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Geld Die schwarze Messe der Geldschöpfung

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Die Börse ist kein Markt der Märkte, sondern ein religiöser Heilsbezirk Quelle: Illustration: Wieslaw Smetek für WirtschaftsWoche

Die volkswirtschaftlichen Kosten der Banken- und Staatsschuldenkrise sind beinah unermesslich – und doch fallen sie gering aus im Vergleich zu dem Schaden, den unser Geld-Welt-Verständnis genommen hat. Weil die Billionen, mit denen die Staaten ihren Banken und sich selbst zu Hilfe eilen, keine Zukunft mehr bewirtschaften, sondern Vergangenheit, hat das moderne Kreditgeld nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Legitimation eingebüßt. Jeder weiß, dass frisch geschöpftes Geld heute nicht mehr fruchtbar ist, weil sich an seinen Einsatz die Erwartung seiner Vermehrung knüpfen würde, sondern dass dieses Kreditgeld ans Gestern verschwendet und zeugungsunfähig ist.

Die Schulden, die wir heute machen, zaubern keine Zukunft mehr ins Heute, sondern tischen uns die verpassten Chancen der Vergangenheit auf. Das Geld arbeitet nicht mehr mit Blick auf sein Mehr; es stottert eine Gegenwart ab, die ihre künftigen Potenziale schon verbraucht hat. Frische Kredite schöpfen kein Geld, mit dem wir Schulen bauen könnten, sondern klären uns darüber auf, dass wir in einer bereits hinter uns liegenden Gegenwart die Zukunft aufs Spiel gesetzt – und verloren haben.

Die Zukunft gewinnen!

Kulturhistorisch betrachtet, wird sich die doppelte Kreditkrise daher als Säkularisierungsschock für den Geldglauben erweisen, als unumkehrbarer Wendepunkt in der Geschichte des monetären Ausdehnungswillens. Wir leben in einer Übergangszeit, an der Schwelle zu einer neuen Epoche des Kapitalismus, in der wir es (wieder) mit profanem Geld zu tun haben werden, mit Geld, das nicht kultisch beschwört, sondern verantwortlich bearbeitet wird. Die autosexuelle Befruchtung seiner selbst hat das Geld in seine dynamische Selbsterschöpfung getrieben; nun ist es an uns, ihm einerseits die Grenzen seiner Selbstbearbeitung aufzuzeigen und ihm andererseits neue Zugriffsmöglichkeiten zu eröffnen – jenseits des bankrotten Finanzmarktkapitalismus.

Die Politik ist auf Spielräume angewiesen, die Wirtschaft lebt von Innovationen – und wir alle bilden an der Vorstellung dessen, was wir einmal sein wollen, unsere Identität aus. Die zentralen politischen Fragen des 21. Jahrhunderts stellen sich damit wie von selbst: Wie kann der Staat dafür sorgen, dass wir mit „seinem“ Geld wieder über eine Zukunft verfügen, die sich uns nicht als beschädigte Vergangenheit aufdrängt? Welche Zukunft können wir monetarisieren, ohne sie zu verlieren? Auf welche Ressourcen kann das Geld zugreifen, ohne sie zu verschwenden?

Dass das Geld einer neuen Zukunft den Weg ebnen kann, hat sich im Übergang vom Industrie- zum Konsumkapitalismus schon einmal erwiesen. Das Geld hat die gesellschaftliche Arbeitsteilung und damit die Abhängigkeit aller von allen gefördert, das Proletariat als Lohnsumme verdinglicht und Handwerker zu schleuniger Facharbeit gezwungen, es hat uns dem Diktat der Uhr und unser Denken seiner Expansionslogik unterworfen – und es hat uns zugleich mit all den zivilisatorischen Annehmlichkeiten entschädigt, die es kaufen kann.

Offenbar besteht der Clou des Geldes darin, dass es uns ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner systemischen „Macht“ zugleich gegen seine ökonomische Logik einnimmt, dass es unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge als sich selbst lenkt, dass es uns als Absolutgewordenes zwingt, seinen relativen Wert neu zu berechnen – und dass es uns Spielräume jenseits seines Herrschaftsbezirks eröffnet. Anders als Sozialisten und Banker, Sündenprediger und Nationalökonomen uns in seltsamer Einigkeit glauben machen wollen, ist die „Herrschaft des Geldes“ ein Mythos. Geld ist niemals (nur) Ziel unserer Leidenschaften, sondern immer (auch) Mittel unserer (anderweitigen) Selbst-Interessen. Eben deshalb sind wir gehalten, den überragenden Einfluss des Geldes zugleich einzuhegen und sein Vermehrungsvermögen zu fördern.

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