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Gbureks Geld-Geklimper

TÜV-Siegel ohne Wert

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Hat der TÜV Know-how in Sachen Finanzen? Ernsthafte Zweifel sind angebracht. Leider nicht nur beim TÜV, auch bei anderen Institutionen.

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Ein Mitarbeiter des TÜV Süd Quelle: dpa

Erst die gute Nachricht: Spätestens in fünf Jahren wird Deutschland auf Druck der EU den Beruf des Honorarberaters per Gesetz einführen, wie es ihn zum Beispiel schon in Dänemark und nun auch in den Niederlanden gibt. Dann werden Berater, die ihren Kunden Fonds, Versicherungen oder andere Finanzprodukte empfehlen, für ihre Beratungsleistung – und nicht nach der Höhe des Abschlusses - von den Kunden direkt bezahlt statt – wie heute noch üblich - auf dem Umweg über Provisionen und sonstige Vergütungen. Jetzt die schlechte Nachricht: Der Weg bis dahin wird von harten Lobbykämpfen und irreführenden PR-Kampagnen, von mehreren gut gemeinten, aber schlecht gemachten Gesetzesvorlagen und gottlob auch von Schaden begrenzenden Aufklärungsversuchen geprägt sein.

Täuschungsmanöver

Zu den Aufklärungsversuchen gehört die soeben erschienene Studie mit dem Titel "TÜV-geprüfte Finanzberatung", die vom renommierten Mathematiker Werner Siepe aus Erkrath im Auftrag der drei Unternehmen DVR, TÜG (nicht zu verwechseln mit TÜV) und VERS erstellt wurde. Darin geht der Autor, der unter anderem auch für die Stiftung Warentest tätig ist, mit einigen regionalen TÜVs (vorrangig TÜV Nord und TÜV Süd) nicht gerade zimperlich um. Sein Fazit: „Die TÜV-Siegel sind Verkaufshilfen für Finanzdienstleister. Das Vertrauen von vielen Anlegern, Versicherten und Kreditnehmern wird enttäuscht, wenn sie später erfahren, dass die erteilten TÜV-Siegel eine Qualität vortäuschen, die tatsächlich gar nicht gegeben ist. Sie werden zu spät merken, dass die viel gepriesene Sicherheit des TÜV-Siegels nur ein Marketing-Gag ist.“

Ein Gag zu Lasten vieler Kunden, warum ist so etwas möglich und sogar erlaubt? Die Ursachen sind mannigfach, hier nur ein paar Beispiele: Ausgerechnet der ehemalige SPD-Lenker Franz Müntefering – nicht gerade verdächtig, Anleger ausbeuten zu wollen – forderte als erster Politiker von höchster Stelle den Finanz-TÜV. Damit leistete er dem munteren Finanzsiegel-Treiben der wegen ihrer Verdienste im technischen Bereich allgemein anerkannten privaten Unternehmen mit dem Namen TÜV erst Vorschub. Diese nutzten den Vertrauensvorschuss auf ihre Weise aus, indem sie gegen fünfstellige Beträge Siegel auf Siegel folgen ließen, sich um eindeutige Normen für ihre Bewertungen herumdrückten und Allgemeine Geschäftsbedingungen zu eigenen Gunsten formulierten. Die Kunden der Finanzdienstleister machten vertrauensselig mit. Die meisten von ihnen gehen offenbar bis heute davon aus, dass es sich um Qualitätssiegel handelt – und nehmen in Kauf, dass man sie mittels mehr oder weniger versteckter Provisionen abkassiert.

Honorarberater kontra Verkäufer

DVR-Chef Dieter Olejar macht die Gegenrechnung auf: Für die qualifizierte Beratung einer jungen Familie veranschlagt er 40 Stunden. Angenommen, der Stundensatz betrage ähnlich wie bei einem mittleren Steuerberater oder Rechtsanwalt 150 Euro, dann würde ein auf Honorarbasis arbeitender Finanzberater für seine Leistung 6.000 Euro verlangen. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass die Familie ihn schon im Vorstadium des Beratungsgesprächs, also vor der vertraglichen Unterschrift, erbost über das vermeintliche Wucherhonorar an die frische Luft befördern dürfte.

