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Geld Die schwarze Messe der Geldschöpfung

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Glaube an Geld, Kredit und den Staat, der grenzenlos Geld produziert Quelle: Illustration: Wieslaw Smetek für WirtschaftsWoche

Politiker, Finanzmarktakteure und Wohlstandsbürger – sie alle huldigen der wundersamen Geldvermehrung an den Finanzmärkten wie einer monetären Befreiungstheologie; ihnen allen verheißt das goldgelöste Geld den Eintritt ins Scheinparadies der Pumpwirtschaft. Alles bläht und bläst sich auf in dieser Pumpwirtschaft, alles treibt und übertreibt: Arbeitnehmer rechnen mit dauerndem Erfolg auf dem Arbeitsmarkt und ständig steigenden Einkommen, Hauskäufer blicken einem permanenten Immobilienboom entgegen, umlagefinanzierte Rentner verlassen sich auf Lendenkraft und Storchensegen ihrer Enkel.

Sie alle sind an der Wahlurne damit beschäftigt, dem Geld sozusagen politikliturgisch das Mandat zur Stabilisierung ihres säkularreligiösen Prosperitätsglaubens zu erteilen – und die Partei zu wählen, die vorgibt, es besonders reichlich reproduzieren zu können. Es überrascht daher kaum, dass wir in Parlamenten unentwegt monetärmissionarischen Laienpriestern begegnen, die uns die schwarze Messe der wundersamen Geldvermehrung lesen – und die frohe Botschaft verbreiten, Geld sei auch als Anti-Geld, als Kredit und Schuld, als verzeitlichtes Versprechen, das längst nicht mehr gehalten werden kann, nur Investition und Gewinn und Nutzen und Ertrag.

Eine sich selbst in gang haltende Gelddruckmaschine

Das Einzige, was die Geldkonfessionsgemeinde zur Stabilisierung ihres Glaubens braucht, ist eine Finanzindustrie, die die magische Selbstreferenz des Geldes zu ihrer Geschäftsgrundlage erklärt – und die die von ihr behauptete These von der Reproduzierbarkeit des Geldes laufend kommuniziert. Drei Jahrzehnte lang hat eine ostentativ unbeaufsichtigte Branche den natürlichen Weg des Geldes vom investierten Kapital hin zu seinem Mehrwert abgekürzt – und dabei sich (dem Geld und uns) den lästigen Umweg über Arbeit, Produktion und Warentausch erspart.

Die Entkopplung der Finanzmärkte war der prachtvoll geglückte Versuch, eine sich selbst in Gang haltende Gelddruckmaschine zu erfinden: Der monetäre Stein der Weisen hat die Marx’sche Grundformel G – W – G‘ außer Kraft gesetzt, nach der man eine Summe G einsetzt, mit ihr eine Ware W kauft – und sie teurer verkauft, um dafür mehr Geld G‘ zu kassieren. Tatsächlich haben uns die Börsen vorgemacht, wie man das „W“ aus der Marx’schen Formel streicht und ohne Abstecher zum Profit gelangt: G – G‘ – das war’s! Haben wir in diesen Jahren nicht alle wieder gelernt zu glauben? Zu glauben, dass Geld nichts als Geld benötigt, um unseren Reichtum zu mehren?

Aber ach, seit der Banken- und Staatsschuldenkrise 2008 ff. wissen auch die frömmsten Geldgläubigen, dass sich die Wirklichkeit durch Finanzmarktzaubereien eine Zeitlang schönen, nicht aber bannen lässt. Diese Krise ist eine Kreditkrise, im doppelten Sinne des Wortes, also eine Schulden- und eine Glaubenskrise (credo, lat.: Ich glaube), von der der Staat als Emittent des Geldes, als Bürge seines Wertes und letzte Instanz unseres Geldglaubens in besonderem Maße betroffen ist. Der Staat allein kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen; bei ihm allein sammelt sich alle Haftung – und Hoffnung. Die Krise lässt sich daher nur verstehen, wenn man akzeptiert, dass der Gegensatz von Markt- und Staatswirtschaft in der modernen Geldwirtschaft aufgehoben ist. In Wirklichkeit haben wir es mit einem finanzmarktliberalen Staatskapitalismus zu tun, in dem Religion, Geld und Staat in Treu und Glauben aufeinander verwiesen sind: Kredit- und Vertrauenshändler alle drei, Schuldner des jeweils anderen, wechselseitig einander verbunden als Gläubiger und Beglaubigte.

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