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Gbureks Geld-Geklimper

Der Staat spekuliert gegen seine Bürger

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Hungerkatastrophe in Somalia Quelle: dapd

Die Erkenntnis daraus: Soll es nicht zu Bürgerkriegen kommen, ist die Umverteilung unausweichlich. Zum einen vertikal, zum anderen horizontal. Das heißt: in erster Linie von den Reichen zu den Armen innerhalb eines Landes und von den reichen zu den armen Ländern, etwa innerhalb des Euro-Raums. Ob dann Vermögensmilliardäre oder Einkommensmillionäre oder beide Gruppen, ob nur private Reichtümer oder auch Firmenvermögen angezapft werden, hängt ebenso von den später vorherrschenden politischen Strömungen ab wie das Spektrum der Begünstigten, von Arbeitern und Angestellten über Schüler und Studenten bis zu Rentnern und Migranten. Eines steht indes fest: Entsprechend der politisch-opportunistischen Logik wird es sich allemal um das jeweils größte Wählerpotenzial handeln.

Bürger werden ausgeschaltet

Wetten gegen die Bürger

Interessant verspricht die Antwort auf die Frage zu werden, wann mit der Umverteilung zu rechnen sei. Hier bringt Sloterdijk einen Aspekt ins Spiel, der bis zur Geschichte der Antike zurückverfolgt werden kann: Brot und Spiele, wie sie aus dem alten Rom überliefert und in zahlreichen sogenannten Sandalenfilmen festgehalten sind. „Westliche Regierungen wetten darauf, dass ihre Bürger weiter in die Unterhaltung ausweichen werden; die östlichen wetten auf die unverwüstliche Wirksamkeit offener Repression“, sagt der Philosoph voraus – mit der Folge: „Die Zukunft wird bestimmt sein vom Wettbewerb zwischen dem euro-amerikanischen und dem chinesischen Modus der Bürgerausschaltung.“

Konzentrieren wir uns auf den euro-amerikanischen Modus. Während in den USA die Endspiele um den Basketball- und American Football-Titel die Massen in den Bann ziehen, sorgen in Europa und speziell in Deutschland die Fußballspiele bis zum Champions League-Finale und die Formel 1-Rennen für denselben Effekt. Typisch ist der Bogen zur Politik: Hat die deutsche Fußballnationalmannschaft ein wichtiges Spiel oder Sebastian Vettel vorzeitig die Formel 1 gewonnen, ist Kanzlerin Angela Merkel sich nicht zu schade, halbnackte Kicker vor Ort zu beglückwünschen oder in Abwesenheit vom Renngeschehen zugunsten von Vettel wenigstens eine Rede zu unterbrechen.

Die Bank gewinnt immer - das war einmal

Drohen die Wettbewerbe nicht mehr genug Menschen anzuziehen, werden schnell neue erfunden, wobei sich das Fernsehen, öffentlich-rechtliche Sender inbegriffen, mit immer schlimmeren Quiz- und Prol-Sendungen besonders negativ hervortut. Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur Verführung von Anlegern durch Banken mittels Glücksspiel, geschickt verpackt als Trading mit Zertifikaten und Optionsscheinen, CFD, ETC und wie die Verführungsköder sonst noch heißen mögen. Sozusagen Brot und Spiele unter neuen Bedingungen: Die Bank gewinnt immer, so scheint es jedenfalls, den Anlegern bleiben Brotkrumen, wie im Casino – was dem Begriff „Casino-Kapitalismus“ eine neue Note verleiht.

Doch diesem Spiel zeigen nun ausgerechnet Politiker die Grenzen auf: Indem sie mit dem augenscheinlich positiv besetzten Begriff „Rekapitalisierung“ nicht weniger wollen, als möglichst alle Banken zu verstaatlichen. Damit schließt sich der Kreis zu Sloterdijks Warnung vor der Spekulation der Staaten auf die Passivität ihrer Bürger. Der Philosoph bezeichnet sie als „die gefährlichste der Spekulationen“, an deren Ende „neue Architekturen der politischen Teilhabe entstehen“. Mit einem Wort: Umverteilung. Bevor es dazu in großem Stil kommt, sind Anleger gut beraten, über die Streuung ihres Vermögens hinaus einen erklecklichen Teil davon ins Ausland zu verlagern.

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