Manfred Gburek

Ihre angeblich preiswertere, in Wahrheit aber viel teurere Alternative hieße dann: Allfinanzberater, sprich Verkäufer. Dessen Vorschlag bestünde dann wahrscheinlich in einem ganzen Paket von Finanzprodukten,  zusammengesetzt aus einer Kapital- oder fondsgebundenen Lebensversicherung über 300.000 Euro (gesamte Provision: nicht unter 10.000 Euro), aus diversen weiteren Versicherungen (Provision alles in allem mindestens 1.000 Euro), aus einem Bausparvertrag über 100.000 Euro (Provision: 1.000 Euro) und aus einem Fondssparplan (Total Expense Ratio über die ganze Laufzeit: zwei Prozent von 100.000 Euro = 2.000 Euro), macht zusammen 14.000 Euro. Das sind horrende 8.000 Euro mehr als im Fall des Honorarberaters. Angenommen, der Verkäufer, der die Familie zu solchen Angeboten drängt, ist in erster Linie umsatz- und provisionsgetrieben (was seine Bank oder Sparkasse, sein Versicherungskonzern oder Finanzvertrieb ja von ihm verlangt), dürfte obendrein die Produktauswahl – im Gegensatz zu der des Honorarberaters – alles andere als optimal sein. Doch statt ihn an die frische Luft zu befördern, lädt die Familie ihn auch noch zu Kaffee und Kuchen ein, weil sie die versteckten Provisionen nicht ohne Weiteres so schnell entdecken kann.

Ohnmächtige Verbraucherzentralen

Bis die Honorarberatung für Finanzprodukte in Deutschland etabliert ist, werden nicht nur bis zu fünf Jahren für die Ausformulierung des endgültigen Gesetzentwurfs vergehen, sondern auch allerlei bürokratische und organisatorische, ja sogar mentale Hürden zu überwinden sein. So hat die für den Verbraucherschutz zuständige Ministerin Ilse Aigner sich zwar des Provisions- und Beraterthemas angenommen, „aber sie kann nichts durchsetzen“, kritisiert Siepe. Sie arbeitet zwar eng mit der Stiftung Warentest zusammen und gewährt ihr weitere Millionen aus dem Staatssäckel, aber für die Gesetzgebung sind die Ministerien für Justiz, Wirtschaft und gegebenenfalls Finanzen zuständig. Die Stiftung führt zwar so genannte Beratertests durch, aber deren Methodik bleibt umstritten. „Aus unserer fachlichen Sicht liegt die Stiftung Warentest nicht immer richtig“, bemängelt VERS-Chef Hans-Hermann Lüschen. Und nach Ansicht von TÜG-Chef Martin Lindenberg ist es inzwischen sogar zu einer „Täuschung der Verbraucher“ mit Zertifikaten und Qualitätssiegeln gekommen, „die wir nicht länger unwidersprochen hinnehmen wollen“. Was setzen die Verbraucherzentralen dagegen? Zu wenig, denn ihre fähigsten Köpfe wechseln entweder die Seiten, indem sie etwa bei Banken anheuern, oder sie kommen in den relevanten Ministerien unter.

Fazit für Anleger

Solange der Anlegerschutz als qualifizierte Variante des Verbraucherschutzes den TÜVs und anderen in Geldangelegenheiten nicht viel kompetenteren Stellen überlassen bleibt (wie dem Verbraucherschutzministerium oder der Stiftung Warentest), bieten mahnende Einzelkämpfer wie Siepe einen gewissen Schutz vor den gröbsten Fehlern. Und solange es kein umfassendes Anlegerschutzgesetz mit dem Ziel einer vernünftigen Honorarberatung gibt, muss jede(r) die eigenen Finanzen selbst in den Griff bekommen. Das erfordert zwar eine individuelle Planung und umfangreiche Recherchen, von Fall zu Fall auch Informationsgespräche am Banktresen (möglichst ohne direkten Abschluss), aber mangels Alternativen lohnt es sich – noch bis zu fünf Jahren.

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