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Gbureks Geld-Geklimper

Die Schuldenkrise treibt den Goldpreis

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die USA werden ihr Schuldenproblem in Zukunft ebenso wie die Euro-Länder vor sich her schieben. Das lässt den Goldpreis weiter steigen.

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Manfred Gburek

Das Gerangel um die amerikanische Schuldenkrise zwischen Demokraten und Republikanern erinnert, oberflächlich betrachtet, zunächst an das Ritual von Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsfunktionären: Am Ende einigt man sich auf einen Kompromiss, den beide Seiten dem Publikum als ihren ureigenen Erfolg verkaufen. Keine Frage, zu einem Kompromiss wird es auch in diesem Fall kommen. Doch hier geht es nicht nur um Tarife für irgendeine Minderheit von Arbeitnehmern, sondern letzten Endes um den Wert der Weltwährung Nummer eins, und damit entfaltet das Ergebnis des Rituals eine weltweite Wirkung.

Auf welche Weise, ist an der Entwicklung der Märkte klar zu erkennen: Der Dollar verliert gegenüber dem Euro an Wert, obwohl der immer noch mitten in der sattsam bekannten Krise steckt, was wiederum an dessen Wertverlust im Vergleich zum Schweizer Franken abgelesen werden kann. Währenddessen steigt der Goldpreis in so gut wie allen Währungen der Welt. Das ist ein klares Misstrauensvotum der Marktteilnehmer gegen Papiergeld generell, zumal der Preisanstieg des Edelmetalls in relativ ruhigen Bahnen vonstatten geht – ein klares Indiz dafür, dass der schon seit mehr als zehn Jahren anhaltende Aufwärtstrend weiterhin als nachhaltig gelten kann. Geht man den Dingen auf den Grund, tun sich wahre Abgründe auf. Beispiel US-Anleihen, von denen ein Großteil China gehört, was ihre Bewertung jenseits von Schuldengrenze und Noten der Rating-Agenturen zusätzlich erschwert: Sie rentieren bei zehn Jahren Laufzeit nur zu rund 3 Prozent - zehnjährige deutsche Bundesanleihen pendeln um 2,8 Prozent.

Angeschlagene Währungen

Bereits die offizielle US-Inflationsrate ist höher, die unter realistischen Annahmen errechnete Inflationsrate liegt sogar weit darüber; die Spreizung ergibt sich aus der sogenannten hedonischen Berechnungsweise der Erstgenannten. US-Anleihen werden von der amerikanischen Notenbank Fed künstlich gestützt, das Verfahren dazu heißt verniedlichend Quantitative Easing. Dafür zuvorderst verantwortlich ist Fed-Chef Ben Bernanke. Ausgerechnet er hat sich zuletzt in seltsame Versprechungen und Widersprüche verstrickt. So macht er noch den letzten Rest des Vertrauens in den Dollar kaputt.

Nun ist die aktuelle Krise der US-Währung nicht die erste, und sie wird auch nicht die letzte sein. Sie unterscheidet sich allerdings von den früheren, die nach dem 2. Weltkrieg 1961 (Mark-Aufwertung) begannen und 1971 mit dem Ende der Konvertierbarkeit des Dollars in Gold einen vorläufigen Höhepunkt erreichten, durch die extrem hohe Verschuldung der USA einschließlich Bundesstaaten und dadurch, dass auch Europa in den Schuldensumpf geraten ist. Daraus folgt zum einen, dass ohne China als wichtigstes Gläubigerland der USA nichts mehr geht, und zum anderen, dass kommende Währungskrisen einschließlich der aktuellen im Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten  nach dem 2. Weltkrieg sich nicht mehr primär um das Dollar-Mark- bzw. Dollar-Euro-Verhältnis drehen werden, sondern um einen ganzen Währungskorb.

Daraus wird zunächst zwangsläufig eine ökonomische wie vor allem auch eine politische Machtverschiebung zugunsten der Chinesen erwachsen. Ihr Ausmaß lässt sich zurzeit zwar kaum abschätzen, aber ihre ersten Indizien sind längst erkennbar. Zum Beispiel verfügt China über umgerechnet 2,3 Billionen Euro an Devisenreserven. Um diesen Betrag zu relativieren: Die Euro-Länder haben über 8,6 Billionen Euro an Schulden. Die chinesische Wirtschaft wächst rasant weiter, zuletzt um 9,5 Prozent auf Jahresbasis. Und weder die Regierung noch die Zentralbank des Landes beabsichtigt, die Früchte des Wachstums über den Kauf von US-Staatsanleihen im bisherigen Ausmaß mit den Amerikanern zu teilen.

Warum Gold kaufen?

Keine Frage, China hortet stattdessen Gold. Wie viel genau und welcher Anteil auf quasi staatliche Käufe entfällt, bleibt für externe Beobachter weitgehend im Dunkeln. Die dazu vom World Gold Council, dem von Minenkonzernen dominierten internationalen Branchenverband, bekannt gegebene Statistik sagt nur so viel aus: China besitzt im Juli 2011 offiziell Goldreserven in Höhe von 1054,1 Tonnen, entsprechend 1,6 Prozent der gesamten eigenen Währungsreserven. Damit liegt das Land an sechster Stelle der Goldbesitzer, sofern es um die offiziellen Bestände geht. Zum Vergleich: Die erste Stelle haben die USA mit 8133,5 Tonnen inne, die zweite Stelle Deutschland mit 3401,0 Tonnen. Auch vielen westlichen Beobachtern ist nicht entgangen, wie sehr die chinesische Zentralregierung und die ihr untergeordneten Stellen die eigene Bevölkerung seit nunmehr fast drei Jahren animieren, Gold zu kaufen. Da seitdem nicht nur der Goldpreis, sondern auch die chinesische Inflationsrate gestiegen ist, haben die Chinesen bis zuletzt geradezu ganze Goldhorte angelegt. Aktuell deutet sich noch nichts an, dass dieser Trend abbrechen könnte.

Die Frage, die sich viele – vor allem auch deutsche – Anleger immer wieder stellen: Warum soll ich etwas kaufen, was keine Zinsen bringt, nur im Safe oder sonst wo herumliegt und neben Abschlägen vom Kauf- zum Verkaufspreis auch noch Gebühren, Versicherungsprämien und schlaflose Nächte kostet, weil mit dem Preisanstieg auch die Angst wächst, er könnte abrupt zu Ende gehen? Dazu kommt von den ewigen Warnern, die den Goldpreis seit Beginn seines Anstiegs für überhöht halten, der Hinweis auf das abrupte Ende der Goldhausse im Januar 1980.

Ebenso könnte man indes fragen, warum auf einmal so viele Bundesbürger Immobilien kaufen, um ihr Geld vor der nahenden Inflation zu retten. Die Antwort auf beide Fragen werden die kommenden Jahre geben. Wobei Gold im Vergleich zu Immobilien den unschätzbaren Vorteil hat, internationale Liquidität zu sein, während Immobilien eher der Kategorie nationale Illiquidität angehören, sofern jemand sie in schlechten Zeiten wieder in Bargeld verwandeln will. Wie auch immer, Tatsache ist doch: Die internationale Schuldenkrise hat mit den USA und mit dem Euro-Raum jetzt auch Länder erwischt, die man bisher als die Grundfesten des internationalen Währungssystems bezeichnen konnte. Solange sie anhält, wofür alles spricht, wird der Goldpreis steigen. So einfach kann manchmal die – zugegeben spekulative - Geldanlage sein.

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