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Gbureks Geld-Geklimper

Die Deutschen legen ihr Geld falsch an

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Wer Geld im Gegensatz zur Masse der Bevölkerung richtig anlegen will, muss kopfgesteuert vorgehen – eine schwierige, aber mit viel Disziplin lösbare Aufgabe.

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Manfred Gburek

Seit dieser Woche ist es quasi amtlich: „Das Geldvermögen privater Haushalte ist im Jahr 2010 infolge hoher Zuflüsse und Kursgewinne stark gestiegen und lag am Jahresende bei 4933 Mrd €.“ So der O-Ton der Bundesbank. Überfliegt man die daraus entsprungenen Schlagzeilen mancher Medien, entsteht allzu leicht der Eindruck, die Deutschen seien knapp 5 Billionen Euro reich. Sind sie aber nicht, denn in Wahrheit verfügen sie über viel mehr Geld. Nur ist das zum Beispiel in Immobilien gebunden, deren Wert nach groben Schätzungen noch einmal 5 Billionen Euro ausmacht. Wie viel Geld im Betriebsvermögen steckt, ist kaum abzuschätzen, sicher aber viel mehr als im Geld- und Immobilienvermögen privater Haushalte zusammen. Und schließlich nicht zu vergessen das sonstige Vermögen, von Gold- und Silbermünzen bis zu Antiquitäten und ganzen Gemäldesammlungen.

Auch wenn das private Geldvermögen nur einen kleinen Teil des Gesamtvermögens ausmacht, lohnt sich ein Blick auf seine Struktur und damit auf das Sparverhalten der Deutschen. Denn hier dominieren Konten aller Art und Ansprüche gegen Versicherungen; dahinter folgen Fonds und Anleihen, schließlich Aktien. Der Löwenanteil des privaten Geldvermögens entfällt also auf verschiedene Arten von Forderungen, von denen ein nicht unerheblicher Teil – langfristige Einlagen, Sparbriefe und Ansprüche gegen Versicherungen – für längere Zeit gebunden ist.

Lange Bindung, niedriger Ertrag

Geht es nach den Spielregeln der Kapitalmärkte, steigen die Renditen mit der Laufzeit von Anleihen. Wer eine Bundesanleihe mit zehn Jahren Restlaufzeit kauft, erzielt also im Vergleich zu einer Bundesanleihe mit zwei oder drei Jahren Restlaufzeit eine höhere Rendite. Diese Gesetzmäßigkeit wird bei Einlagen und Sparbriefen zum Teil, bei Kapitallebensversicherungen ganz durchbrochen: Wer heute Festgel oder Geld für Sparbriefe zwei Jahre bindet, um höhere Zinsen zu kassieren als auf dem Tagesgeldkonto, kann sich über den Mehrertrag nur so lange freuen, wie das Zinsniveau auf dem aktuellen Stand verharrt oder sogar sinkt. Und wer eine Kapitallebensversicherung abschließt, bindet sich langfristig, ohne zu wissen, welcher Ertrag am Ende herauskommt. Nach den bisherigen Erfahrungen steht der Ertrag in keinem Verhältnis zur langen Wartezeit bis zu drei Jahrzehnten.

Geht man nach der Statistik zum Geldvermögen, legen die Deutschen ihr Geld also falsch an. Doch  sie verfügen ja noch über Immobilien. Oder besser gesagt: Etwa die Hälfte der Deutschen – die Statistiken gehen ein wenig auseinander – besitzt Immobilien an guten oder schlechten Standorten, mit mehr oder weniger Fremdkapital finanziert. Die meisten von diesen Immobilien dürften nur schwer liquidierbar sein, sei es, weil sie nach individuellen Kriterien gebaut oder gekauft wurden, sei es, dass ihre Standorte nicht gerade zu einem Käuferansturm führen. Abgesehen von der Minderzahl leicht liquidierbarer Häuser und Wohnungen dürfte die direkte Geldanlage in Immobilien folglich – wenn schon nicht von Grund auf falsch – zumindest problematisch sein. Für indirekte Immobilienanlagen in Fonds und Aktien gelten andere, in erster Linie spekulative Kriterien.

Die Lösung des Problems

Über das alles in allem falsche, vorwiegend auf Papiergeldanlagen mit starkem langfristigem Schwerpunkt und auf nach individuellen Kriterien erstandene Immobilien ausgerichtete Anlageverhalten der Deutschen wurde schon viel lamentiert. Doch worin besteht die Lösung? Aktien? Wegen Doppelbesteuerung diskriminiert und durch die Abgeltungsteuer seit 2009 stark beschädigt. Fonds? Ob offen oder geschlossen, am meisten verdienen an ihnen die Initiatoren, Banken, Sparkassen und freien Vermittler. Zertifikate? Als Anleihen von Banken nicht vor deren Pleiten geschützt. Edelmetalle? Im Prinzip ja, aber keine Quelle von laufenden Erträgen, sondern nach dem fulminanten Preisanstieg seit 2001 vor allem ultimativer Schutz vor internationaler Schuldenwirtschaft und Geldentwertung.

Ziele definieren

Die Lösung kann, so viel steht fest, nur aus einem Postulat bestehen, wie ich es an dieser Stelle schon mehrfach empfohlen habe: Eigenen Finanzstatus erstellen, individuelle Ziele definieren, den Lebenszyklus beachten (zum Beispiel im jungen Alter viele Chancen wahrnehmen und größere Risiken eingehen als nach der Familiengründung), zwar fachlichen Rat einholen, aber über alle Geldanlagen selbst entscheiden, immer das Timing beachten, das Vermögen nach individuellen Kriterien streuen und eine eiserne Reserve vorhalten, die aus Tagesgeld auf zwei bis drei Konten, aus Bargeld zu Hause, gängigen Goldbarren, Gold- und Silbermünzen, einem ordentlichen Lebensmittelvorrat – und aus soliden persönlichen Beziehungen bestehen sollte, idealerweise familiären, freundschaftlichen, beruflichen und möglichst auch internationalen.

Das alles muss aus dem Kopf gesteuert werden und kostet in der Regel noch viel mehr Überwindung als der kopfgesteuerte Zwang zum sportlichen Ausgleich oder zur Einhaltung einer Diät. Den meisten Menschen mangelt es zwar nicht an der dafür erforderlichen Motivation, aber die dauerhafte Realisierung fällt ihnen schwer. Insofern ist die eingangs zitierte Statistik zum Geldvermögen privater Haushalte ein Spiegelbild dieses Phänomens: Das Geld fließt phantasielos und mit einem viel zu großen Schwerpunkt bei langfristigen Anlagen in Finanzprodukte, die relativ niedrige Erträge abwerfen.

Persönliche Netzwerke

Zum Schluss noch einige Anmerkungen zu den verschiedenen persönlichen Beziehungen. Die Welt bei uns und um uns herum wird immer gefährlicher; das haben zunehmende Überfälle auf Fahrgäste, Straßenschlachten in den Metropolen, fast täglich neue Hackerangriffe im Internet, Plünderungen von Bankonten, zuletzt nochmals stark gestiegene Zahlen der Wohnungseinbrüche und Autodiebstähle gezeigt. Die zunehmende Kriminalität liegt ganz wesentlich im sozialen Gefälle begründet, das durch die jetzt stark wachsende Zuwanderung aus ärmeren Ländern noch viel größer wird. Mögen Vorsichtsmaßnahmen gegen Überfälle und andere Delikte noch so ausgefeilt sein, ohne persönliche Netzwerke reicht der Schutz nicht aus.  

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