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Geld Die schwarze Messe der Geldschöpfung

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Es ist Geld, das der Staat (und die Banken) sich selbst leihen, um die strahlende Zukunft der Menschheit mitten hinein in die Gegenwart zu zaubern – und um exakt die Progression des Sozialprodukts, der Einkommen und der Geschäftsgewinne herbeizuführen, die zur beizeitigen Begleichung der Schulden erforderlich sein werden. Anders gesagt: Die Banken sind keine Zwischenhändler, die Kreditnehmern Geld vermitteln würden, das andere überzählig haben, sondern Schuldfabriken, in denen wie am Fließband Anti-Geld produziert wird. Die Beträge, die die Bank-Werke verlassen, stehen einerseits zur Verfügung – und markieren andererseits eine Verbindlichkeit.

Bis zur Erfindung des modernen Anti-Geldes waren Kredite vor allem Wachstumsbeschleuniger und Wohlstandsmotoren. Im Unterschied zum Kapital, das die Geldquellen der Gegenwart anzapfte, ließen sie Kaufkraft aus einer imaginierten Zukunft fließen. Mit der Investition von Geld, das sie noch nicht besaß und morgen zurückzahlen würde, begrünte die Menschheit das Hier und Heute. Das ging so lange gut, wie die Emission des Anti-Geldes durch Gold hinterlegt und gedeckt war – und Darlehen nicht nur eine verheißungsvolle Zukunft versprachen, sondern auch das Versprechen der Schuldner einschlossen, die vergegenwärtigte Zukunft mit der Realisierung der Geldfiktion (der Tilgung der Schuld) beizeiten einzuholen.

Unerlösbare Schulden

Seit die Zentralbanken jedoch ihre Schulden nicht mehr begleichen (in Gold einlösen) müssen, seit sie den Geschäftsbanken unbegrenzt viel Geld zur Verfügung stellen können und die Geschäftsbanken immer weniger (Eigen-)Kapital vorhalten müssen, um ihrerseits frisches Anti-Geld zu schöpfen, dreht sich die Schuldenspirale mit beängstigender Zwangsläufigkeit ins Unendliche. Seither beruht die moderne Geldwirtschaft auf der infiniten Fabrikation von Anti-Geld und auf seiner permanenten Verzeitlichung, auf der ständigen Vermehrung ins Unendliche verlängerbarer, ewiger Schulden – und auf der zunehmend heiklen Stabilisierung dieses unerlösbaren Schuldzusammenhangs.

Die Trennung des Geldes von seinem Wertstoff Gold ist daher nicht nur das Geburtsdatum der modernen Geldkonfession, sondern auch der Nukleus der gegenwärtigen Banken- und Schuldenkrisen. Weil die Produktivitätszuwächse in reifen Volkswirtschaften notwendig immer geringer ausfallen und die Rentenansprüche einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung die Wohlstandszuwächse von morgen verlässlich aufzehren, müssen die wachsenden Kreditrückstände an den Kapitalmärkten gewissermaßen künstlich eingeholt werden, das heißt: mit „innovativen Finanzprodukten“, die das Geld von den Fesseln der Realwirtschaft, auf die es eigentlich bezogen ist, möglichst vollständig löst – und die immer innovativer werden müssen, um das zunehmend labile Perpetuum mobile der aneinandergeketteten Kreditfiktionen noch ausbalancieren zu können.

Die Aufgabe von modernen Kapitalmärkten besteht daher nicht wie ehedem darin, der Wirtschaft als ihr Seismograf übersich selbst Auskunft zu verleihen, sondern darin, dass das Geld sich in ihnen möglichst unbegrenzt vermehren kann. Die Börsen sind kein Markt der Märkte mehr, in denen die Wirtschaft sich selbst den Puls fühlt, sondern eine Geldmaschine, die darauf programmiert ist, alle Verbindungsreste zur schwach wachsenden Realwirtschaft zu kappen. Die „Entkopplung“ der Finanzmärkte ist unbedingt gewollt, ja: zwingende Voraussetzung dafür, dass das Wohlstandsversprechen überhaupt noch einigermaßen aufrechterhalten werden kann. Lebensversicherer, die ihren Anlegern in wachstumsreligiösen Niedrigzinsländern viereinhalb Prozent Rendite garantieren und mit Tagesgeldern und Schatzbriefen notwendig Verluste erwirtschaften, müssen sich mit B-Papieren mäßig beleumundeter Verschuldungsstaaten (etwa griechischen Staatsanleihen) eindecken – oder gleich auf Kreditausfälle, Währungsschwankungen und Staatsbankrotte wetten.

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