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Gbureks Geld-Geklimper Glücksspiel Trading: Long, short, Geld fort

Wer Lotto spielt, wird automatisch vor Spielsucht gewarnt. Wer dagegen Trading mit Derivaten betreibt, wird von Banken und Brokern zu immer neuen Geldabenteuern verführt.

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Die Lottozahlen des Quelle: dpa

Eine Szene, typisch für die diesjährige Stuttgarter Invest-Messe: auf der einen Seite die Konterfeis von Torwart-Urgestein Oliver Kahn und DWS-Deutschland-Chef Klaus Kaldemorgen vor leerer Bühne, auf der anderen Seite daneben ein Menschenauflauf am Stand von Godmode Trader, einer Firma, die sich „Marktführer TA-basieter Tradingservices in Deutschland“ nennt. Also Langfriststrategie mit DWS-Fonds pfui, Zocken auf Teufel komm raus mit Godmode hui? Dem äußeren Anschein nach zu urteilen ja, jedenfalls was das Interesse der Anlegermasse betrifft. Doch die liegt an der Börse bekanntlich fast immer schief.

Wer Lotto spielt, kennt den Spruch: „Glücksspiel kann süchtig machen“, steht da auf der Quittung, nachdem der Spielschein abgegeben ist. Komisch: Warnungen wie diese schlägt die Finanzbranche in den Wind, obwohl große Teile von ihr das Glücksspiel zum Geschäftsmodell erhoben haben, und das nicht erst seit dem offenen Ausbruch der Griechenland-Krise. Stattdessen Ausflüchte wie der Hinweis auf Stop Loss bei KO-Hebelprodukten oder die Warnung vor dem Totalverlust mit gehebelten CFDs. Volatilität, also die Schwankungsstärke, scheint auf einmal einen hohen Stellenwert zu haben; Banker, Broker und andere Glücksspielverführer  bezeichnen sie sogar als Anlageklasse. Einfach lächerlich. Das ist so, als würde der Arzt einem Patienten mit hohem Blutdruck Kaffee als Beruhigungsmittel verschreiben.

Schnapsidee mit CFD

Stop Loss ist ja nichts anderes als eine gedachte Verlustbegrenzung oder Gewinnabsicherung. Doch wehe, plötzlich brechen die Kurse ein und erholen sich danach wieder ganz schnell: Außer Spesen nichts gewesen, ist dann das Günstigste, was bei diesem Stopp-den-Verlust-Spiel herauskommen kann. Woher soll man auch wissen, in welchem Rhythmus die Börse sich demnächst bewegen wird? Doch genau dieses Wissen wird von den Stop Loss-Fans unterstellt. Einen empirischen Nachweis dazu hat bisher noch niemand erbracht.

CFD steht für Contract for Difference. Das ist ein Derivat, das Aktien, Anleihen, Indizes, Rohstoffe oder sonst was abbildet und mittels Hebel long (als Wette auf einen Kursgewinn) oder short (als Wette auf einen Kursverlust) eingesetzt werden kann. Ein CFD-Anbieter, der immer wieder mit seltsamen Börsenweisheiten Reklame macht, ist CMC Markets. Als Beispiel vergleicht er den Gewinn aus einer Siemens-Aktien-Spekulation mit dem Gewinn aus einem CFD-Spiel bei drei Prozent Margin (Sicherheitsleistung). Ergebnis: magere 2,5 Prozent (Aktien) im Vergleich zu 88,6 Prozent (CFD). Auf so eine Idee, statt Äpfel mit Birnen gleich einen ganzen Apfelbaum mit Birnenschnaps zu vergleichen, muss man erst einmal kommen.

Manfred Gburek

Zur Blütezeit des Neuen Marktes, also vor gerade mal gut einem Jahrzehnt, beherrschten oft Daytrader die Börsenszene, indem sie mit Aktien spielten – so lange, bis der Markt im März 2000 zusammenzubrechen begann und die Daytrader zu armen Leuten machte. Nebbich im Vergleich zum aktuellen CFD-X-press-Call-Put-Spread-Straddle-Spiel im pseudowissenschaftlichen Gewand, das sogar den Griechen zur Ehre gereicht. Denn nach ihren Buchstaben Delta, Gamma, Vega, Theta und Rho wird - zum Beispiel von der Deutschen Bank - eine ganze Kennzahlenmischung benannt, offenbar um den Zockern den Eindruck zu vermitteln, das Auf und Ab von Optionspreisen lasse sich berechnen.

Wer es weniger dick mag, hält sich an Charts, um vom Auf und Ab zu profitieren. Das sind zwar nur Grafiken, die allein vergangene Kurs- und sonstige Bewegungen abbilden; aber immerhin zeigen sie Verhaltensmuster der vergangenen Tage, Wochen und Jahre; daraus lässt sich der eine oder andere Schluss ziehen, mehr nicht. Die Zukunft steht in den Chart-Sternen. Und was machen die Kurvendeuter daraus? Prognosen. Allerdings weniger solche mit Kurszielen, sondern eher welche nach dem Motto: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist: wenn, dann, wenn nicht, dann anders.

Nun müsste man meinen, Börsenspieler sollten sich, wenn sie schon die Finger von Delta & Co. oder von Chartformationen nicht lassen können, damit – selbst schuld - getrost in Richtung Hartz IV verabschieden. Aber so ist das eigentliche Problem längst nicht gelöst. Denn zum einen strotzen die Broschüren von Banken und Brokern und die Vorträge auf Anlegermessen wie der Stuttgarter Invest vor lauter Anweisungen, wie die Börse doch auszutricksen sei.

Auch Zertifikate gehören zum Glücksspiel

Und zum anderen basieren aktuell etwa 400.000 Zertifikate (davon rund 40.000 gehandelt) mit 100 Milliarden Euro Volumen auf Algorithmen (Rechenverfahren), die für fast jede Börsendrehung und -wendung Varianten wie Rolling Discount-, Reverse Express-, Rainbow- oder Fallschirm-Zertifikate vorsehen. Auch bei diesen handelt es sich zu einem großen Teil um Glücksspieleinsätze, weil sie die Zukunft vorwegnehmen, und die steht in den Sternen.

Wie ist zu erklären, dass so viele Börsenspieler dem Trading verfallen sind, obwohl die meisten von ihnen schon den Spruch gehört haben: Hin und her macht Taschen leer? Aus zwei Gründen: Erstens, weil die Geldhäuser das Spiel befeuern, wo sie nur können, und daran viel Geld verdienen. Zweitens siehe Lotto: Glücksspiel kann süchtig machen, und es ist nicht bekannt, dass Banken und Broker zum Entzug raten – im Gegenteil.

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