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Gbureks Geld-Geklimper

Übersicht bewahren an hektischen Märkten

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Bis der Euro gerettet ist, wird noch viel Zeit vergehen. Anleger sollten sich an weitere unruhige Zeiten gewöhnen. Wer Gold oder Franken hat, sollte sich von der Hektik an den Märkten nicht anstecken lassen.

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Manfred Gburek

Da haben die Verfassungsrichter gerade noch die Kurve bekommen, als sie am Mittwoch die deutschen Milliardenhilfen für marode Euro-Länder zwar für verfassungskonform erklärten, aber dem Bundestag für die Zukunft mehr Mitsprache einräumten. Daraus folgt unter anderem, dass gravierende Entscheidungen in Sachen „Euro-Rettung“ demnächst länger auf sich warten lassen – und dass dadurch die Unruhen an den Kapitalmärkten größer statt kleiner werden.

Die Bundeskanzlerin hatte kurz nach der Bekanntgabe der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts Gelegenheit, darauf bereits zu reagieren. Und wie: Die Änderung geltender EU-Verträge sei „kein Tabu“. Richtig. Aber: „Wir müssen in der Euro-Zone enger zusammenarbeiten.“ Was zur Folge hat, dass die „Euro-Rettung“ womöglich auf die ganz lange Bank geschoben wird. Das bedeutet: noch mehr Unruhen an den Kapitalmärkten.

Falls es den Euro nicht mehr gibt.......

Wie gut, dass inzwischen auch Konzernchefs kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, wenn es um die unruhigen Märkte geht. So wie zuletzt Bosch-Chef Franz Fehrenbach vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. „Ich würde als Erstes die Universalbanken abschaffen“, schlug er da vor. Sein Fazit: „Die Börse reflektiert nicht mehr die Realwirtschaft.“ Das heißt: Zumindest die Casinoabteilungen der Universalbanken müssten abgeschafft werden – eine internationale Aufgabe und damit erst viel später realisierbar, also eine weitere Entscheidung auf die lange Bank geschoben und noch mehr Unruhe.

Ein gewichtiges Problem, sagt Fehrenbach, bestehe darin, dass EU und Europäische Währungsunion „viel zu schnell gewachsen“ seien. Auf die Möglichkeit angesprochen, dass die Verweildauer des Euro nur noch begrenzt und die Wiederauferstehung der D-Mark irgendwann Realität sein könnte, hält er eine DM-Aufwertung von 40 Prozent für möglich. Dann würde die deutsche Exportwirtschaft die Konsequenzen tragen, und es käme zu einem tiefen Einbruch der Konjunktur. Fehrenbach: „Darin besteht das eigentliche Risiko.“ Aber tröstlich zu wissen: „Das ist der Politik bewusst.“

Gefundenes Fressen für Banker

Das Bewusstsein der Politik für das Euro-Problem ist eine Sache, die unterschiedliche Interessenlage Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens usw. eine andere. Hinzu kommen Entscheidungsprozesse unter den Euro-Ländern, im Vergleich zu denen das Votum der deutschen Verfassungsrichter für mehr Mitsprache des Bundestags sich fast schon wie ein Kinderspiel ausnimmt. Folglich ist auch von daher keine Beschleunigung der europäischen Integration zu erwarten, eher das Gegenteil. Zumal wichtige EU-Mitglieder, wie England und Schweden, nicht einmal dem Euro-Block angehören.

Unruhige Märkte sind ein gefundenes Fressen für Investmentbanker. Ihnen kommen Kursbewegungen von fünf Prozent und mehr an nur einem Tag geradezu entgegen, weil dann ihre Algo-Trading-Programme erst so richtig zur Höchstform auflaufen. Also können diese Banker kein Interesse daran haben, dass bald Ruhe einkehrt, der Euro gerettet wird oder alle Welt zu produktiveren Tätigkeiten übergeht als zum Börsenspiel. Ganz im Gegenteil, mit immer neuen Derivaten verführen sie zusätzlich private Anleger zum Trading – schließlich muss es an der Börse ja so gut wie immer eine Partei geben, die verliert, während die andere gewinnt. Dass Banker überwiegend zur Partei der Gewinner gehören, ist allein schon daran zu erkennen, dass einige von ihnen ständig neue Gerüchte in die Welt setzen, deren Einfluss auf die Märkte sie dann konsequent für sich ausnutzen.

Die unsichere Lage an den Quelle: dapd

Zurzeit haben die Banker leichtes Spiel, weil sich neben den Aktienkursen auch die Devisen-, Edelmetall- und Rohstoffpreise hektisch entwickeln. Dass die Schweiz einen Versuch unternommen hat, den Franken an den Euro zu binden, dürfte sie ebenso entzücken wie das jüngste Hin und Her des Goldpreises zwischen 1800 und 1900 Dollar. Denn über kurz oder lang wird der Franken gegen den Euro ebenso hektisch nach oben ausbrechen (bzw. der Euro gegen den Franken absacken) wie der Goldpreis gegen den Dollar. Insofern hat das alles für Franken- und Goldbesitzer auch seine guten Seiten: Sie brauchen die vorübergehenden Schwankungen nur auszusitzen, und schon beim nächsten Aufwärtszyklus in wenigen Monaten sind sie nicht nur um eine Erfahrung, sondern auch um den einen oder anderen Tausender bzw. die eine oder andere Million reicher.

Schweizer Franken und Gold bald wieder obenauf

Die langen Entscheidungsprozesse im Euro-Raum und erst recht in der EU, unter anderem bedingt durch ganz unterschiedliche Interessen der Mitgliedsländer, sind quasi Garanten für weitere Unruhen an den Märkten. Und weil es keinen gemeinsamen Nenner zwischen Ländern wie Griechenland, aber auch Italien einerseits und Deutschland anderseits geben kann, wird es immer wieder zu neuen politischen Kompromissen kommen. Nicht zu vergessen solche Beschleuniger der Unruhen wie die USA, deren Schuldenquoten mit denen der maroden Euro-Länder wetteifern, und speziell die Ratingagenturen, deren Analysten hier oder da mal eben den Daumen senken können. Damit bleibt es beim Fazit: Edelmetalle und Schweizer Franken als Profiteure der Schuldenkrise werden ihre Aufwärtstrends unter Schwankungen fortsetzen, während Aktien sich erst noch etwas nach unten auspendeln müssen, bevor sie nach oben durchstarten.

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