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Gbureks Geld-Geklimper

Warum Anleger gerade jetzt auf Nummer sicher gehen sollten

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

„Lehren aus der Finanzmarktkrise“, so lautete das Motto eines Symposiums der öffentlichen Banken am 19. Oktober. Einen Tag später war Quelle endgültig pleite. Hätten die Diskussionsteilnehmer das gewusst, wären sie mit ihren Aussagen wahrscheinlich etwas vorsichtiger gewesen.

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Geldanlage: Anleger sollten Quelle: dpa

So aber hielten sie die Krise zu einem erheblichen Teil für überwunden: der Bochumer Professor Stephan Paul etwa zur Hälfte, BaFin-Präsident Jochen Sanio („Ich bin ein gnadenloser Optimist“) zu über zwei Dritteln und DZ Bank-Chef Wolfgang Kirsch sogar schon zu 70 Prozent. Viel interessanter als diese Zahlenspiele waren indes Zwischenbemerkungen der Art, dass Erfahrungen zur Bewältigung einer Krise fehlen, die das Bruttoinlandsprodukt – wie in diesem Jahr zu erwarten - um mehr als fünf Prozent sinken lässt (Sanio). Oder dass die Krise „durch zu viel Liquidität und zu viel Risiko“ ausgelöst worden sei (Kirsch).

Schaut man sich rechts und links um, ist bereits wieder überreichlich Liquidität zu sehen; sie kam ja zum Einsatz, damit die Welt nicht in Finanzschutt und -asche versinkt. Auch die Bereitschaft, Risiko in Kauf zu nehmen, ist vorhanden; denn sonst wäre kaum zu erklären, warum das amerikanische Börsenbarometer Dow Jones zwischenzeitlich wieder die Marke von 10.000 Punkten übersprungen hat oder warum an der deutschen Börse ausgerechnet Bankaktien besonders stark gestiegen sind.

Es müssen noch 880 Milliarden Dollar abgeschrieben werden

Diese Kursbewegungen stehen in Kontrast zu fundamentalen Daten, die der Internationale Währungsfonds zuletzt veröffentlicht hat, etwa zum Abschreibungsbedarf bis Ende 2010 aufgrund der Krise: USA über 1 Billion Dollar, davon gerade mal 60 Prozent realisiert, Euro-Zone 814 Milliarden Dollar, davon nicht einmal 43 Prozent realisiert.

Erstes Zwischenfazit aufgrund dieser Zahlen: In den USA und in der Euro-Zone müssen noch über 880 Milliarden Dollar abgeschrieben werden; das heißt, es wird weiter zur Geldvernichtung in großem Stil kommen. Mit deren Ende ist erst im Lauf des Jahres 2011 zu rechnen, falls es wie bisher weiter geht. Falls nicht, kann sich die Abschreiberei bis 2012 fortsetzen. Und danach? Schön wär's, wenn dann die Erlösung käme.

Doch das erscheint unrealistisch, weil zum Beispiel 2012 in den USA fünfjährige Kredite in beachtlicher Höhe auslaufen. Die wurden während der Immobilien-Euphorie 2007 von Häuserspekulanten und Projektentwicklern aufgenommen; jetzt verunzieren sie zunehmend die amerikanischen Bankbilanzen, denn ihre Verlängerung wird immer fragwürdiger. Den Banken, die sie gewährt haben, bleibt die Wahl zwischen Pest (Übernahme der Immobilienbestände, verbunden mit erheblicher Aufstockung des Eigenkapitals) und Cholera (hohe Abschreibungen und in vielen Fällen Pleite).

Daraus folgt: In den USA wie auch in der Euro-Zone und speziell in Deutschland ist erst ein Bruchteil der Krise bewältigt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit unter 50 Prozent liegt, weil die größten Probleme noch gelöst werden müssen. Das bedeutet für Anleger, sich weder von zwischenzeitlich gestiegenen Aktienkursen noch von Phantasien mancher Marktteilnehmer blenden zu lassen, die behaupten, der Kursaufschwung signalisiere das baldige Ende der Rezession.

Manfred Gburek

Denn abgesehen von Quelle und ein paar anderen spektakulären Insolvenzen: Eine Rezession mit so wenigen Pleiten, wie Deutschland sie bisher erlebt hat, wäre keine Rezession – gäbe es da nicht die Fünf vor dem Komma beim dramatischen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr. Machen wir uns nichts vor, das Schlimmste steht uns noch bevor.

Zweites Zwischenfazit: Anlegern bleibt keine andere Wahl, als auf Nummer sicher zu gehen. Das heißt zum einen, Kasse (Tages- und Festgeld bei verschiedenen Instituten mit voller Einlagensicherung) vorzuhalten, in Bundesanleihen und anderen Bundespapieren engagiert zu bleiben bzw. in sie zu investieren sowie physisches Gold und Silber (Anlagemünzen und Barren) als ultimativen Schutz vor der Zuspitzung der Krise zu horten. Zum anderen gilt es noch etwas zu beachten, was den meisten Anlegern so direkt nicht bewusst ist: Die langfristige Bindung des angelegten bzw. anzulegenden Geldes vermeiden.

Trügerischer Cost Average-Effekt

Der letzte Punkt lässt sich an zwei Beispielen festmachen: Kapital- oder fondsgebundene Lebensversicherung und Cost Averaging mit Fonds. Beispielsweise bekleckert sich der Versicherungsverband GDV nicht gerade mit Ruhm, wenn er auf seiner Internetseite die „Mischung und Streuung“ der Anlagen von Kapitallebensversicherungen über mehrere Kategorien hervorhebt. Das Gegenteil ist der Fall, denn es handelt sich um eine festverzinsliche Mixtur mit einem bedenklichen Schwerpunkt auf Bankpapieren.

Zu Fondspolicen fällt dem GDV außer viel Blabla noch der Cost Average-Effekt ein, der darauf hinausläuft, dass Anleger bei niedrigen Fondspreisen viele und bei hohen wenige Anteile kaufen. Das ist auch ein beliebtes Argument des Fondverbandes BVI. Der Effekt funktioniert allerdings nur dann zugunsten der Anleger, wenn die Fondspreise die V- oder eine dem V ähnliche Formation bilden. Ist das V dagegen umgedreht, wie etwa in den Jahren 2001 und 2002, verpufft der Effekt, ja er kehrt sich bei Auflösung des Engagements zu einem ungünstigen Zeitpunkt sogar ins Gegenteil um.

Abschließendes Fazit: Wie beschrieben stur auf Nummer sicher gehen und Finger weglassen von langfristigen Anlagen, die Geld für viele Jahre binden! Die Sicherheitsstrategie führt zwar nicht unmittelbar zu sichtbaren Erfolgen, wie das etwa bei gelungenen Aktientransaktionen der Fall ist. Aber die Genugtuung, über einen hohen Bestand an Tages- und Festgeld, leicht liquidierbaren Bundespapieren und Edelmetallen zu verfügen, während die meisten anderen Anlagen Verluste bringen und die Krise in die nächste Phase über geht, wiegt die anfängliche Enttäuschung über möglicherweise hier und da entgangene Gewinne später mehr als auf.

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