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Gbureks Geld-Geklimper Unwissend, gierig, bevormundet

Schulfach Wirtschaft: Schuss in den Ofen: Es wird höchste Zeit, mit Missverständnissen aufzuräumen, die viel Geld kosten können - und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

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Euro-Cent-Münzen in einem Quelle: dpa

Geldwissen. „Was ist die Hauptaufgabe einer Bank?“ „Da zahl' ich mein Geld ein und bekomme eine Karte, mit der ich am Automaten wieder Geld abheben kann.“ „Wie kommt eine Inflation zustande?“ „Keine Ahnung, das kommt irgendwie vom Krieg.“ Warum investiert man in Aktien?“ „Na, um Steuern zu sparen.“ „Was ist der Dax?“ „Eine Krankenversicherung.“

Das und noch mehr zur vermeintlichen Verblödung junger Leute bezüglich Geldwissen war neulich in der Zeitschrift Südseiten zu lesen, sozusagen als Beleg für den unzureichenden Kenntnisstand Heranwachsender im Hinblick auf eine Materie, mit der diese täglich umgehen. Kein Wunder, dass die Lobby der Banken, Sparkassen, Fonds, Versicherer etc. da schon seit langem auf Abhilfe sinnt, um die Wissenslücke mit allerlei Broschüren – sprich: Werbung für eigene Finanzprodukte – zu schließen.

Schulfach Wirtschaft: Schuss in den Ofen

Doch solche Initiativen sind regelmäßig zum Scheitern verurteilt, weil sie bei den Zielpersonen (Schülern, Lehrern, Entscheidern in Kultusministerien) entweder auf Unverständnis stoßen oder sie erst gar nicht erreichen. Das Fach Wirtschaft, speziell Geld, bereits in Schulen zu etablieren, gerät deshalb, wegen der Flut an zum Teil widersprüchlicher Wirtschafts- beziehungsweise Geld-Nachhilfe und weil die Anbieter von so genanntem Lehrmaterial primär ihre Interessen durchdrücken wollen, zum Schuss in den Ofen. Abhilfe: Eltern und Großeltern, Verwandte und Freunde müssen ihr Geldwissen Kindern und Jugendlichen so früh wie möglich zur Verfügung stellen und diese zu Autodidakten in Sachen Geld erziehen.

Wenn Spieler die Aktienkurse manipulieren

Börse. Ende 1999 erreichten US-Technologieaktien traumhafte Kurse, die in den Wochen danach sogar noch weiter stiegen. Ihre Kurs-Gewinn-Verhältnisse erklommen Höhen, die den ganzen Irrsinn der damaligen Börsenentwicklung dokumentierten: Microsoft 72, Oracle 110, Cisco Systems 171, Qualcom 488, Yahoo 1091. Das heißt, Microsoft hätte den damaligen Konzerngewinn 72 Jahre lang erzielen müssen, um den hohen Kurs zu rechtfertigen, und das ohne Abzinsung zukünftiger Gewinne, Yahoo sogar 1091 Jahre lang. Aus der Spekulation war also längst Spiel geworden, und alle spielten mit.

Auch in Deutschland, wo der seinerzeit trick- und erfolgreiche Fondsmanager Kurt Ochner zur Rechtfertigung aberwitzig hoher Aktienkurse gern mit einer seltsamen Kennzahl spielte, mit dem Kurs-Umsatz-Verhältnis. So wunderte sich denn auch kaum jemand, als die Börsianer am 3. März 2000 die Kurse der folgenden Aktien offenbar im Vollrausch und gierig wie selten zuvor an einem einzigen Tag nach oben katapultierten: Lösch um 45 Prozent, Sero um 43 Prozent, SHS um 32 Prozent, Herzog um 28 Prozent usw. Sogar die Betrügerfirma Comroad schaffte an jenem Tag noch ein Plus von 22 Prozent.

