WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Gbureks Geld-Geklimper

Der Staat spekuliert gegen seine Bürger

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Jeden Tag ein neuer Vorschlag zur Rettung der Welt, zumindest aber der EU und des Euros. Brot und Spiele, im alten Rom zur Befriedung der Massen eingesetzt, funktioniert auch im neuen Deutschland. Es gibt viel zu verteilen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Inzwischen vergeht kein Tag ohne neue Vorschläge zur Rettung der Welt vor dem finanziellen Kollaps. Danach bemühen die Medien sich ganz schnell, sie zu interpretieren, bevor Politiker und Banker wieder etwas Neues vorschlagen. Erkenntniswert? Tendenz gegen Null. Worum es wirklich geht, hat der Philosoph Peter Sloterdijk schon vor einem Jahr so formuliert: „Die meisten heutigen Staaten spekulieren, durch keine Krise belehrt, auf die Passivität ihrer Bürger.“ Wenn sie sich da mal nicht irren. Denn abgesehen von den Protestmärschen in vielen Ländern belegt allein schon der riesige Erfolg der Piratenpartei in Deutschland, dass es sich um eine Fehlspekulation handelt.

Noch friedliche Proteste

Wie die Passivität enden dürfte, dazu hat der Philosoph denn auch gleich die passende Antwort: „Dergleichen Spekulationen werden früher oder später zerplatzen.“ In Athen zerplatzen sie bereits vollständig, in Berlin erst zum Teil, hier weniger durch die Protestmärsche gegen Banken und Regierung als durch das wilde Zerstören von Autos und Bahneinrichtungen oder, schlimmer noch, durch Gewalt in S- und U-Bahnhöfen.

In Frankfurt verlaufen die Proteste demgegenüber noch recht friedlich, fast so wie ein Volksfest am idyllischen Mainufer - nur ein Hauch von dem, was die Stadt vor vier Jahrzehnten an Protesten erlebte, als der Revoluzzer und spätere Außenminister Joschka Fischer nebst Genossen für Remmidemmi sorgte.

Protestler sind keine Minderheit

Verfolgt man die jüngere Geschichte, liegen Athen, Berlin und Frankfurt in puncto Gewalt dennoch gar nicht so weit auseinander: 1977 wurde Dresdner Bank-Chef Jürgen Ponto im Frankfurter Vorort Oberursel ermordet, 1989 Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen auf dem Weg zu seinem Frankfurter Büro. Der entscheidende Unterschied: Seinerzeit dominierten RAF-Kommandos, eine von Ideologien geprägte gefährliche Minderheit, die sich auf Ziele in Deutschland konzentrierte. Dagegen lassen sich die jetzt weltweit agierenden Protestler kaum noch als Minderheit abtun. Bei allen Unterschieden zwischen den um ihre Existenz kämpfenden Griechen und der breit angelegten Bewegung „Attac“, zwischen den vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zeltenden Anti-Bankern und der massiven Wellenbewegung „Occupy Wall Street“ in den USA: Zählt man alle zusammen, bilden sie schon die Vorstufe zur Mehrheit.

Hungerkatastrophe in Somalia Quelle: dapd

Die Erkenntnis daraus: Soll es nicht zu Bürgerkriegen kommen, ist die Umverteilung unausweichlich. Zum einen vertikal, zum anderen horizontal. Das heißt: in erster Linie von den Reichen zu den Armen innerhalb eines Landes und von den reichen zu den armen Ländern, etwa innerhalb des Euro-Raums. Ob dann Vermögensmilliardäre oder Einkommensmillionäre oder beide Gruppen, ob nur private Reichtümer oder auch Firmenvermögen angezapft werden, hängt ebenso von den später vorherrschenden politischen Strömungen ab wie das Spektrum der Begünstigten, von Arbeitern und Angestellten über Schüler und Studenten bis zu Rentnern und Migranten. Eines steht indes fest: Entsprechend der politisch-opportunistischen Logik wird es sich allemal um das jeweils größte Wählerpotenzial handeln.

Bürger werden ausgeschaltet

Wetten gegen die Bürger

Interessant verspricht die Antwort auf die Frage zu werden, wann mit der Umverteilung zu rechnen sei. Hier bringt Sloterdijk einen Aspekt ins Spiel, der bis zur Geschichte der Antike zurückverfolgt werden kann: Brot und Spiele, wie sie aus dem alten Rom überliefert und in zahlreichen sogenannten Sandalenfilmen festgehalten sind. „Westliche Regierungen wetten darauf, dass ihre Bürger weiter in die Unterhaltung ausweichen werden; die östlichen wetten auf die unverwüstliche Wirksamkeit offener Repression“, sagt der Philosoph voraus – mit der Folge: „Die Zukunft wird bestimmt sein vom Wettbewerb zwischen dem euro-amerikanischen und dem chinesischen Modus der Bürgerausschaltung.“

Konzentrieren wir uns auf den euro-amerikanischen Modus. Während in den USA die Endspiele um den Basketball- und American Football-Titel die Massen in den Bann ziehen, sorgen in Europa und speziell in Deutschland die Fußballspiele bis zum Champions League-Finale und die Formel 1-Rennen für denselben Effekt. Typisch ist der Bogen zur Politik: Hat die deutsche Fußballnationalmannschaft ein wichtiges Spiel oder Sebastian Vettel vorzeitig die Formel 1 gewonnen, ist Kanzlerin Angela Merkel sich nicht zu schade, halbnackte Kicker vor Ort zu beglückwünschen oder in Abwesenheit vom Renngeschehen zugunsten von Vettel wenigstens eine Rede zu unterbrechen.

Die Bank gewinnt immer - das war einmal

Drohen die Wettbewerbe nicht mehr genug Menschen anzuziehen, werden schnell neue erfunden, wobei sich das Fernsehen, öffentlich-rechtliche Sender inbegriffen, mit immer schlimmeren Quiz- und Prol-Sendungen besonders negativ hervortut. Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur Verführung von Anlegern durch Banken mittels Glücksspiel, geschickt verpackt als Trading mit Zertifikaten und Optionsscheinen, CFD, ETC und wie die Verführungsköder sonst noch heißen mögen. Sozusagen Brot und Spiele unter neuen Bedingungen: Die Bank gewinnt immer, so scheint es jedenfalls, den Anlegern bleiben Brotkrumen, wie im Casino – was dem Begriff „Casino-Kapitalismus“ eine neue Note verleiht.

Doch diesem Spiel zeigen nun ausgerechnet Politiker die Grenzen auf: Indem sie mit dem augenscheinlich positiv besetzten Begriff „Rekapitalisierung“ nicht weniger wollen, als möglichst alle Banken zu verstaatlichen. Damit schließt sich der Kreis zu Sloterdijks Warnung vor der Spekulation der Staaten auf die Passivität ihrer Bürger. Der Philosoph bezeichnet sie als „die gefährlichste der Spekulationen“, an deren Ende „neue Architekturen der politischen Teilhabe entstehen“. Mit einem Wort: Umverteilung. Bevor es dazu in großem Stil kommt, sind Anleger gut beraten, über die Streuung ihres Vermögens hinaus einen erklecklichen Teil davon ins Ausland zu verlagern.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%