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Gbureks Geld-Geklimper

Von echten und unechten Blasen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die nächsten Wochen versprechen an den Rohstoff- und Edelmetallmärkten turbulent zu werden. Einige Überlegungen, wie die Turbulenzen zu überstehen sind.

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Raps-Felder Quelle: obs

Als Jim Rogers, der ewige Rohstoff-Optimist, neulich nach der Dauer des Preisanstiegs seiner Lieblingsinvestitionen gefragt wurde, antwortete er spontan: „Noch weitere zehn Jahre.“ Er fügte zwar gleich hinzu, zwischendurch seien Korrekturen möglich, aber an der Prognose als solcher hielt er fest. Der Mann ist nicht irgendwer, sondern ehemaliger Geschäftspartner des Multimilliardärs George Soros und in seinem Metier ein ausgewiesener Fachmann, der schon in allen Winkeln der Welt recherchiert und dabei zur Fortbewegung am liebsten ein Motorrad benutzt hat.

Exzentriker wie Rogers gehören in diesen Tagen wieder zu den begehrten Gesprächspartnern. Auslöser ist sicher die Zuspitzung der Ölkrise aufgrund der dramatischen Entwicklung in Nordafrika und im Nahen Osten. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum Rohstoffe im Themenspektrum ganz nach vorn rücken: zum Beispiel das anhaltende Wachstum in China, Brasilien, Indien und in einigen anderen Schwellenländern, die Konjunkturerholung in Europa und in den USA, die lange Dauer von der Erschließung bis zur Produktion von Minen, der Lagerabbau bei den Weiterverarbeitern von Metallen und die begrenzten Anbauflächen in der Landwirtschaft.

Schuldenkrise wie noch nie

Moralisierende Kommentatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderswo machen natürlich besonders gern die Spekulanten für den Preisanstieg der Rohstoffe verantwortlich – ohne allerdings erklären zu können, wen sie damit konkret meinen. Geht es um den Preisanstieg an den Zapfsäulen, teilen sich die Spekulanten die Rolle als Buhmänner mit den Bossen der Ölkonzerne. Ist der Zuckerpreis oben, gelten etwa Großgrundbesitzer in Brasilien als die Bösen, die auf ihren Anbauflächen Zuckerrohr für Biosprit statt für die Welternährung anbauen. Sind dagegen die Preise der Agrarrohstoffe im Keller, heißt es, die Bauern in der EU könnten ohne weitere Subventionen nicht über die Runden kommen und den Besitzern von Kakaoplantagen in Ghana müsse geholfen werden.

Alles dummes Zeug. Was wir heute an den Rohstoffmärkten erleben, ist das Zusammentreffen der bereits erwähnten konjunkturellen Impulse und anderen Faktoren mit gigantischen Geldmengen, die noch kein Notenbanker einzudämmen wagt (sieht man von den vergeblichen Versuchen in China ab), und obendrein mit einer internationalen Schuldenkrise, die es in dieser Form und in diesen Ausmaßen noch nie gegeben hat.

Manfred Gburek

Skeptiker sprechen hier gern von Blasen. Doch das haben sie beispielsweise im Hinblick auf den Goldpreis auch schon getan, als der bei 300, 400, 500, 600 Euro und so weiter stand. Irgendwann werden sie recht bekommen – ähnlich den Mahnern, die ständig behaupten, es sei fünf vor zwölf, und damit nur zwei Mal in 24 Stunden richtig liegen. Ohne Frage gibt es allerdings eine Schulden- und damit Anleihenblase. Nur haben die Anleger sich daran gewöhnt, auf die steigenden Preise der Rohstoffe und Edelmetalle zu starren, weil deren Charts schnell auf Knopfdruck verfügbar sind, statt ihre Aufmerksamkeit mehr der Schuldenblase zu widmen, deren Chart derart in die Höhe schießt, dass die Skala die Dimension eines Wolkenkratzers haben müsste.

Es gibt eine Schulden- und Anleihenblase

Das Schlimme an dieser Entwicklung ist, dass sie von Politikern und Notenbankern beschönigt oder sogar ignoriert wird. Dabei signalisieren die im Trend steigenden Preise von so unterschiedlichen Gütern wie Gold, Silber, Erdöl, Kupfer, seltene Erden, Weizen, Soja und anderen nicht allein, dass die Nachfrage gegenüber dem Angebot dominiert, sondern auch, dass der Geldwert im Vergleich zum Güterwert schwindet. Im Zuge eines solchen Trends bedarf es oft nur eines geringen Anstoßes, um die Preise nochmals kräftig in die Höhe schießen zu lassen. Aktuell kommt der Anstoß aus der riesigen Region von Algerien im Westen bis Iran im Osten.

Politische Unruhen haben den Preisen der Rohstoffe und Edelmetalle während der vergangenen Jahrzehnte in der Regel den letzten Kick vor einem längeren Abwärtstrend gegeben, nachdem die Preise schon vorher über einen längeren Zeitraum gestiegen waren. Wird es dieses Mal wieder so kommen? Zweifel sind angebracht. Gewiss, falls der aktuelle Preisauftrieb kurzfristig in einen fast kerzengeraden Anstieg übergehen sollte, wird es Gewinnmitnahmen spekulativ orientierter Anleger geben. Das entspräche zunächst dem Muster vergangener Entwicklungen. Doch danach, tief beeindruckt vom vorübergehenden Preisverfall vor allem der Rohstoffe, dürfte es keine Notenbank der Welt wagen, das bisher in die Märkte gepumpte Geld aus dem Verkehr zu ziehen – die Gefahr, dass daraus ein Konjunktureinbruch entstehen könnte, würde so manchem Notenbanker den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Also wird der Preisreaktion nach unten ein erneuter Preisanstieg folgen.

Anleger haben ein Luxusproblem

Anleger sind also gut beraten, die politischen Unruhen dieses Mal nicht als Auslöser für den ultimativen Preisschub an den Rohstoff- und Edelmetallmärkten zu interpretieren, sondern als Beschleuniger eines Trends, der nur vorübergehend unterbrochen wird, weil niemand Interesse an einem Konjunktureinbruch hat. Im Grunde haben in Rohstoffen und/oder Edelmetallen engagierte Anleger also ein Luxusproblem, indem sie sich fragen, ob es sinnvoll ist, schon jetzt hohe Gewinne mitzunehmen oder zu warten, bis die Preise nach einem Zwischentief neue Gipfel erklimmen – eine Frage, die nur sie selbst aufgrund ihrer persönlichen finanziellen Lage beantworten können. Wer dagegen noch nicht oder nur wenig engagiert ist, sollte im Zweifel erst die nächsten Preisturbulenzen abwarten.

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