bildete, wie die auf den Finanzvertrieb ausgerichtete DKM in Dortmund oder Fonds Professionell in Mannheim.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Wer sich am Ende solcher Veranstaltungen, möglicherweise noch unter der Last von prall gefüllten Tüten mit eingesammelten Werbebroschüren, nach dem Sinn des Ganzen fragt, kommt zunächst unwillkürlich ins Grübeln. Da wurde ihm oder ihr gleich dutzendfach die angeblich ideale Geldanlage präsentiert, eingepackt in Fonds, Zertifikate, Versicherungspolicen und sonstige komplizierte Gebilde, die oft nur noch in Kombinationen von Buchstaben daherkommen, wie ETF, ETC oder CFD. Kurvendeuter versuchten vergebens zu begründen, warum sie immer noch nicht reich geworden waren, obwohl sie die Charts von Aktien und Rohstoffen bis auf den letzten Millimeter zu interpretieren wussten. Die Anbieter von Derivaten hatten für jede Börsenphase ein Rolling Discount-, Fallschirm- oder Rainbow-Zertifikat im Köcher, blieben aber die Antwort auf die Frage schuldig, welche Phase denn nun als nächste an die Reihe komme. Und am Abend, bei reichlich fließendem Bier, geriet der bereits vorher in vielen Vorträgen vorherrschende Jahrmarkt der Eitelkeiten zum Treffen von lauter Angebern, deren flotte Sprüche zum größten Teil in viel zu lauter Musik untergingen.

Von der Leit- zur Totenmesse

Solche Szenarien verwandeln sich im Lauf der Jahre immer wieder: von der Aktien- über die Derivate- zur Rohstoff-Show und wieder zurück, flankiert von Vorträgen zur richtigen Versicherung, zu Fragen rund um die Abgeltungsteuer und zum Umgang mit zahlungsfaulen Mietern. Als die IAM noch als Geld-Leitmesse fungierte, präsentierte sich die Deutsche Telekom 1996 als großzügiger Sponsor, und nach vier wilden Börsenjahren war auf der IAM im Jahr 2000 richtig etwas los – einschließlich Bullenreiten, obwohl den ahnungslosen Anlegern damals noch fast drei fürchterliche Bärenjahre bevorstanden. So gesehen fungieren Anlegermessen als prozyklische Indikatoren, was ja nicht zu verachten ist, wenn es gilt, Trends aufzuspüren. Die IAM erinnerte denn auch in den darauf folgenden Jahren eher an eine Totenmesse, und ihr Schwenk zum grünen Geld erwies sich als Flop.

Manfred Gburek

Mit den Themen und Anlageschwerpunkten ändert sich oft auch das Publikum, wobei die Grenze zwischen sogenannten Profis und Laien zunehmend verschwimmt. Das ist ein besonders interessanter Aspekt, weil hier eine Schwachstelle des deutschen Bankensystems erkennbar wird: Die traditionellen Anlageberater, die früher nach der Lektüre der Frankfurter Börsenbriefe oder der Actien-Börse mit ihren Kunden am Tresen Aktientipps ausgetauscht hatten, wurden seit den 80er Jahren in den vorzeitigen Ruhestand geschickt und durch andere ersetzt, die Fonds und Zertifikate verkaufen sollten. Doch der Erfolg dieser Aktion blieb bescheiden, denn die besten Verkäufer von Anlageprodukten hatten längst bei Finanzvertrieben wie DVAG, AWD oder MLP angedockt.

Für Banken und Sparkassen kommt es dick

Bis heute sind die vermeintlichen Anlagelaien längst zu Hobbyanlegern geworden, denen die als Anlageberater verkappten Verkäufer der Banken und Sparkassen in puncto Aktien kaum noch etwas vormachen können. Ist ja auch logisch: Wer sein Soll an verkauften Fonds und Zertifikaten erfüllen muss, hat keine Zeit mehr, um sich auch noch intensiv mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen oder Chartformationen von Aktien zu beschäftigen. Für Banken und Sparkassen kommt es sogar noch viel dicker: Viele ihrer fähigen Vermögensverwalter und Analysten sehen nicht mehr ein, warum sie eingezwängt in Hierarchien Jobs verrichten sollen, die ihren Arbeitgebern zwar hohe Provisionen bringen, aber den Kunden zum Teil sehr hohe Verluste bescheren. Also gründen die Mutigen unter den Fähigen ihre eigenen Vermögensverwaltungen oder – wenn es hoch kommt – Family Offices mit finanzieller Rundumversorgung und nehmen gleich ihre besten Kunden mit. Nicht von ungefähr führen die so entstandenen Vermögensverwaltungen immer häufiger die Hitlisten von Prüfinstanzen wie First Five an. Derweil schmücken sich die gegen sie konkurrierenden Fondsgesellschaften der Finanzkonzerne mit fragwürdigen Auszeichnungen, deren Bedeutung mit wachsender Zahl immer mehr abnimmt.

Zwei positive Ergebnisse

Wer im Bewusstsein solcher Zusammenhänge und mit der entsprechenden kritischen Einstellung Anlegermessen besucht, kann viel dazulernen – vor allem dann, wenn er oder sie die aufgeschnappten Aussagen von Referenten und Gesprächspartnern sowie die eigenen Beobachtungen notiert und sie ein Jahr später mit der tatsächlichen Entwicklung vergleicht. Ein Ergebnis dieser Übung dürfte auf jeden in der zunehmenden Distanz zu denen bestehen, die sich als Profis geben, aber in Wahrheit zu Opfern der Schwächen im deutschen Bankensystem geworden sind, nämlich lieber schlecht zu verkaufen als gut zu beraten. Und ein anderes Ergebnis: neue Erkenntnisse durch viel Zuhören und noch mehr Kommunikation. Insofern kann dann sogar das reichlich fließende Bier auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten sein Gutes haben.

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