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Gbureks Geld-Geklimper

Europas Spaltung wurde mit dem Euro beschlossen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Der Euro bleibt in der Schusslinie - auch der zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler hat damit etwas zu tun. Konsequenz für Anleger: Noch mehr die wichtigsten Wirtschafts- und Börsenindikatoren verfolgen.

Euro-Scheine Quelle: dpa

Eine der bedeutendsten ökonomischen Erkenntnisse der vergangen Zeit lässt sich auf die einprägsame Formel bringen: Der Staat konnte uns nicht vor der Wirtschaftskrise bewahren, also kann er uns erst recht nicht aus ihr herausführen.

Wahrscheinlich sind auch solche Gedanken Horst Köhler durch den Kopf gegangen, als er sein Amt einfach hinschmiss. Der vom "Handelsblatt" plakativ zitierte Unicredit-Chefvolkswirt Marco Annunziata dürfte mit seiner folgenden Bemerkung Recht behalten: „Köhlers unerwarteter Rücktritt ist ein ernster Schlag für Deutschland, für Europa und für den Euro.“ Allerdings anders, als er es wohl gemeint hat, denn genaugenommen liegt Köhlers Schlag schon rund zwei Jahrzehnte zurück.

Der Reihe nach: Die aktuelle Euro-Schwäche bildet nur einen Teil der anhaltenden Wirtschaftskrise ab, aber womöglich den wichtigsten. Grund genug, zwei Männer zu zitieren, die den rund zwei Jahrzehnte zurückliegenden Vertrag von Maastricht, also das für die Euro-Geburt entscheidende Dokument, extrem unterschiedlich interpretierten. Der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel: „Durch den Vertrag von Maastricht ist keine europaweite Umverteilungsmaschinerie angelegt.“ Und Ralf Dahrendorf, der verstorbene Rektor der Universität Oxford: „In Maastricht haben Regierungschefs, die am Ende ihrer Kunst waren und eigentlich keine Zukunft mehr hatten, die Spaltung Europas beschlossen und nicht seine Integration.“

Köhler wird von der Vergangenheit eingeholt

Dass Waigel mit seiner Aussage völlig daneben lag, ist bereits erwiesen. Er hatte Köhler 1990 zum Staatssekretär ernannt. Dieser war seinerzeit nicht nur für die finanzpolitischen Belange im Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung verantwortlich, sondern auch für entscheidende Teile des Vertrags von Maastricht, der die Europäische Währungsunion einleitete und damit die Euro-Grundlage bildete. Man kann sich leicht vorstellen, welche Häme auf Köhler zukäme, würde er als Bundespräsident immer wieder an seine früheren Fehlentscheidungen in der Funktion als Staatssekretär erinnert.

Ob Dahrendorf recht behalten wird, muss zwar erst noch bewiesen werden, zeichnet sich aber nach der mit Ach und Krach zustande gebrachten Hilfe für Griechenland und nach der Herabstufung der Bonität Spaniens durch die Ratingagentur Fitch immer deutlicher ab. Insofern wirkt es geradezu wie ein Wunder, dass der Euro nach anfänglicher Schwäche jahrelang stark sein konnte. Verfolgt man die Entwicklung genauer, zeigte sich die Stärke jedoch vor allem im Vergleich zum US-Dollar. Dieses Währungsverhältnis verfolgen die Marktteilnehmer naturgemäß besonders genau, weil es für die internationalen Geschäftsbeziehungen relevant ist.

Sieht man sich dagegen den Euro im Vergleich zum Gold an, ist nicht einmal vorübergehende Stärke erkennbar. Hier hatten die Marktteilnehmer offenbar das richtige Näschen, indem sie den Euro rechtzeitig abstraften. Anlass dazu hatten sie ja, denn mit der in Maastricht beschlossenen Wirtschafts- und Währungsunion sollte auch eine Sozialunion entstehen. Dieser versuchte Waigel mit dem Dementi der „Umverteilungsmaschinerie“ verbal vorzubeugen. Heute wirken seine Worte von damals wie Hohn.

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