Manfred Gburek

Wer heute davon träumt, mit Technologieaktien in voller Breite bald wieder von solchen Exzessen wie seinerzeit in den USA und in Deutschland profitieren zu können, wird wohl noch mindestens zwei Jahrzehnte warten müssen - was aber nicht ausschließt, dass es vorher anderswo zu heftigen Übertreibungen nach oben kommen kann. Kandidaten dafür sind Aktien aus rohstoffreichen Ländern, speziell aus Asien und dort in erster Linie aus China, Gold- und Silberaktien sowie Aktien von der Mehrzahl solcher Unternehmen, die in der Agrarwirtschaft tätig sind. Wie schon unter Geldwissen erwähnt, ist hier wiederum Autodidaktik angebracht, das heißt, die entsprechenden Stichworte bei Google eingeben, und ab geht die Recherche auf eigene Initiative.

Fonds können da von Nutzen sein, aber vor allem indirekt: Indem man zunächst das Stichwort Fonds bei onvista.de in der oberen Leiste anklickt und sich dann auf dem Umweg über Performance-Ranglisten (linke Spalte) und Fondstyp: Branchenfonds die aktuell besten Fonds und unter ihnen wiederum die größten aus der jeweiligen Branche vornimmt. Unter Top-Holdings sind schließlich – wenn auch nicht in allen Fällen - die von ihnen favorisierten Aktien aufgeführt. Mit diesen Aktien sollte man sich intensiv beschäftigen.

Riester und Rürup als Verkaufshelfer

Altersvorsorge. Mit diesem Begriff wird spätestens seit Einführung der Riester-Rente viel Schindluder getrieben, in letzter Zeit jedoch besonders intensiv. Die Botschaft lautet mehr oder weniger direkt: Du musst was fürs Alter tun. Ziemlich direkt, wenn der Fondsverband BVI seine Weisheiten zu geförderten Fondssparplänen und zertifizierten Investmentprodukten unter dem sachlichen Titel Die Riester-Rente mit Investmentfonds verbreitet. Dagegen unverschämt indirekt, wenn Allianz Global Investors, vom Volumen her führendes BVI-Mitglied, seine Altersvorsorge-Werbung bis zur Unkenntlichkeit wie folgt verstümmelt: „Jetzt Rürup gezillmert – mit Fonds!“

Wie auch immer die Botschaften lauten mögen, kommt am Ende doch nur heraus, man solle sich für irgendein kompliziertes Finanzkonstrukt entscheiden. Das ist dann allerdings so kompliziert, dass es angeblich nur nach intensiver Beratung verstanden werden kann – und schon sitzt der/die umworbene Kunde/Kundin in der Falle. Denn Beratung bedeutet in diesem Fall Verkauf; und der wird von den Anbietern in erster Linie nicht etwa forciert, damit die altersvorsorgende Bevölkerung es sich im Alter schön kuschelig machen kann, sondern weil die Kunden so am besten abkassiert werden können – nicht allein mit Riester- und Rürup-Produkten, die allzu oft nur Türöffner für weitere Altersvorsorge-Mixturen sind. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt: Die Renten-Namensgeber Walter Riester und Bert Rürup sind bereits zu Verkaufshelfern geworden.

Der verkaufsfördernde Trick bei Produkten mit dem Etikett Riester oder Rürup besteht ganz einfach in der staatlichen Förderung, auf die deutsche Anleger offenbar besonders gern abfahren. Dabei päppelt der Staat schon längst die gesetzliche Rente auf, als habe er es mit lauter unmündigen Bürgern zu tun, die er allesamt mit seiner Fürsorge bevormunden müsse. Muss er nicht, tut er aber.

Mündige Bürger sind gut beraten, daraus die Konsequenzen zu ziehen: Da die meisten von ihnen gezwungen werden, in die gesetzliche Rente einzuzahlen, sollten sie sich neben diesem Zwangssparen nicht auch noch auf ein vom Staat mit heißer Nadel gestricktes undurchsichtiges Fördersystem des Typs Riester oder Rürup mit später ungewissem Ausgang einlassen. Stattdessen: Vermögen individuell aufbauen, dabei das Timing beachten und nur die notwendigen, je nach Lebensabschnitt variierenden Versicherungen abschließen.

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