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Gbureks Geld-Geklimper

Europa pennt, Amerika drängt, China rennt

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die Politik beeinflusst zunehmend Wirtschaft und Börse – gut für China, schlecht für Europa. Derweil versuchen die USA ihre Probleme auf Europa abzuwälzen.

Manfred Gburek

Zunächst das Wichtigste im Schnelldurchlauf: Die Bonitäts-Herabstufung der USA durch die deutsche Ratingagentur Feri EuroRating verschafft dieser auch international den Durchbruch und eröffnet den Reigen für weitere Herabstufungen – nicht nur der USA – durch das führende Ratingtrio Standard & Poor's, Moody's und Fitch. - Barack Obama hat Angela Merkel Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben, die in eine unkalkulierbare gigantische Neuverschuldung des Bundes münden werden. - Griechenland, Portugal & Co. auf Sparsamkeit zu trimmen, ist ebenso aussichtslos, wie den Föderalismus in Deutschland abzuschaffen. - Allein schon die Ankündigung des Atomausstiegs hat die beiden Stromkonzerne E.On und RWE an der Börse einen zweistelligen Euro-Milliardenbetrag gekostet, den sie sich auf dem Umweg über das Bundesverfassungsgericht zurückholen werden. - Während Deutschland ohne klares Konzept auf grünen Strom setzt, sieht der aktuelle Fünfjahresplan Chinas zusätzlich zu den schon in Betrieb befindlichen 13 Atomkraftwerken 40 weitere vor. - Die Europäische Zentralbank und ihr US-Pendant Fed haben Anleihen gekauft, deren Wert sich über kurz oder lang in nichts auflösen wird, sodass der nächste Schock an den Börsen programmiert ist.

China überholt den Westen

Erst danach werden Aktien wieder kaufenswert sein. Und Anleihen? Ihnen droht die Wertlosigkeit in Etappen. Das wissen am besten die Sammler antiker Wertpapiere. Übrigens offenbart sich den Besuchern  des hypermodernen Shanghai Museums eine Banknote der Deutsch-Asiatischen Bank aus dem Jahr 1907 mit dem seltenen Aufdruck „Wertlos“. Dieses Schicksal blüht in den kommenden Jahren nicht nur Anleihen aus Griechenland oder Portugal.

Apropos China: Die meisten Europäer und Amerikaner stellen sich unter diesem Riesenreich mit 1,3 Milliarden Einwohnern, einer weitgehend funktionsfähigen Infrastruktur und blühenden Wirtschaft immer noch ein Schwellenland vor, das billig produziert, von der Kommunistischen Partei quasi diktatorisch regiert wird und die Menschenrechte verachtet. Dass ein Großteil der westlichen Medien erheblich zu diesem Zerrbild beiträgt und im schlimmsten Fall sogar der Propaganda westlicher Interessengruppen aufsitzt, ist eine Sache. Eine andere, viel ernster zu nehmende Sache ist, dass China gerade dazu übergeht, den Westen in mehrfacher Hinsicht zu überholen – falls das in dem einen oder anderen Bereich, etwa im Bildungssystem, bei der Nutzung regenerativer Energien oder bei der Goldförderung, nicht schon geschehen ist.

1,3 Milliarden Menschen, das bedeutet: Wenn nur ein Bruchteil von ihnen dank des effizienten Bildungssystems demnächst Spitzenpositionen in chinesischen Unternehmen besetzt, drohen diese ihren westlichen Konkurrenten zum Verhängnis zu werden. Das auch deshalb, weil China längst nicht mehr nur billiger Produzent von Textilien oder elektronischen Bauteilen ist. Und weil die Kommunistische Partei Chinas nicht etwa, wie früher in der Sowjetunion und in der DDR üblich, einfach von oben herab unrealistische Pläne vorgibt, sondern auf einer Art Basisdemokratie beruht.

Das heißt, was sie an Plänen vorgibt, wurde vorher in unzähligen Gremien diskutiert und optimiert. In Sachen Menschenrechte halten die Chinesen sich an das Gebot des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy: Frage nicht, was der Staat (die Allgemeinheit) für dich tun kann, sondern was du für die Allgemeinheit leisten kannst. Also individuelle Menschenrechte ja, aber verbunden mit der Verpflichtung, erst einmal kollektive Aufgaben zu erledigen.

Schlagen wir den Bogen nach Europa, so könnte man meinen, vor allem die sprachliche Vielfalt sei hier das entscheidende Hindernis auf dem Weg zu mehr wirtschaftlicher Dynamik. Doch abgesehen davon, dass die englische Sprache sich längst allgemein durchgesetzt hat, fehlt es in Europa an einer überall akzeptierten politischen Führung. Gegenbeispiel China: Dort ist das Sprachengewirr noch viel größer als in Europa und geht so weit, dass Menschen aus Peking oft nichts mehr verstehen, wenn ihre Landsleute aus Shanghai miteinander sprechen. Doch die politische Führung hat Mandarin als offizielle Sprache durchgesetzt; sogar die eigenwilligen Shanghaier müssen sie lernen. Und was das Englische betrifft: In Metropolen, ihrem Umfeld und in touristisch erschlossenen Gebieten findet man kein Schild, das nicht auch englisch beschriftet wäre – in Europa Fehlanzeige.

Hohe Barreserven sind Trumpf

Der Mangel an politischer Führung in Europa ist es, der das Durcheinander beim Versuch zur Bewältigung der Schuldenkrise in Ländern wie Griechenland und Portugal von Mal zu Mal  schlimmer macht. Dass ausgerechnet US-Präsident Obama, dessen Land gerade eine viel schlimmere Schuldenkrise durchsteht als Europa oder der Euro-Raum insgesamt, der deutschen Bundeskanzlerin unter anderem Ratschläge zu mehr militärischen Einsätzen und sogar zur Rettung der europäischen Schuldensünder mit auf den Weg gegeben hat, spricht Bände: Das Schlitzohr aus dem Weißen Haus nutzt das Führungsvakuum des Alten Kontinents eiskalt aus, um eine ihm genehme Politikerin für seine eigenen Ziele zu instrumentalisieren.

Es war noch nie ratsam, in einem solchen Umfeld allzu mutig Risiken bei der Geldanlage einzugehen. Das gilt gleichermaßen für Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe und – zumindest temporär – auch für Gold und Silber. Das heißt, wer mit einem relativ hohen Anteil an Barreserven in die nächste Anlagerunde geht, kann im Zweifel nur gewinnen. Zumal zu erwarten ist, dass die Bundeskanzlerin ihre Rolle in Europa demnächst um die Funktion als Obamas Vollstreckerin ergänzen und damit für noch mehr Unruhe unter den europäischen Partnerländern sorgen wird. Daraus drohen Konflikte zu erwachsen, die sich negativ auch auf die Kurse von Aktien und Anleihen auswirken werden. Ein Liquiditäts-GAU wie im Herbst 2008, als alle Anlagen nach unten mitgerissen wurden, ist jedoch nicht zu erwarten. Denn wie Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Fed, erst vor wenigen Tagen ankündigte, wird er die lockere Geldpolitik fortsetzen. Die Europäische Zentralbank wird nicht auf Dauer dagegenrudern können.

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